EZB-Anleihekauf Draghis Droge

Die Europäische Zentralbank (EZB) und ihr Präsident Mario Draghi fluten jene Länder, über deren Währung sie herrschen, mit einer gigantischen Geldsumme. Sie verhindern damit Reformen – und das macht uns Europäer arm.
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Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Ich glaube nicht an diese Medizin. Der Euroraum leidet darunter, dass einzelne Länder mehr ausgeben als sie verdienen. Das Medikament, das Mario Draghi dagegen heute verabreicht hat, heißt: Wir erleichtern euch das Schuldenmachen. Das ist so, als würde ein Alkoholiker zum Freibier eingeladen. Es ist so, als würde ein Junkie mit kostenlosem Stoff versorgt, damit er für die nächste Spritze nicht mehr klauen gehen muss. Es ist auf jeden Fall die falsche Medizin.

Natürlich gibt es heute welche, die Draghi, diesem Teufelskerl, gratulieren. Und natürlich haben sie Argumente auf ihrer Seite, die in Draghis Ohren prima klingen mögen: Der Mann hält die Zinsen niedrig und erleichtert damit die Kreditvergabe. Keine Bank soll einen Unternehmer ausbremsen, indem sie, anstatt ihm einen Kredit zu gewähren, das Geld lieber unproduktiv zu einem ordentlichen Zinssatz anlegt. Der Mann bringt den Eurokurs nach unten und sorgt damit für einen Konjunktur-Turbo, der durch staatliche Investitionsprogramme nur ungleich teurer zu erkaufen wäre.

Jeder Exporteur im Euroraum wird ihm dafür auf Knien danken. Und nicht vergessen: Draghi ölt vor allem die Scharniere der Wirtschaft - nämlich die Banken. Sie haben sich mit Staatsanleihen vollgesogen und die EZB sorgt nun durch ihr Ankaufprogramm dafür, dass der Wert dieser Anleihen noch steigt. Das hilft jeder Bankbilanz und glättet die Sorgenfalten einer ganzen Branche.

Es gibt auch die Nachdenklichen, die heute von Draghis großem Experiment sprechen. Die auf vergleichbare Programme der US-Notenbank verweisen und feststellen: In den USA sind sie derzeit von Erfolg gekrönt. Die Nachdenklichen warnen zwar vor der Geldpolitik mit der Brechstange, sie räumen aber ein, dass der Einsatz einer Brechstange mitunter zum Ziel führt.

Ich lehne das alles ab. Ich behaupte: Draghi ist kein Teufelskerl, er ist des Teufels. Die EZB-Politik des unbegrenzten Geldausgebens belastet Sparer und bestraft damit einseitig ein Verhalten, das die Wirtschaft braucht, um zu funktionieren: Wir können nicht nur ausgeben, sondern wir müssen auch Vorräte anlegen. Wo Geld durch keine Werte hinterlegt wird, ist Geld irgendwann nichts mehr wert.

Der Mann ist des Teufels, weil er unsere Altersvorsorge zum Witz macht. Jeder Staat im Euroraum hält seine Bürger an, selbst für ihr Alter vorzusorgen. Die EZB unterwandert diese Aufforderung, weil sie allen Sparprodukten, die auf sicheren Zinsen beruhen, das Wasser abgräbt. Wenn Mario Draghi einst seine Rente in der Toskana verfrühstückt, sitzt er dort als einsamer Mann, weil sich die übrigen Europäer diesen Traum im Alter nicht mehr leisten können. Die EZB schafft mit ihrer Politik ein Meer von armen Ruheständlern.

