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Koalitionen Kommentar: Ob Koch meint, was er balzt

Wie Rabauz Koch vom feinen Freund Ole die Kunst der Schmeichelei lernt.
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Offenkundig braucht man in der Politik doch Stil und Sekundärtugenden: Verbindlichkeit im Umgang, Respekt vor dem politischen Gegner und demonstrative Kompromissfähigkeit. Ohne alle diese Tugenden wäre Ole von Beust kaum so schnell, kaum so geschmeidig ans grüne Ziel gelangt.

Solche nicht nur politischen, sondern auch großbürgerliche Tugenden, verfasst in hanseatischer Nonchalance, gehen dem Hessen Roland Koch, ebenfalls gerade auf Balz, ab. Geschätzt wie berüchigt für Prinzipientreue, kompromisslosen Wertkonservatismus und eine tüchtige Portion Rücksichtslosigkeit im Umgang mit Gegnern kommt er im Vergleich zu Beust wie ein Knüppel-aus-dem-Sack-Politiker daher. Er selbst rühmt sich, gerne den „Rabauz“ zu geben.

Seine hohe pragmatische Kompetenz und politische Intelligenz stehen indes im krassen Gegensatz zu seinem unfeinen Hochmut im Umgang mit Schwächeren. Das ist nicht nur auf Bundesratsebene so. In der Landespolitik tritt er mitunter so unfein auf, dass andere ihm den Händedruck verweigern. Vor allem die Grünen. Doch mit solch grober Verfehlung demokratischer Usancen ist es – vorerst – vorbei.

Seitdem Koch nach der Wahlniederlage die Grünen ins Koalitionsbett holen will, spricht er nicht länger von der grünen Gefahr oder verantwortungslosen Öko-Spinnern. Koch fügt sich in ungewohnte Demut, andere sagen: ins Kreidefressen. Womöglich ist richtiger: Ins Lernen von Stil und Sekundärtugenden.

Im Landtag sind sie jedenfalls erstaunt, wie geschmeidig Rabauz Koch jetzt den Öko-Slang rappt, Hessen zum „Musterland der regenerativen Energie“ kürt und allerorten „Nachhaltigkeit“ predigt. Der brutalstmögliche Kämpfer gegen Überfremdung und ausländische Jugendkriminelle, der große Ausgrenzer kleiner Opponenten hört plötzlich Raeggae-Musik und brüstet sich mit der Wertschätzung des ewig bekifften Bob Marley. Fehlt noch, dass er sich für die Jamaika-Koalition Rasta-Zöpfe zwirbeln ließe. Koch wäre Europas berühmtester Jamaikaner.

Der soeben ins fünfte Lebensjahrzehnt eingekehrte Hesse, ein ausgezeichneter Musterschüler in Pragmatismus und Strategie, ist aber längst nicht vom rechten Glauben gefallen. Er weiß, dass er sich nach der eingelaufenen Decke strecken muss – und lernt vom feinen Freund Ole die Kunst der Schmeichelei. Von der schwarz-gelb-grünen Koaliton hängt sein Überleben ab. Dafür lassen sich selbst unbeugsame Politiker vom Schlage Kochs wie Gummibäume ver-, auch umbiegen.

Noch vor wenigen Wochen schalt er die jetzt umworbene Koalitionsbraut als Teil eines bösen „Linksblocks“, der in Hessen den Kommunismus mit Alt-DKPisten und Neulinken wiederbeleben wolle. Ein politisches Lotterbett mit dem Grünen-Chef Tarek Mohammed Al-Wazir zu besteigen, – was viele Konservative befürchten – begehrte der Ziehsohn von Alfred Dregger keineswegs. „Ausgeschlossen!“ wetterte er in den Medien so treuen Blicks wie Kontrahentin Ypsilanti gegenüber der Linkspartei. Stattdessen behandelte er Grünen-Chef Al Wazir wie der BND Bin Laden – als Geächteten, der keine Gemeinsamkeit im Weltbild kennt: „Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen““ so Kochs Wahlparole.

Am Morgen danach scheint alles gar nicht mehr so sündig: „Windkraftmonster“, Bio-Energie, Gebührenfreiheit in Bildung und flächendeckend Ganztagsschulen – all das grüne Teufelszeug erscheinen dem Ministerpräsidenten plötzlich in einem ganz anderen, rosigen Licht.

Der Umstand, dass Koch wegen verlorener Unschuld weit weniger an Ruf einbüßt als Ypsilanti, die nämliche Spielwiese des Wandels durch Annäherung entdeckt hatte, ist der Unwägbarkeit geschuldet, ob Koch meint, was er balzt. Womöglich ist das Süßholz nur der typisch Koch’sche Knüppel, mit dem er vor drohenden Neuwahlen links antäuscht, nur um rechts vorbeizupreschen?

Keiner weiß, ob das grün-schwarze Trikot, in dem er sich gerade warmläuft, nicht nur aus der Requisite hervorgekramt ist – und das auch nur für ein Bühnenstück. Denn noch schmettert Grünen-Chef Al Wazir dort dem neuen Freund nur ungerührt entgegen: „Jamaika ist die unwahrscheinlichste Konstellation von allen".

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