Finanzkrise Das System sind wir

Verantwortlichen Kapitalismus kann es nur geben, wenn sich jeder fragt: Was kann ich beitragen? Der Vorstandschefs des weltgrößten Rückversicherers gibt Antworten.
  • Nikolaus von Bomhard
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Nikolaus von Bomhard, Vorstandsvorsitzender der Münchener Re. Quelle: dpa

Nikolaus von Bomhard, Vorstandsvorsitzender der Münchener Re.

(Foto: dpa)

MünchenDie Finanzkrise beschert uns zu Recht eine Debatte über den Kapitalismus, die sich in Deutschland an seiner gemäßigten Variante, der Sozialen Marktwirtschaft, festmacht. Dabei muss man sich stets klarmachen, dass die Soziale Marktwirtschaft als Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nur einen Rahmen vorgeben will, innerhalb dessen die einzelnen Akteure wirken. Denn es geht ja darum, den kreativen Kräften der Menschen Raum zu geben und zu belassen, um ihre Wünsche bestmöglich zu befriedigen.

Die Fehlentwicklungen, die die Finanzkrise offenbart hat, betreffen dabei gleichermaßen den Rahmen wie auch die Art und Weise, mit der innerhalb dieses Rahmens gehandelt wird. Oft wird übersehen, dass eben auch der Rahmen der Sozialen Marktwirtschaft menschengemacht ist. Wenn, wie im Folgenden, verantwortliches Handeln gefordert wird, so gilt das also nicht nur für die Akteure im Finanzmarkt.

Die Festlegung und konkrete Ausgestaltung des Rahmens der Sozialen Marktwirtschaft erfolgen im Diskurs der gesellschaftlichen Kräfte, an dessen Ende der gefundene Konsens von der Legislative in die starre Form des Gesetzes gegossen wird. Und schon bei diesem für den Bürger gerade bei sperrigen Fragen der Finanzmarktverfassung oft wenig transparenten Prozess ist über die Zeit einiges schiefgelaufen. Einem blinden Vertrauen auf die segensreiche Kraft der Märkte folgend wurde die Regulierung entweder immer wieder zurückgenommen oder, auch wenn es angesichts der Produkt- und Marktentwicklung evident notwendig war, ganz unterlassen. Dabei haben Argumente die Oberhand gewonnen, denen man folgen konnte, aber eben nicht musste: der Druck des globalen Wettbewerbs bezüglich der Renditevorgaben oder des Standorts, die Notwendigkeit, das globale Wachstum zu beschleunigen, oder aber rein fiskalische Interessen. Ein Lobbying, das allein die Eigeninteressen zum Maß der Argumente macht, oder eine Politik, die die Vernunft auf dem Altar des globalen Wettbewerbs opfert, sind nur zwei Beispiele für eine viel zu enge Sicht der eigenen Verantwortung. Hinter diesem Vorgehen stehen immer Einzelne, die auch anders hätten entscheiden und handeln können, aber dies – übrigens oft mit Hinweis auf das Vorgehen anderer – als unmöglich bezeichneten. Die für unsere Gesellschaftsordnung so bedeutende Freiheit zur Entscheidung wurde nicht genutzt. Eine zusätzliche Herausforderung ist, dass der Prozess der unvernünftigen Deregulierung schleichend und unzusammenhängend verlief. Es war gar nicht so leicht, das unselige Zusammenwirken einzelner Entscheidungen zu erkennen. Aber: Es war auch nicht unmöglich.

Endabnehmer der Finanzprodukte sind mitverantwortlich
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9 Kommentare zu "Finanzkrise: Das System sind wir "

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  • Es gibt nur zwei Lösungen:
    Entweder werden die einzigen wirksamen Mechanismen gegen diese Exponentialverdichtung von Einkommen und Vermögen eingesetzt. Den Steuern. Also Vermögen abbauen durch erhebliche Vermögenssteuern. Und die Einkommen wieder von oben nach unten und mittlerweile sogar der geschröpften Mitte verteilen durch erhebliche Einkommenssteuern. Und damit sind eher 70-80% als 50% gemeint.
    Das gab es schon oft, z.B. durch den New Deal in den damals auch bereits kapitalistischen USA oder von Charles de Gaulle.

    Oder das System crasht komplett und es gibt einen Reset. Also eine Währungsreform.

    Die zweite Variante ging nie und wird nie ohne Krawalle durch Elend verursacht vonstatten gehen. Nie.

    Also, noch haben wir die Wahl. NOCH!

