Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Kommentar Abenteuer Elektromobilität – VW setzt die ganze Branche unter Strom

Die Wolfsburger drängen noch schneller als bislang in das Geschäft mit E-Autos. Das hat massive Konsequenzen für den Konzern und für die Konkurrenz.
1 Kommentar

Elektro-Offensive bei VW – „Wir werden Arbeitsplätze abbauen“

Zweifel an seiner Entschlossenheit hat Herbert Diess ausgeräumt. Am Ende der nächsten Dekade soll fast jeder zweite Volkswagen ein Elektroauto sein, kündigte der VW-Chef jüngst an. Und obwohl VW die Produktion massentauglicher Stromer noch gar nicht begonnen hat, setzt Diess sein ohnehin schon ambitioniertes Ziel für die Elektromobilität noch weiter hoch.

Statt 15 Millionen Stromautos will der Konzern nun 23 Millionen bis 2030 verkauft haben. Entsprechend den Vorgaben der Wolfsburger Zentrale passen nun auch die Töchter Audi und Porsche ihre Pläne an und erklären ihr Heil ebenfalls in der noch schnelleren Einführung der Elektromobile.

Nicht nur im VW-Konzern beschleicht so manchen ein mulmiges Gefühl angesichts der Radikalität, mit der Europas größter Industriekonzern sein Geschäft umbaut. Auf den ersten Blick wirkt das Manöver wie das leichtfertige Verhalten eines Spielers, der im Kasino sein gesamtes Vermögen auf eine Farbe setzt. Hopp oder top heißt es auch bei VW, wenn Ende 2019 die Produktion der I.D.-Familie beginnt. Es gibt keinen Plan B für den Fall, dass Volkswagen mit seinen Stromautos scheitert.

Rund 30 Milliarden Euro investiert der Konzern in den kommenden fünf Jahren in das Abenteuer Elektromobilität. Das ist nicht das Spielgeld aberwitziger Internetmilliardäre, sondern die Sparbüchse eines Unternehmens, das seit Jahren mit viel zu geringen Margen arbeitet. Hier tritt ein Konzern an, der nach dem selbst verschuldeten Dieselskandal noch einen großen Versuch frei hat. Klar ist: Die nun verkündeten Pläne haben massive Konsequenzen nicht nur für den Konzern, sondern für die ganze Branche.

Die Wolfsburger haben die Karten völlig neu gemischt. Die im vergangenen Herbst verschärften EU-Klimavorgaben für die Autoindustrie sind mit konventionellen Antrieben nicht zu erreichen. Anders als früher springt die Bundesregierung auch nicht mehr in die Bresche, um der Autoindustrie das eingefahrene Geschäftsmodell zu retten. Zwar schreibt die europäische Politik den Konzernen das Elektroauto nicht zwingend vor, aber es gibt langfristig eben keine Zukunft mehr mit Verbrennungsmotoren.

Weil sich VW dieser Erkenntnis lange verschlossen hat, hilft nur radikales Umsteuern. Das mag verwirren, denn bislang wurde von Stromautos viel geredet, gebaut werden aber weiter Verbrenner. Doch auch das Elektroauto unterliegt dem typischen Zyklus technischer Neuerungen. Auf den Hype folgen die Ernüchterung und schließlich der Durchbruch auf dem Massenmarkt. Phase eins und zwei haben wir hinter uns. Herbert Diess hat Phase drei eingeläutet.

Je näher der Umbruch rückt, desto klarer werden die Konsequenzen. Das gilt zunächst einmal für die Beschäftigten. VW will in den kommenden fünf Jahren noch einmal bis zu 7000 Stellen abbauen, zusätzlich zu den im Jahr 2016 beschlossenen 23 000 Jobs. Auch Audi will rund 15 Prozent seiner 20.000 Verwaltungsjobs streichen.

