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Kommentar Airbnb taugt nicht zum Sündenbock für steigende Mieten

Sharing-Plattformen werden für die Wohnungsnot in den Metropolen verantwortlich gemacht. Doch Schuld sind vielmehr Versäumnisse beim Wohnungsbau.
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Der US-Konzern dient vielen Politikern vorrangig als Sündenbock, um eigene Versäumnisse im Wohnungsbau zu übertünchen. Quelle: AFP
Airbnb-App

Der US-Konzern dient vielen Politikern vorrangig als Sündenbock, um eigene Versäumnisse im Wohnungsbau zu übertünchen.

(Foto: AFP)

Der Dresdner Stadtrat Vincent Drews (SPD) sprach vor wenigen Monaten aus, was derzeit viele Kommunalpolitiker in Deutschland denken: Es dürfe nicht sein, schimpfte Drews, „dass Dresdnerinnen und Dresdner monatelang nach passenden und bezahlbaren Wohnungen suchen und gleichzeitig ein Teil des Wohnungsmarkts als Unterbringung von Touristen genutzt wird“.

Die Linken-Fraktion klatschte Beifall. Die betroffenen Wohnungen dürften dem Wohnungsmarkt in Dresden nicht länger entzogen werden, hieß es. Sie sollten der Bevölkerung als Mietwohnungen zur Verfügung stehen.

Dresden ist überall. Kaum eine Metropole in Deutschland verkneift sich beim Thema Wohnungsnot den bissigen Hinweis, dass Homesharing-Plattformen wie Airbnb, Wimdu oder 9flats verantwortlich für den Engpass sind, weil sie die Mieten der eigenen Bürgerschaft nach oben treiben.

Was dabei fast alle übersehen: Belastbare Zahlen liefert für solche Behauptungen niemand. Umso höhere Wellen dürfte nun eine Studie des Berliner Wirtschafts- und Sozialforschungsinstituts Empirica schlagen, das im Auftrag von Airbnb die detailliert gelieferten Daten der Übernachtungsbörse dem tatsächlichen Wohnungsmangel gegenüberstellte.

Demnach entsprechen die „zweckentfremdeten“ Wohnungen – also die gewerbliche Untervermietung – in Berlin oder Dortmund nicht einmal 2,3 Prozent des zwischen 2007 und 2017 entstandenen Fehlbestands. Selbst in Hamburg oder München liegt die Quote unter 4,4 Prozent.

Damit drängt sich der Verdacht auf: Der milliardenschwere US-Konzern Airbnb dient vielen Stadtvätern und -müttern vorrangig als Sündenbock, um eigene Versäumnisse im Wohnungsbau zu übertünchen.
Inszeniert wird all dies als großes Theater. Schließlich will man die eigene Bevölkerung ja nicht im Unklaren lassen, wo die wahren Schuldigen sitzen.

Da gibt es in Berlin Spähtrupps, die sich durch die Quartiere tasten, um illegale Untervermietungen aufzuspüren. Da gibt es Behördenstellen in jeder Bezirksverwaltung, die mit dem fantasievollen Aufbau bürokratischer Hürden Genehmigungsverfahren in die Länge ziehen. Da gibt es Bußgeldbescheide, mit denen Untervermieter abgeschreckt werden sollen – und die etwa der klammen Berliner Stadtkasse ganz nebenbei bis Anfang März 4 539.840 Euro an Zusatzeinnahmen bescherten.

Fragt sich nur: Wäre das viele Geld für den Behördenapparat nicht sinnvoller angelegt, wenn es stattdessen in die Bearbeitung von Bauanträgen flösse?

Juristischer Kraftakt für die Städte

Tatsächlich sitzen Deutschlands Kommunen auf gigantischen Reserven an ungenutztem Bauland. Innerhalb der deutschen Städte und Gemeinden gebe es Brachen und Baulücken von zusammen 165.000 Hektar, meldete vor einiger Zeit das Bundesamt für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Durch Nachverdichtung und Umwidmung könne sogar noch einmal die gleiche Fläche hinzukommen. Hunderttausende Wohnungen könnten damit geschaffen werden.

Allein in der deutschen Airbnb-Hauptstadt Berlin gebe es rund 1000 nutzbare Flächen für über 160.000 Wohnungen, ließ die FDP-Fraktion durch Immobilienanalysten ermitteln. Zum Vergleich: Die Zahl der „zweckentfremdeten“ Airbnb-Unterkünfte liegt laut Empirica in der Bundeshauptstadt aktuell bei rund 2600.

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Doch statt den Schwarzen Peter schlicht den Vermittlungsportalen zuzuschieben, müssten die Stadtverwaltungen dazu womöglich einen juristischen Kraftakt vollziehen. Denn zahlreiche Grundstücksbesitzer spekulieren angesichts der stetig steigenden Flächenpreise lieber mit ihren unbebauten Arealen, als sie dem Wohnungsbau zur Verfügung zu stellen.

Wohin die Reise gehen könnte, wenn Stadtverwaltungen ihre Verantwortung ernst nehmen würden, zeigte vor Kurzem Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer auf. Der Grünen-Politiker will, übrigens ganz im Einklang mit kommunalen Gesetzesmöglichkeiten, Grundstückseigentümern Baugebote auferlegen. Kommen sie diesen nicht in einer gesetzten Frist nach, droht er mit Enteignung.

Auch dazu bieten die Gesetze heute schon die Möglichkeit – wenn auch als Ultima Ratio und womöglich verbunden mit langwierigen Gerichtsverfahren.

Wie groß dagegen die Gefahr für eine Stadt sein kann, wenn sie Portale wie Airbnb kaputtreguliert, zeigen wiederum die jüngsten Zahlen der Empirica-Studie. Danach gingen mehr als die Hälfte der gut 13 000 angebotenen Komplettwohnungen weniger als 30 Tage in die Vermietung und fast vier Fünftel weniger als 90 Tage.

Was dahintersteckt, ist durchaus positiv zu bewerten. Denn wer beruflich flexibel sein will oder muss, dem bieten die Kurzvermietungsbörsen eine willkommene Hilfestellung – als Mieter, aber auch als Vermieter. Gerade Metropolen wie Berlin, Hamburg oder München, die sich für ihre blühende Start-up-Szene rühmen, sollten deshalb Portale wie Airbnb, Wimdu oder 9flat fördern, statt sie zu bekämpfen.

Mehr: Airbnb wehrt sich gegen Vorwurf, die Wohnungsnot in deutschen Städten zu verschärfen – und kontert mit einer wissenschaftlichen Studie zum hiesigen Vermietungsgeschäft.

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