  • Das Hauptproblem spricht auch niemand Relevantes an. Das ist der Zinseszinseffekt. Wie mächtig der ist, ist am sogenannten Josefspfennig plastisch erklärt, bzw in seinen Dimensionen damit verständlich gemacht. Kurz erklärt:
    Geld, das Zinseszinsen trägt, wächst anfangs langsam; da aber die Rate des Wachstums sich fortwährend beschleunigt, wird sie nach einiger Zeit so rasch, dass sie jeder Einbildung spottet. Ein Pfennig, ausgeliehen bei der Geburt von Jesus auf Zinseszinsen zu 5 %, würde schon jetzt zu einer größeren Summe herangewachsen sein, als enthalten wäre in 150 Millionen Erden, alle aus purem Gold!! Würde Jesus nur die Zinsen jedes Jahr abheben, hätte er lediglich ein paar Mark an Zinsen kassiert!! Unvorstellbar!

    Geld wird erschaffen aus Zinsen. Das ist in knappen Grenzen OK, da kleine Zinssätze im Geschäftsverkehr Sinn machen und der Zinseszinseffekt (Josefspfennig) in überschaubaren, für die Weltwirtschaft in verträglichen Grenzen bleibt.
    Heutzutage ist der Anteil am weltweiten BIP durch Finanzgeschäfte aber selbstzerstörerisch.
    Die Zahlen, die ich jetzt nenne, kommen vom IWF.
    In den 70er Jahren war der Anteil der Ausgaben des Einkommens für Zinsen im Schnitt bei ca 10%. Zinsen direkt für Kredite, anteilig in Produktpreisen beim Konsum an den Zinsen bzw Renditen der Unternehmen, anteilig in Form von Steuern an den Zinsen des Staates etc.
    In den 80er bei fast 20% und heute bei ca 40%!!

    Das bedeutet, dass denjenigen, die weniger, gar keinen oder gar negative Belastung (also Einnahmen) ihres Einkommens an Zinsen haben das Geld von allen anderen zugespült bekommen.
    So funktioniert die immer höhere Verdichtung von Einkommen und Vermögen bei immer weniger Menschen.

    Diese Exponentialkurve (soll sich jeder mal graphisch anschauen, z.B. in entsprechenden Programmen einfach Y=X² eingeben) steigt eine Zeit lang sehr moderat an. Ab einem Zeitpunkt X explodiert sie. Und in diesen Zeiten sind wir.

  • Ich kann nur zustimmen, dass der Autor die Pflicht zu Regeln durch die Legislative und die Verantwortung der Erfinder von realwirtschaftlich sinnlosen immer komplexeren Produkten und für den normal Anleger nicht machbaren HFTs die Verantwortung abspricht. Er drückt sich eloquent aus. Letztendlich ist es aber die typische Masche, machen ja alle so. Ich finde das Statement sehr schwach und durchschaubar neo-liberal.
    Also, nicht Neues von der Wirtschafts-Elite!

  • Oder wir sehen uns einen produzierenden Betrieb an, dann wäre zu entscheiden, ob z.B. in eine neue Maschine, die die Lohnstückkosten senken würde, jetzt oder erst später investieren sollte. Die Investition aufzuschieben erhöht den kurzfristen Gewinn oder die Rendite, jedoch kann langfristig der mittlere Gewinn höher sein, wenn man die Investition tätigt. Hier müssten Sie auch nicht nur ein guter Wirtschaftsprüfer sein, sondern auch ein guter Techniker mit Branchenspezifischen Kenntnissen, um die Auswirkung der neuen Maschine auf die Lohnstückkosten zu bewerten. Aus meiner Sicht bräuchten Sie hier noch einmal die gleiche Mannschaftsstärke wie das Unternehmen selbst, um feststellen zu können, ob Sie nicht über den Tisch gezogen wurden. Das ist aus meiner Sicht impraktikabel.
    Aus meiner Sicht sind das Problem rein die Manager, die mit ihren kurzen Verträgen rein den kurzfristigen Gewinn im Auge haben. Daher werden Investitionen aufgeschoben, Forschungsprojekte gestrichen und Mitarbeiter abgebaut, auch wenn das dem langfristigen Unternehmenserfolg schadet, aber wenn diese Schäden zu Tage treten, dann sind diese Manager schon längst weiter gezogen.

