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Gastkommentar Wir brauchen eine ernsthafte, tabufreie Klimapolitik

Die Zeit der sinnlosen Spielereien ist vorbei. Um die Klimaziele noch zu erreichen, muss endlich gehandelt werden. Zwei Wege versprechen die Lösung.
4 Kommentare
Hans-Werner Sinn: Wir brauchen eine ernsthafte Klimapolitik Quelle: AFP
Hans-Werner Sinn

Der Autor ist Ökonom und war Chef des Ifo-Instituts.

(Foto: AFP)

Emmanuel Macron hält Deutschlands Wirtschaft für ein Auslaufmodell. Wenn er damit die Energiepolitik meint, könnte er recht haben. Während Frankreich siebzig Prozent seines Stroms aus Kernenergie herstellt, will Deutschland den Doppelausstieg aus Atomkraft und Kohle.

Das ist jedoch kaum zu schaffen, denn der Widerstand gegen die Windanlagen wächst, weil sie die Landschaft verschandeln und in Industriegebiete verwandeln. Wie Pilze schießen die Bürgerbewegungen gegen die Grobiane aus dem Boden.

Wind- und Sonnenstrom sind zudem sehr unstet, und sie sind außerstande, den Strom nach Bedarf zu produzieren. Mal fehlt der Strom, mal gibt es zu viel davon. Weht kein Wind und scheint keine Sonne, müssen konventionelle Kraftwerke die Versorgung sichern. Kein einziges konventionelles Kraftwerk kann wegen der Wind- und Solaranlagen abgebaut werden.

Weht ein kräftiger Wind und scheint zugleich die Sonne, gibt es bisweilen schon heute so viel grünen Strom, dass der Strompreis negativ wird. Das Problem wird sich dramatisch verschärfen, wenn der Marktanteil des Wind- und Sonnenstroms, der heute 25 Prozent beträgt, über 30 Prozent hinaus erhöht wird.

Dann nämlich beginnen die ersten Stromspitzen den Verbrauch zu übersteigen, und man weiß nicht, wohin damit. Der Anteil der auf den Überschuss entfallenden Energie wächst progressiv gegen 100 Prozent, wenn auch der Marktanteil des direkt nutzbaren Wind- und Sonnenstroms gegen 100 Prozent geht.

Selbst wenn man einen perfekten Stromverbund von den Alpen bis nach Norwegen herstellen und in den beteiligten Ländern alle geologisch möglichen Pumpspeicher bauen würde, könnte der Marktanteil des Wind- und Sonnenstroms nicht über 50 Prozent wachsen, ohne dass ein immer größerer Teil der überschießenden Stromspitzen verklappt oder durch den Wechsel der Entropiestufe (Umwandlung in Wärme oder Gas) degeneriert wird.

Schon heute zahlen Deutschlands Haushalte wegen der Subventionierung des grünen Stroms durch das EEG die höchsten Strompreise Europas. Wenn nun auch noch große Teile des Verkehrs mit Strom betrieben werden sollen, wie es die EU mit ihrer Flottenverbrauchsregulierung zu erzwingen versucht, wird der Nachfrageschub die Strompreise noch weiter in den Himmel treiben und den Industriestandort Deutschland nachhaltig schädigen.

Es gibt nur zwei Auswege

Und wenn Deutschland stattdessen die Preise konstant halten möchte, indem es darauf verzichtet, seinen Strommix weiter zu vergrünen, wird der CO2-Ausstoß durch die Elektrifizierung des Verkehrs nicht zu verringern sein. Das Land wird dann seine CO2-Ziele kläglich verfehlen.

Technisch gibt es nur zwei Auswege aus der Zwickmühle. Der erste besteht darin, die Kohlekraftwerke auf Gas umzustellen, denn bei der Gasverbrennung entsteht nur etwa halb so viel CO2 wie bei der Kohleverbrennung. Deutschland kann damit immerhin 130 Millionen von insgesamt 900 Millionen Tonnen CO2 einsparen.

Dafür braucht es neue Gaspipelines wie zum Beispiel die Nord-Stream-2-Pipeline. Gerade diese Pipeline wird jedoch von der EU-Kommission, nicht zuletzt auch von Frankreich massiv behindert. Der zweite liegt in der Kernkraft.

So kann Deutschland ausländischen Atomstrom kaufen oder selbst neue Kernkraftwerke bauen. Schweden hat bereits 2016 den Ausstieg aus dem Atomausstieg verkündet. Auch Greta preist die Atomkraft als Lösung des Klimaproblems.

