Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Gastkommentar Nur mit gelebter Gleichberechtigung haben wir eine Zukunft

Gleichberechtigung bleibt ein steiniger Weg. Doch sie bringt uns alle weiter – Frauen wie auch Männer. Sie ist eine elementare Frage der Demokratie.  
Kommentieren
Ursula von der Leyen: Die Armee der Europäer nimmt Gestalt an Quelle: AP
Die Autorin

Ursula von der Leyen ist Bundesverteidigungsministerin.

(Foto: AP)

Heute, am Weltfrauentag, haben wir allen Grund zu feiern: „Wir“, das heißt Frauen und Männer. Denn Gleichberechtigung bringt uns alle voran, nicht nur die Frauen. Und sie braucht uns alle, um vorangebracht zu werden. Es ist zwar viel erreicht, aber gesichert ist das noch keineswegs.

All unser Tun ist erfolgreicher, kreativer, flexibler und nachhaltiger, wenn wir allen Talenten unseres Landes die Chance auf Entfaltung geben. Und wir stärken unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Bundeskanzlerin hat es anlässlich des 100. Jahrestags der Einführung des Frauenwahlrechts auf den Punkt gebracht: „Gleichberechtigung ist eine elementare Frage der Demokratie.“

So gesehen, steht es gar nicht schlecht um unsere Demokratie: Frauen haben heute längst alle Bastionen geknackt. Frauen fliegen Düsenjets und segeln einhand um die Welt, führen Automobil- und Hightech-Konzerne wie General Motors und IBM, leiten die Weltbank, den Internationalen Währungsfonds, das Berliner Polizeipräsidium – und sogar Partien der Fußball-Bundesliga …

Aus der Politik sind weibliche Führungsfiguren nicht mehr wegzudenken. Theresa May zeigt derzeit, welche Nehmerqualitäten in einer weiblichen „stiff upper lip“ stecken. Nancy Pelosi ist die wichtigste Gegenspielerin des mächtigen US-Präsidenten. Und Angela Merkel ist im 14. Jahr ihrer Kanzlerschaft unverändert ein Garant für europäischen Zusammenhalt, für Wachstum und Wohlstand in Deutschland.

Es ist selbstverständlich, dass wir Frauen am Konferenztisch sitzen

Dass ihr im Parteivorsitz der altehrwürdigen CDU mit Annegret Kramp-Karrenbauer eine Frau nachgefolgt ist, verdient kaum noch eine besondere Erwähnung. Ebenso wie die Tatsache, dass ich in der Nato eine von sechs Verteidigungsministerinnen bin. Das ist eine Zahl, die ich recherchieren musste – gezählt werden wir nämlich schon lange nicht mehr. Es ist schlicht selbstverständlich, dass wir Frauen am Konferenztisch sitzen. Also: Mission accomplished? Leider nein.

Solange Frau und Mann für gleiche Arbeit nicht gleiches Geld verdienen, ist es für Selbstzufriedenheit zu früh. Und obwohl erfolgreiche Frauen ihren Exotenstatus in vielen Berufen weitgehend abgelegt haben, bleiben sie doch und vor allem in Spitzenpositionen deutlich unterrepräsentiert.

So waren 2018 noch immer nur acht Prozent der Vorstände börsennotierter deutscher Unternehmen weiblich. In den Vorständen dieser Unternehmen finden sich mehr Männer mit Vornamen Thomas oder Michael als Frauen insgesamt (49:46). Und noch immer gibt es keine Frau an der Spitze eines deutschen Dax-Unternehmens. Auch im Vergleich mit Frankreich, Polen, Schweden und den USA ist das beschämend.

Noch mehr Grund zur Sorge bereitet mir der Eindruck, dass die erreichten Erfolge auf brüchigem Fundament stehen. Obwohl Frauen immer besser ausgebildet sind, mehr weibliche Vorbilder vorfinden als früher und viele auch mit Macht in die Karrieren drängen, nimmt ihr Anteil auf vielen Feldern derzeit sogar wieder ab.

Zum Beispiel stellt der Gender Gap Report des World Economic Forum 2018 fest, dass der Anteil von Frauen in vielen westlichen Parlamenten rückläufig ist. Auch der Bundestag bildet da leider keine Ausnahme: In der aktuellen Legislaturperiode sind rund 31 Prozent der Abgeordneten weiblich, sechs Prozentpunkte weniger als zuvor.

Der Anteil von Frauen ist in vielen westlichen Parlamenten rückläufig

Das zeigt, dass strukturelle Nachteile sich eben nicht von selbst auswachsen und dass freiwillige Selbstverpflichtungen nicht genügen. Was wir brauchen, ist eine Kultur, die Gleichberechtigung achtet und im Alltäglichen einfordert. Und wir brauchen leider weiterhin eine Politik, die unablässig steuert, misst, zählt und drängt. So wie es im Artikel 3, Absatz 2, Satz 2 des Grundgesetzes steht: Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

Das habe ich mir auch für meinen eigenen Verantwortungsbereich auf die Fahne geschrieben. Ein Gesamtfrauenanteil von zwölf Prozent in den Streitkräften ist zwar noch unbefriedigend. Aber der Anstieg seit 2013 in einer Truppe, die erst 2001 vollständig für Frauen geöffnet wurde, um drei Prozentpunkte oder mehr als ein Fünftel bei den Soldatinnen ist spürbar.

Der Anteil von Zivilistinnen in der Bundeswehr liegt noch höher. Bei den Beamten sind es 31 Prozent, bei den Tarifbeschäftigten rund 40 Prozent. Aber natürlich wünsche ich mir auch auf der Generalsebene in den kommenden Jahren Bewegung.