Schließlich: Die EZB-Entscheidung verhindert Reformen dort, wo sie dringend sein müssen. Staaten können weiter über ihre Verhältnisse leben und die Banken helfen ihnen dabei. Anstatt dass der eine den anderen beaufsichtigt, stecken beide unter einer Decke. Die Schuldenmacher in den Regierungssesseln haben ihre willfährigen Helfer in den Teppichetagen der Banken. Und wenn die in ihren Zahlen mal wieder nur noch rotsehen, können sie sich auf jene verlassen, die sie zuvor doch stets gestützt haben. Zugedeckt wird dieses Treiben mit dem eine Billion Euro schweren Mantel, mit dem die EZB nun den Euroraum gnädig umhüllt.

Nein, ich glaube nicht an Draghis Droge. Vielleicht hebt sie für den Moment die Stimmung, aber mir graut vor dem Kater.

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63 Kommentare zu "EZB-Anleihekauf: Draghis Droge"

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  • Hallo Herr Stock,

    ich bin wirklich überrascht über den Meinungsschwenk.

    Bringen Sie sich nun "in Stellung", damit man zukünftig mal sagen kann "ich habe das schon immer kritisch gesehen".....

    Nein - so kann das nicht laufen !!!!

    In Vorfeld wäre das Vertreten eines Standpunktes abseits des "Mainstream" oder kritisches Beleuchten der Risiken sinnvoll gewesen.
    Dann wären ggf. mal ein paar Leute mehr "aufgewacht" und diese Typen hätten evtl. nicht so einfach machen können was sie wollen und nun getan haben.

    In anderem Bezug hat man solches Verhalten mal als "Wendehals" tituliert.

    Denken Sie mal darüber nach.......

    MfG

    Jürgen Bertram

  • Sie begreifen es, aber es ist nicht ihr Vermögen, das vernichtet wird.

  • Wer trägt das Risiko, wenn am Wochenende die Griechen die Kommunisten gewinnen und einen Schuldenschnitt wollen/ihr Schulden nicht bedienen, die ja die EZB gekauft haben wird? Am Ende doch der dt. Steuerzahler in Relation seines Kapitalanteils an der EZB,oder?

  • Herr Stock und liebes Handelsblatt ! Das ist mehr als scheinheilig - die ganzen Monate und Jahre über haben Sie diese verfehlte Austeritäzspolitik lauthals unterstützt. Kritik habe ich hier nicht gelesen - FEHLANZEIGE ! Der ehrliche deutsche Bürger wurde und wird ausgeplündert und verliert seine Spareinlagen. Das Handelsblatt selbst hat damals hier aufgerufen - man solle aus Solidarität griechische Staatsanleihen kaufen und die Rettungspolitik unterstützen. Das Handelsblatt will eine "Wirtschaftszeitung" sein - jeder Stammtischbruder hat schon im Jahr 2010 erkannt, dass das mit Griechenland in die Hose geht ! Das Handelsblatt hat all die Jahre die Interessen der Finanzdynastie vertreten ! Entweder es fehlt beim HB an Sachkompetenz oder man hat willfährig die Interessen der Finanzobligarchie wider besseren Wissens vertreten !

  • Für die Versicherten der PKV wird es bald zu einem bösen Erwachen kommen. Auch die private Altersversicherung ist ein Witz geworden und die Leute, die ihr Geld in Aktien und Immobilien anlegen können, lachen sich ins Fäustchen. Der Mittelstand wird vernichtet und beraubt. Von unseren eigenen Politikern - mit einem Lächeln und einem "es gibt aber keine Alternative". Deshalb wird Pegida und Co so bekämpft. Nicht für ihren latenten Ausländerhass, sondern weil sich hier langsam aber sicher die Betrogenen zusammenfinden und anfangen zu knurren und zu murren. Liebe Politiker - ihr solltet froh sein, dass die Ausländer euch den Part der Zielscheibe der Kritik noch abnehmen. Wenn die Bürger dieses Landes begreifen, was das eigentlich bedeutet, was ihr und eure EZB da machen, dann werdet ihr in den Fokus dieser Wut geraten. Ich schreibe eure EZB, denn ihr habt - unabhängig von eurer Parteizugehörigkeit, alle gelogen und betrogen bezüglich dieses tollen Europrojektes. Ihr habt das Gute in der Idee der EU verraten und ihr habt den Grundstein dafür gelegt, dass sich Staaten wieder hassen und irgendwann einander an die Gurgel gehen wollen. Wenn die Rechnung aufgemacht wird für diesen Wahnsinn, dann werden wir alle eine große Katastrophe erleben.