Zwar werden im Gegenzug einige Tausend Elektrotechniker und Softwarespezialisten neu eingestellt, doch Zehntausende Beschäftigte im VW-Konzern müssen umschulen oder in Rente gehen. Ob der jetzt beschlossene Stellenabbau reicht, ist zudem völlig offen. Nur wenn die Elektroautos am Markt ein Erfolg werden, geht die Rechnung auf.

Die Marge muss aus dem Verkauf kommen

Auch Volkswagens Aktionäre müssen umdenken. Ein Auto mit Verbrennungsmotor lässt sich gut kalkulieren, ein Stromauto bislang nicht. Elektropionier Tesla hat zwar die Herzen der Kunden erreicht, wirtschaftlich ist das Unterfangen aber eher ein Desaster. Volkswagens Milliardeninvestitionen in die E-Mobilität sind auch ein Versprechen, deutlich weniger Fehler zu machen als Tesla. Hinzu kommt: Mit jedem verkauften Stromauto ändert sich das Geschäftsmodell.

Verdienen die Autohersteller heute vor allem am Verkauf von Ersatzteilen, so geht diese Rechnung künftig immer weniger auf. Batterieautos brauchen kaum Wartung. Anders als heute muss die Marge des Stromautos aus dem Verkauf kommen.

Als mit Abstand größter Autohersteller in Europa setzt der VW-Konzern Maßstäbe für die ganze Branche. Die etablierten Zulieferkonzerne wie Bosch, Conti oder ZF Friedrichshafen müssen um ihre Aufträge fürchten, wenn große Teile des Antriebsstrangs durch die Batterie ersetzt werden.

Vielen Zulieferern fehlt erkennbar ein Konzept für die Zukunft. Andere werden gewinnen, beispielsweise die Anbieter von Batteriezellen oder intelligenter Ladeinfrastruktur. Noch fehlt in Deutschland ein flächendeckendes Netz für die Stromautos.

Der radikale Schwenk zum Stromauto ist für Volkswagen risikoreich, aber folgerichtig. Beispiellos ist er in der Konzernhistorie nicht. Mit dem Ausbruch der Ölkrise schickte VW 1974 den Käfer in Rente, die praktisch über Nacht entwickelten Modelle Polo, Golf und Passat mussten das Geschäft retten. Ein riskantes Manöver, das den Konzern aber gerettet hat. Die Einführung der I.D.-Familie wird für die Wolfsburger ein ähnliches Abenteuer. Herbert Diess hat klargemacht: Ein Zurück gibt es nicht mehr.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Kommentar - Abenteuer Elektromobilität – VW setzt die ganze Branche unter Strom

1 Kommentar zu "Kommentar: Abenteuer Elektromobilität – VW setzt die ganze Branche unter Strom"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Sehr geehrter Herr Fasse,

    ich frage mich immer wieder, ob VW den Bedarf an Elektromobilen tatsächlich realistisch einschätzt. Ob es ungeachtet des höheren Preises, der Reichweitenprobleme und der fehlenden Ladestationen sich bis 2030 rund 23 Millionen Käufer finden, die sich für einen elektrischen Antrieb entscheiden.

    Wie es um die Urteilskraft der VW-Führungskräfte bestellt ist, zeigt der Dieselskandal. Natürlich ist jeder Rechtsbrecher überzeugt, er werde schon nicht erwischt werden und straffrei davon kommen. Aber wenn man 11 Millionen Straftaten plant, scheint mir der Glaube an das eigene untentdeckt bleiben doch mehr als verwegen.

    Ein anderes Beispiel für herausragende Urteilskraft sind neue Abgasvorschriften der EU. Sie werden Jahre vor ihrem Inkrafttreten bekannt gegeben., so dass jeder Hersteller ihren Inhalt schon lange Jahre vorher genau kennt. Dass man deshalb den Abgasstrang und/oder Motor seiner Fahrzeuge umkonstruieren muß, scheint VW entgangen zu sein.