  • Hallo Etham,
    Ich bin da absolut Ihrer Meinung und ich frage mich trotzdem, ob hier mehr Transparenz das Problem wirklich löst. Aus meiner Sicht gibt es zwei Arten der Transparenz:
    1. Alle Angebote aller Käufer und Verkäufer sind bekannt, wozu das Internet wesentlich beigetragen hat
    2. Transparenz über den Angebotspreisbildungsprozess bzw. die Ermittlung einer angemessenen Rendite
    Bezüglich Zweiterem stellen Sie sich bitte vor, Sie wollen die Anleihe von einer Versicherung kaufen und Sie hätten jenen Einblick, den sonst nur der Wirtschaftsprüfer hat. Trotzdem könnten Sie noch nicht die Rendite bewerten, denn Sie haben noch keinen Überblick über das Risiko in den einzelnen Geschäftsfeldern. Dazu müssten Sie die gleiche Anzahl an Aktuaren wie die Versicherung selbst beschäftigen, um das Risiko zu bewerten und damit die notwendige Rendite zu beurteilen.

  • Der Mann lebt irgendwie auf einem anderen Stern, oder im Heim.

    Seit 20 Jahren, seit dem Zusammenbruch des Ostblocks als Konkurrenzsystem zum westlichen Kapitalismus entfernen sich die Machthaber der westlichen Welt vom Wohl der Menschen.

    Der neoliberale Wahnsinn, die alleinige Ausrichtung alles Tuns auf die Gier nach Geld wird betrieben von den Reichen der Welt, abgesichert durch die Marionettenregierungen in den westlichen Ländern.

    Wie der Widerstand dagegen niedergeschlagen wird, sehen wir an Polizeieinsätzen gegen die Ocupy-Bewegung, am Acta-Abkommen usw. Die undemokratische Installierung wirtschaftsfreundlicher Regierungen in Italien und Griechenland sind ebenfalls Belege dafür.


    Parallel dazu erfolgt die Bereicherung immer weniger zuLasten der arbeitenden Bürger.

    Und dies will man eben diesen Menschen vorwerfen????
    Der Mann läuft wirklich neben der Spur.

  • Das System muss weg.

  • Ich bin mir nach dem Artikel nicht sicher, ob Herr von Bomhard verstanden hat, warum es zur Wirtschafts- und Finanzkrise in der „sozialen Marktwirtschaft“ gekommen ist. Wenn Herr von Bomhard der Ansicht ist, dass es nur am einzelnen liegt, „jeder Einzelne an seinem Platz, die dieses System schaffen und erst mit Leben erfüllen“, dann erscheint mir diese Sichtweise doch etwas pastoral zu sein. Auch heute noch treffe ich nicht wenige Menschen im Osten von Deutschlands, die der Ansicht sind, dass nicht der Sozialismus als System versagt hat, sondern es einzelne waren, die sich nicht an die „guten Sitten“ hielten. Und deshalb sei der Sozialismus untergegangen. Mit Verlaub erscheint mir diese Wahrnehmung ebenfalls etwas naiv. Wenn Marktwirtschaft bedeuten soll, dass Transparenz auf den Märkten besteht, dann gibt es noch eine Menge zu tun. Ein wesentlicher Mangel der „sozialen Marktwirtschaft“ scheint mir die fehlende Transparenz und die fehlende Partizipation des einzelnen zu sein, um auf dem Markt im Sinne der „guten Sitten“ handeln zu können.

  • Salbungsvolle Worte die gut klingen und es bleibt irgendwie der Eindruck zurück, dass der gute Herr Bomhard eine Fehlbesetzung ist, denn er hat offensichtlich von der Wirtschaft keine Ahnung. Die Krise an den Finanzmärkten mit dem Verfall der Sitten zu erklären, und vom Anleger zu verlangen, dass er auf Rendite verzichten solle, ist absurd. Denn ein Anleger kann gar nicht wissen was eine angemessene Rendite wäre.
    Auf der anderen Seite ist es freilich erstaunlich, dass die Akteure, die die Welt mit reichlicher Liquidität versorgten und damit die Fehllenkung der Ressourcen zu verantworten haben, bisher von Ratschlägen verschont geblieben sind. Denn schon vor gut siebzig Jahren hat der Ökonom und Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek eine Theorie formuliert, die die heutige Weltwirtschaftskrise schlüssig erklärt. Seine Konjunkturtheorie betont die monetären Faktoren, also die Rolle des Geldes und der Kredite, die die Investitionen finanzieren. Viel notwendiger wäre es daher die Anreize zum Fehlverhalten zu beenden, also die Politik des billigen Geldes, die zu hohen Risiken einlädt, wie auch die staatlichen Nothilfen zu beenden.

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