  • "Draghi verschenkt"

    Es ist richtig, dass den Gewinn, der durch Marktverzerrung entstanden ist, andere einstreichen und die öffentliche Hand auf dem Risiko sitzen bleibt.

    Dennoch muss jemand - zumindest vordergründig - haften und die Schulden tilgen. Damit man den Deutschen auch nach dem italienischen oder griechischen Schuldenschnitt weiter Geld leiht, sollte man hier doch vorsichtig sein. Sonst geht es uns irgendwann mal so wie Argentinien. ;)

    Machen wir lieber nicht den Fehler, den die Italiener gerade machen.

  • bei der Einführung des Euro bekam man ca. 1,50 schweizer Franken, heute weniger als 1,0 schweizer Franken.

    Ich denke das zeigt den Kaufkraftverlust ganz gut.

  • @ Wilhelm die Milchmädchenrechnung nein sogar die falschrechnung machen leider Sie .Eine exportnation wie Deutschland die hochwertige Güter exportiert und keine Oliven kann sich schlicht und einfach keine Schwachwährung leisten weil sie komplett unattraktiv für ausländische Investitionen wird denn die investieren nicht in schwachwährungen. Deutschland ist izu DM Zeiten mit einer starkwährung Exportweltmeister geworden und hat die besten Ingenieure hervorgebracht weil es iseine Fachkräfte mit einer starken Währung bezahlen konnte. Mit einer Schwachwährung wandern die guten Köpfe aus was sie ja heute schon merken. Was sie erzählen sind Märchen

  • "Fortführung der Eurorettung unendliches Leid"

    Man kann den Euro retten. Man kann ihn aber nicht retten, in dem man sich vor dem notwendigen drückt und alles auf die lange Bank schiebt. Man hilft den Regierungen nicht bei schmerzhaften Reformen, indem man den Druck mit der Notenbank wegnimmt. Das Resultat werden wir sehr wahrscheinlich beobachten müssen: Italien und Frankreich haben Notwendiges verschlafen und werden sich ohne sich weiter auf die EZB stützen zu können - mangels Reformen - von den Weltmärkten erdrückt. Das kommt jetzt doppelt schlimm.

  • Verehrter Herr Kalnika,

    Sie haben absolut recht! In einer Phase niedriger Inflation muss der Staat mehr investieren: Bildung, Infrastruktur etc. Dies gilt nicht nur fuer Deutschland, sondern fuer alle Staaten. Wohin haben strikte Sparmaßnahmen in Griechenland, Portugal etc. geführt? Verarmung und hohe Arbeitslosigkeit! Die Verluste, die volkswirtschaftlich durch Arbeitslosigkeit entstehen sind schwerwiegend.
    Leider scheint sich die Einsicht bei vielen Politikern, einschliesslich Finanzminister, ebenso wie bei vielen Kommentatoren hier, nicht durchzusetzen. Stattdessen wird manchmal ein ganz schöner Unfug, gespickt mit unangebrachten Beleidigungen und Verhöhnungen, verbreitet. Da schreibt jemand, Frankreich und Italien würden Geld drucken - offensichtlich hat dieser Autor nicht verstanden, dass das Geld von der EZB kommt. Ein anderer ist der Meinung, die EZB könnte Verluste machen und Deutschland müsste dafür teilweise aufkommen.
    Egal wie, ich bin froh, dass Sie Ihren Kommentar geschrieben haben und hoffe, andere werden ihn lesen und versuchen, ihn zu verstehen.

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