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Kommentar 30 Jahre Wiedervereinigung: Was man von Ostdeutschland lernen kann

Wir hätten besser zuhören sollen, dann wären uns nicht nur etliche Ost-West-Missverständnisse in den Debatten erspart geblieben.
30.09.2020 - 08:36 Uhr 1 Kommentar
Tag der Deutschen Einheit: Mit einem Feuerwerk am Brandenburger Tor in Berlin feierten rund eine Million Menschen die deutsche Wiedervereinigung. Quelle: dpa
3. Oktober 1990

Tag der Deutschen Einheit: Mit einem Feuerwerk am Brandenburger Tor in Berlin feierten rund eine Million Menschen die deutsche Wiedervereinigung.

(Foto: dpa)

Geschichtsbücher werden von den Siegern geschrieben. Und wer hat den Prozess jener deutschen Einheit klar beherrscht, deren Geburtstag sich am 3. Oktober zum 30. Mal jährt? Eben.

Das dominierende (West-)Narrativ zum Jubiläum scheint klar: Wir haben den Bürgern der ehemaligen DDR Freiheit gebracht, richtige Autos und Mango-Kokos-Smoothies. Okay, es hat uns viele Milliarden gekostet, von Wirtschaft haben sie „drüben“ immer noch wenig Ahnung, richtig dankbar waren sie nie. Aber wir wollen nicht meckern (und tun es trotzdem dauernd, was uns allerdings gar nicht mehr auffällt).

Gute Führungskräfte wissen, dass es hilft, gelegentlich die Perspektive zu wechseln, um Partner oder auch Konkurrenten zu verstehen, um sich vielleicht auch etwas von ihnen abzuschauen. Was, werden Sie fragen, hätte der Export-Weltmeister von einem Landstrich lernen können, der technologisch über Trabbi und Spreewaldgurke lange nicht hinauskam? Dann sollten Sie wirklich weiterlesen, weil es am Ende auch um die Ursachen jener gesamtdeutschen Spaltungen geht, die längst nicht nur mit Ost-West-Missverständnissen zu tun haben.

Vom Osten lernen hieße zunächst einmal Zivilcourage lernen. Die DDR-Bürger haben sich 1989 ohne Blutvergießen eine Freiheit erkämpft, die alles andere als selbstverständlich war. Vom Osten lernen heißt auch Flexibilität lernen.

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    Die Menschen haben damals ja nicht nur ihren Staat verloren und ihre Gesellschaftsordnung (so totalitär die teilweise war, bot sie doch auch eine Heimat). Sie haben akzeptiert, das Modell des alten Klassenfeindes zu übernehmen. Und sie haben sich von der viel zu schnell eingeführten D-Mark sogar fast in den Ruin treiben lassen, obwohl das ja ohnehin nie eine Wiedervereinigung war, sondern eine Übernahme.

    Mittlerweile stehen die neuen Bundesländer wirtschaftlich längst nicht mehr so schlecht da. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf liegt zwar noch rund ein Viertel unter dem des Westens – bei knapp 33.000 Euro. Aber die Arbeitslosenzahlen haben sich seit 2009 halbiert. Vom Osten lernen, heißt auch aufholen lernen.

    Brandenburg zeigt aktuell, wie man die strukturschwache Region rund um Berlin sogar für den US-Autobauer Tesla attraktiv machen kann. Überhaupt tun sich in den fünf Bundesländern gerade in neuen Technologien große Chancen auf: von Elektromobilität bis Wasserstoff-Nutzung.

    Für den gewaltigen Kraftakt, radikal umzudenken, hätten die neuen Bundesbürger mehr Anerkennung verdient

    Vom Osten lernen heißt deshalb auch lernen lernen: Wo musste ein Volk in jüngerer Geschichte so schnell so radikal umdenken? Die nunmehr „neuen Bundesländer“ mussten ja nicht nur alles neu begreifen: von Straßenverkehrsordnung bis Grundgesetz, von Computer bis Marktwirtschaft samt all ihren wahrlich nicht immer segensreichen Begleiterscheinungen. Ein gewaltiger Kraftakt, für den die neuen Bundesbürger wenig Anerkennung, aber viel Spott geerntet haben.

    In Westdeutschland plätscherten die neunziger Jahre eher träge dahin mit gesellschaftlichen Moden wie Tamagotchi, Grunge und Arschgeweih. Im Osten ging es um die nackte Existenz, denn neben all den eigenen privaten Wunden hatte man ja auch noch Globalisierung und Digitalisierung zu verarbeiten. Vom Osten lernen heißt deshalb auch überleben lernen.

    30 Jahre Wiedervereinigung BRD und DDR im Jahr 2020: Von Ostdeutschland lernen Quelle: Burkhard Mohr
    Karikatur
    (Foto: Burkhard Mohr)

    In diesem Überlebensprozess kann schon Angst entstehen, die zu Unzufriedenheit, Empörung und am Ende zu Hass zu gerinnen droht. Auch das haben wir anfangs nicht ernst genommen, als man sich im Westen noch für die eigene neue „deutsche Willkommenskultur“ gegenüber den Flüchtlingen selbst feierte. Die Neuankömmlinge trafen im bourgeoisen Westdeutschland auf eine Art schläfrige Sinnsuche, im Osten aber nach allem, was man bis dahin schon erlebt hatte, auf – verständlichen – Argwohn.

    Heute bestreitet kaum noch jemand, dass in der Asylpolitik seit 2015 Fehler gemacht wurden. Insofern hätte man damals vom Osten auch eine gewisse Sensibilität, eine Lust am Widerspruch gegenüber Obrigkeiten lernen können. Warum von den Zweiflern dann so viele bei der AfD gelandet sind? Haben sie selbst sich radikalisiert, oder wurden sie in eine Ecke gedrängt, aus der nur schwer zu entkommen war?

    Wenn man heute mit jenen spricht, die die Wende erst möglich gemacht haben, hört man oft: „Dafür sind wir damals nicht auf die Straße gegangen, dass uns jetzt der Mund verboten wird.“ Und ist ein ähnliches Phänomen nicht auch jetzt in der Coronakrise zu beobachten, da selbst vorsichtige Zweifler am Sinn des eingeschlagenen Wegs im Kampf gegen das Virus immer sofort in die Schublade mit den Verschwörungstheoretikern und Neonazis gesteckt werden?

    Die größte Tragik der Ostdeutschen ist: Seit 15 Jahren haben wir aus ihren Reihen eine Kanzlerin, von der sie aus vielerlei Gründen besonders enttäuscht sind. Zuhören wäre da mal angesagt. Das würde auch jene Einheit befeuern, die derzeit eher behauptet als gelebt wird. Das muss ja keine weiteren 30 Jahre dauern.

    Mehr: 30 Jahre nach der Wiedervereinigung sind Familienunternehmen in den neuen Bundesländern eine feste Größe. Zehn ostdeutsche Erfolgsgeschichten

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    1 Kommentar zu "Kommentar: 30 Jahre Wiedervereinigung: Was man von Ostdeutschland lernen kann"

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    • Ein sehr ausgewogener Kommentar. Vielen Dank dafür!
      Heutige mediale Berichterstattung und Kommentierung polarisiert leider viel zu oft. Da ist ein versöhnlicher Kommentar mit ein wenig Selbstkritik ein Schritt in eine bessere Diskussionskultur.

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