Kolumne von Richard David Precht Die Rede vom „Verlust der Werte“ ist vollkommen falsch

Ob konservativ, links, grün oder patriotisch: Jeder hat unterschiedliche Werte – die er nur in Gebrauch nimmt, und nicht selbst aufstellt.
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Richard David Precht, 53, lehrt Philosophie und schreibt Bücher. Sein neuestes Werk, „Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“ (Goldmann), ist erneut ein Bestseller. In seiner Kolumne „Das letzte Wort“ im Handelsblatt Magazin, aus dem der nachfolgende Text stammt, widmet er sich aktuellen gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Themen. Quelle: Michael Englert für Handelsblatt Magazin
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Richard David Precht, 53, lehrt Philosophie und schreibt Bücher. Sein neuestes Werk, „Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“ (Goldmann), ist erneut ein Bestseller. In seiner Kolumne „Das letzte Wort“ im Handelsblatt Magazin, aus dem der nachfolgende Text stammt, widmet er sich aktuellen gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Themen.

(Foto: Michael Englert für Handelsblatt Magazin)

Haben Sie eigentlich die richtigen Werte? Was für eine blöde Frage, natürlich haben Sie die. Und zwar egal, ob Sie nun konservativ, progressiv, rechts, links, liberal, grün, familienbewusst, patriotisch, tolerant oder ausländerfeindlich sind. Jeder hat immer die für ihn richtigen Werte – sonst hätten Sie sie ja nicht!

Mit den Werten ist das eine seltsame Sache. Man selber hat welche, aber bei den anderen betrauert man ihren Verlust. Was wird heutzutage aus unseren Werten? Verlieren wir sie? Wer ist noch höflich, pünktlich und aufmerksam? Wer denkt an die anderen und nicht nur an sich? Wer hat noch andere Werte als den eigenen Vorteil? Wer denkt nicht nur ans Geld?

Ob Abgasaffäre, Panama-Papers, unhöfliche Jugendliche, verrohter Straßenverkehr oder Ausländerhatz in Chemnitz – stets, heißt es, müssen wir über „Werte“ reden, weil sie uns irgendwie abhandenzukommen drohen.

Stimmt das? Nun gut, der „Wertkonservative“ ist mit der alten Bundesrepublik ausgestorben, das ändern auch kein Einstecktuch und kein Dreiteiler. Stattdessen gibt es werthaltige Immobilien und Uhrenmarken, werthaltige Forderungen und werthaltige Ernährung. Doch auch an immateriellen Werten mangelt es unserer Gesellschaft überhaupt nicht.

Heute gibt es so viele Werte wie Geschmacksrichtungen in einem italienischen Eiscafé. Sich gesund zu ernähren, sich sportlich und fit zu halten, auch als Vater immer für seine Kinder da zu sein, dem Partner viel Aufmerksamkeit zu schenken, halbwegs ökologisch zu konsumieren – alles das sind wichtige Werte unserer Zeit.

Kein Wertkonservativer brauchte sich früher damit herumschlagen. Der hatte es noch leicht, seine Werte zu leben. Er musste einfach nur Adenauer und Erhard wählen, Damen schlüpfrige Komplimente machen, einen Benz mit Hufeisen fahren und auf den Verfall der Sitten durch die Sozis schimpfen. Doch je mehr Werte man hat, umso schwieriger wird es, ihnen gerecht zu werden.

Denn wer von einer wertbasierten Handlung zur nächsten hetzt, von den Kindern zum Sport, zurück zum Lebenspartner und zwischendurch in den Bio-Supermarkt, der hat keine Zeit für Höflichkeit und Aufmerksamkeit im Straßenverkehr. Der Gentleman lebte seine wenigen Werte gründlich, der Wertgetriebene des 21. Jahrhunderts seine vielen halb.

Dabei ist die Rede vom „Verlust der Werte“ ohnehin ganz falsch. Werte hat man nämlich gar nicht, wie Aristoteles glaubte, sondern man nimmt sie in Gebrauch.

Dass Menschen Werte für ihre eigenen halten, ist ungefähr so doof, wie auf sein Auto zu zeigen und zu sagen: „Dahinten stehe ich!“ Und so, wie niemand sein Auto ist, so ist das auch mit den Werten.

Außerdem bedeutet, starke Werte zu haben, mitnichten, dass man ein anständiger Mensch ist. Werte sind ja nicht dafür da, die Welt besser zu machen, sondern um sich in ihr zu orientieren.

Weil unsere Instinkte uns nicht mehr führen, haben wir uns Werte gesucht, die uns sagen, was wir im Leben brauchen, wollen und gutheißen. Wen soll es da wundern, dass Menschen, deren Werte besonders stark sind, oft starrsinnig, unflexibel und intolerant sind?

Nicht nur Luther und Gandhi hatten starke Werte, auch Thilo Sarrazin und die Taliban haben sie. Und was wäre die Mafia ohne die Werte „Loyalität“ und „Vertrauen“? Wer seine Werte über alles stellt, stellt sie auch über die Werte der anderen.

Sich auf Werte zu besinnen ist aber trotzdem nicht ganz falsch. Allerdings besser keine Werte als die falschen. Der Wert der Toleranz ist annähernd besser als der der Intoleranz, der Wert der Menschenliebe unbedingt besser als der des glühenden Nationalismus. Dies zu erkennen ist, nun ja, wertvoll; ein Gebot der Klugheit und der Achtsamkeit. Vielleicht mangelt es ja einfach daran?

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°6/2018. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 12. Oktober 2018 am Kiosk erwerben.

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3 Kommentare zu "Kolumne von Richard David Precht: Die Rede vom „Verlust der Werte“ ist vollkommen falsch"

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  • Oder sind Werte schlichte Ideologie?
    Gibt es einen Werterelativismus?
    Wie hält es der Autor mit der Vernunft und Aufklärung als europäische Werte?

  • Seit vielen Jahren habe ich in reichweitenstarken Medien keine Ausführungen mehr über den sog. "Verlust der Werte" gelesen - egal mit welchem politisch-philosophischen Hintergrund. Eigentlich ist auch seit der Jahrtausendwende empirisch nachgewiesen, dass dieser nicht existiert. Folgende Publikation gibt vielleicht hilfreiche Hinweise und Erkenntnisse für eine neutrale Auseinandersetzung mit diesem Thema: https://www.amazon.de/Verlust-Werte-Wertewandel-Meinungen-Tatsachen/dp/3824444275/ref=la_B001K1UBZW_1_5/258-5251244-9889318?s=books&ie=UTF8&qid=1539347475&sr=1-5

  • Ich bin nicht sicher, ob ich das, was Herr Precht in diesem Artikel (Auszug) schreibt, verstehe, aber ich komme zu folgenden, darin enthaltenen Aussagen: Konservative Werte (oder überhaupt die Klassifizierung von Werten in konservativ usw.) sind unveränderlich. Gesunde Lebensweise, intakte Familie, ökologische Aspekte sind per se non-konservativ. Dagegen sind "schlüpfrige Komplimente machen", Benz fahren, Anzug tragen etc. konservative Werte. Wer seinen Alltag nicht angemessen organisieren kann, hat jedes Recht, rücksichtslos zu sein. Was ich nicht selbst geschaffen habe, kann ich nicht haben. Luther und Gandhi versus Sarrazin und Taliban = gut versus böse.

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