Die besten Wege zur CO2-Reduktion durch Technologiewandel und Nachfrageeinschränkung sollte man ergebnisoffen vom Markt suchen lassen, indem man den CO2-Ausstoß flächendeckend und europaweit mit einem einheitlichen Preis versieht.

Statt den Preis politisch festzulegen, ist es freilich besser, ihn durch einen Emissionshandel mit einem Preiskorridor festlegen zu lassen, weil man nur so die CO2-Mengen selbst im Griff hat. Der vorhandene Emissionshandel ist dazu von den Kraftwerken auf die gesamte Wirtschaft inklusive der privaten Verbraucher fossiler Brennstoffe auszuweiten.

Dann braucht man keine DIN-Verordnungen für die Isolierung von Häusern mehr und auch keine EU-Vorschriften zur Begrenzung der Kraft von Staubsaugern oder zum Verbot bestimmter Leuchtmittel. Das teure und wegen des Emissionshandels ohnehin unwirksame EEG kann genauso entfallen wie die Flottenverbrauchsregulierung bei den Autos, mit der die EU so viel Schindluder betreibt.

Die Zeit der sinnlosen Spielereien muss ein Ende haben, denn die Welt wird tatsächlich wärmer. Von nun an ist ernsthafte, tabufreie Klimapolitik angesagt.

Mehr: So könnte Deutschland das meiste CO2 einsparen: Ideen zu Energie, Verkehr, Landwirtschaft, Industrie und Gebäude.

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4 Kommentare zu "Gastkommentar: Wir brauchen eine ernsthafte, tabufreie Klimapolitik"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Ich verstehe nicht, warum Hans-Werner Sinn immer noch eine Bühne bekommt, ist er doch der Autor der einseitigen und unwissenschaftlichen Studie zu Elektroautos, die von sämtlichen Medien von Focus bis Spiegel sofort widerlegt wurde und von anderen Wissenschaftlern scharf kritisiert wurde? Vermutlich ist es sinnvoll, das Gegenteil von dem zu tun, was er fordert?

  • Ick würde den Satz abändern in: " Die Zeit der sinnlosen (Spielereien) Spinnereien ist vorbei. Um die Klimaziele noch zu erreichen, muss endlich gehandelt werden.
    Unsere Politik, allen voran die Grünen wollen alles und das sofort wie verzogene Kinder und das Ganze ohne den notwendigen Sachverstand.

    Der Gastkommentar von Prof. Sinn ist analytisch und von bestechender Klarheit.

    Es war und ist falsch die Kernkraftwerke abzuschalten, die Länder um uns herum verstärken ihre Aktivitäten in der Kernkraftwerkstechnologie. China will bis 2050 erstes Kernkraftwerk der neuen Tenologie ans Netz bringen.

    Es waren die Grünen die den Transrapid verhindert haben, ein Transportmittel, das das Flugzeug, Auto Europaweit großteils überflüssig gemacht hätte.

  • Bravo...!!! Neoliberal hin oder her: Das nenne ich einfach "gesunden Menschenverstand"
    Gesunder Menschenverstand hat noch nie geschadet, blitzt heutzutage aber nur ziemlich selten durch.
    An Klima- und Umweltschutz muss jeder interessiert sein. Es geht gar nicht anders. Was die Grünen vorhaben, ist auch sicher gut gemeint und bestimmt aller Ehren wert. Es führt aber ins Chaos und in den ökonomischen Niedergang.

  • Da fragt man sich, warum diese schlüssige Betrachtung eines ausgewiesenen Wissenschaftlers nicht zur Grundlage der Klimapolitik in Europa erhoben wird,bevor alle Flickschusterei mit ungeeigneten Alternativen als nicht zielführend (Versuch & Irrtum) konstatiert werden muss.
    Der Schnellschuss der Regierung nach Fukushima war für die meisten Menschen bei uns ohnehin völlig unverständlich.Auch im übrigen Europa oder der Welt hat sich davon kein Land beeindrucken lassen.
    Das war allerdings der Nährboden für politische Öko-Aktivisten,die vornehmlich bei den Grünen(Nomen est Omen)ihre Heimat suchen und es verstanden, die öffentliche Diskussion irreführenderweise so zu beeinflussen,sich ohne Regierungsverantwortung als die Heilsbringer in der Klimapolitik zu positionieren.
    Es ist an der Zeit, diesen vergeblichen Versuchen ein Ende zu machen und Lösungen à la Prof.Sinn anzugehen.
    Heinz-W.Raderschatt

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