Der Weg dahin ist harte Arbeit. Er führt über Zielvereinbarungen über die Besetzung von Führungspositionen mit Frauen, die ich etwa mit den Abteilungsleitern, dem Inspekteur des Sanitätsdienstes oder der Leitung des Bundessprachenamtes abschließe. Wir haben ein Mentoring-Programm für Nachwuchsführungskräfte aufgesetzt, um den besten weiblichen Talenten früh das notwendige Rüstzeug für die höchsten Ebenen mit auf den Weg zu geben.

Die Bundeswehr sucht auch gezielt den Austausch mit Externen aus Wirtschaft, Wissenschaft, öffentlichem Sektor und Medien, um „Best practice“-Beispiele für mehr Chancengerechtigkeit auszutauschen.

Jede dritte Bewerbung als Offiziersanwärter kommt von einer Frau

Darüber hinaus muss an vielen außerhalb der Streitkräfte längst bekannten Stellschrauben gedreht werden – von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf über transparente Karrierepfade bis hin zu sichtbaren weiblichen Vorbildern bis hinauf in die Generalität. Da sind wir dran. Es ist sehr ermutigend, dass inzwischen jede dritte Bewerbung als Offiziersanwärter von einer Frau kommt.

Dennoch ist es meine Erfahrung, dass der weitere Weg dieser Frauen nach oben kein Selbstläufer ist. Woran liegt das? Starke Frauen schaffen es zwar an die Spitze, aber sie sind nicht in ausreichender Zahl dort präsent, wo Regeln und „normale“ Karrieren gemacht werden – in den Gremien, den Clubs, den wichtigen Netzwerken, den Auswahlzirkeln der Personalabteilungen. 

Zu viele der herausragenden Frauen, die heute weltweit und insbesondere in Deutschland Toppositionen bekleiden, brauchten neben harter und exzellenter Arbeit noch eine Menge Glück und die Hilfe eines Mentors, um nicht in diesen Filtern gestoppt zu werden. Im Regelbetrieb bleiben heute leider noch viel zu viele weibliche Talente in den Sieben hängen, die gleich gute Männer noch locker passieren. Trotz im Schnitt besserer Bildungsergebnisse, trotz Topausbildung, trotz erster Meriten im Job.

 Ich erlebe das in meiner Organisation täglich. Wenn es um Beförderungen geht, stehen solche Frauen zuhauf auf jeder Longlist, auf der Shortlist nur noch selten, und wenn der Job vergeben ist, hat oft – wenn man nicht beizeiten „Stopp!“ ruft — trotz der formal starken weiblichen Konkurrenz doch wieder ein Mann die Nase vorn. Ich lasse mir dann die Unterlagen kommen, hinterfrage die Auswahl, und gar nicht selten kann die Stelle dann doch mit einer qualifizierten Frau besetzt werden.

Wir Frauen kümmern uns zu oft zu spät

Und ich erlebe es in meiner Partei. Zum einen haben wir bereits einen Mangel an Frauen an der Basis, unter unseren Mitgliedern. Allein aus diesem Grund ist das Angebot qualifizierter Kandidatinnen beschränkt. Hinzu kommt: Wir Frauen kümmern uns zu spät, oder es gibt in der enorm wichtigen Frühphase, in der der Auswahlprozess gestaltet und bereits Pflöcke eingeschlagen werden, niemand auf Kandidatinnen acht. So fühlen sich diejenigen, die es in ein Amt oder Mandat schaffen, oft lange allein und müssen zudem mit der Unterstellung der „Quotenfrau“ kämpfen. Nur bei genügend großem Angebot aber werden wir es erreichen, dass die Auswahl oft besser qualifizierter Frauen zur Normalität wird.

 Schließlich: Gremiensitzungen und andere Parteiaktivitäten nehmen selten Rücksicht auf die Bedürfnisse von Frauen, die gut organisiert mehrere Pflichten in Einklang bringen wollen und müssen. Ausufernde Besprechungen ohne klares Ziel und Struktur stellen gerade solche Frauen oft nicht zufrieden, manche hochqualifizierten Männer übrigens auch nicht. Auch bei Informationsfluss und Vorabsprachen können wir Frauen von den männlichen Netzwerken viel lernen.

In den seltensten Fällen ist das Gesamtergebnis Absicht. Im Gegenteil: Häufig ist am Ende der Katzenjammer groß, wenn die Verantwortlichen nach Ablauf aller Fristen realisieren, dass wieder Frauen auf den Listen und Plakaten fehlen. Eine Kultur, die mehr Frauen zur aktiven Arbeit in Parteien einlädt, und ihre gezielte Förderung, wenn sie bei uns sind, sind deswegen für mich Führungsaufgaben, die notfalls top down durchgesetzt werden müssen.

Es gibt für mich nur eine dauerhafte Lösung des Problems. Wir Frauen müssen auf allen Ebenen so stark werden, dass man uns nicht mehr übersehen kann – bewusst oder unbewusst. Bis diese Präsenz erreicht ist, braucht es aktive Förderung. Das Schöne ist, dass am Ende von gerechten und gleichen Chancen alle profitieren. Nur mit gelebter Gleichberechtigung von Mann und Frau erreichen wir den gesellschaftlichen Zusammenhalt, der so grundlegend ist für jede lebendige und moderne Demokratie.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Gastkommentar - Nur mit gelebter Gleichberechtigung haben wir eine Zukunft

0 Kommentare zu "Gastkommentar: Nur mit gelebter Gleichberechtigung haben wir eine Zukunft"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.