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Kommentar Airbnb zeigt, wie sehr der Gedanke der Sharing-Economy ad absurdum geführt wird

Sharing-Firmen verbreiten einen Mythos vom Teilen. Das Versprechen eines nachhaltigeren Wirtschaftens lösen sie nicht ein.
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Airbnb ist eines der bekanntesten Sharing-Angebote. Quelle: dpa
Airbnb-Unterkunft

Airbnb ist eines der bekanntesten Sharing-Angebote.

(Foto: dpa)

Vor drei Jahren traf ich auf einer Party eine frühere Schulfreundin, die ganz beseelt vom Nutzen des Teilens erzählte. Sie war gerade in eine Einfamilienhaus-Siedlung gezogen und empfand es als unsinnig, dass dort jeder seinen eigenen Rasenmäher und seine eigene Bohrmaschine besaß. Dinge, die man selten braucht und die die meiste Zeit ungenutzt bleiben.

Sie hatte sich vorgenommen, in der Nachbarschaft das Teilen einzuführen: Man schafft sich gemeinsam eine Maschine an und organisiert, wer sie wann braucht und verwenden kann.

Das ambitionierte Vorhaben folgte der damals aufziehenden Idee einer Sharing-Economy. Deren Grundgedanke ist höchst attraktiv: Man besitzt Produkte nicht mehr selbst, sondern teilt sich gemeinsame Anschaffungen. Das sollte zum entscheidenden Hebel für eine ressourcenschonende Wirtschaft werden. Seither hat sich die Sharing-Economy im großen Stil verbreitet.

Carsharing, Taxi-Anbieter, Mitwohngelegenheiten, Co-Working-Büros und neuerdings elektrisch betriebene Roller – unzählige neue Dienstleister strömen auf den Markt. Es sind vielversprechende Geschäftsmodelle entstanden, die das Leben erleichtern und netter machen.

Das eigentliche Versprechen der Sharing-Economy wird allerdings bislang nicht eingelöst: Von einer nachhaltigeren und ressourcenschonenden Art des Wirtschaftens sind wir weiter entfernt denn je. Die im Silicon Valley geborene Idee vom gesellschaftlichen Vorteil eines betriebswirtschaftlich organisierten Teilens entpuppt sich bis heute als Mythos, weil sie ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht wird.

Am deutlichsten zeigt sich das im Verkehr und am Beispiel der elektrisch betriebenen Roller. Es macht Riesenspaß, mit den E-Scootern durch die Stadt zu brausen, es ist ein tolles Fortbewegungsmittel für Touristen. Ersetzen die E-Scooter aber wie erhofft den emissionstreibenden Verkehr, also vor allem die Autos? Nein.

Untersuchungen zeigen, dass sie im Schnitt für eine Strecke von zwei Kilometern genutzt werden. Die Roller ersetzen das Fahrrad, den Weg zu Fuß und den öffentlichen Nahverkehr.

Ähnlich sieht es beim Carsharing aus. Ebenfalls eine tolle Idee, schließlich steht ein Auto die meiste Zeit ungenutzt herum. Immer mehr Sharing-Anbieter verteilen ihre Flotte in den Städten. Doch kaum jemand gibt im Gegenzug sein eigenes Auto auf. Eine neue Studie der Unternehmensberatung AT Kearney zeigt: Regelmäßiges Carsharing geht zulasten von Bahn und Bus. Es wird als komplementärer Service zum Besitz eines Pkw gesehen.

Das führt zu der irren Situation, dass die Zahl der Autos in den Städten trotz Sharing-Angeboten gestiegen ist, wie andere Untersuchungen zeigen. Dazu kommt der Uber-Effekt: Der US-Konzern sonnt sich ebenfalls im Licht der Sharing-Idee. Es handelt sich aber hierzulande eher um einen Vermittler von Mietwagen, dessen Geschäftsmodell nicht auf Senkung des emissionstreibenden Verkehrs ausgelegt ist.

Wie sehr der an sich schöne Gedanke der Sharing-Economy ad absurdum geführt wird, zeigt Airbnb. Der Firmenname unterstellt die romantisch anmutende Situation „Hey, ich hab‘ bei mir noch Platz für eine Luftmatratze, Kaffee und Toast gibt es auch. Komm vorbei, kostet nicht viel“. Es ist bekannt, was daraus geworden ist: eine Plattform zur Vermittlung von (teuren) Ferienwohnungen in bester Stadtlage.

Es wäre ungerecht, Airbnb für die Wohnungsnot verantwortlich zu machen. Doch wer den Dienst nutzt, der weiß: Es geht nicht um ressourcenschonendes Teilen der eigenen Wohnung, wenn man mal nicht da ist. Ein Großteil der Angebote sind speziell für Airbnb frei gehaltene Wohnungen.

Die Reihe lässt sich fortsetzen. Sogenannte Co-Working-Spaces sind eine gute Erfindung, aber letztlich nicht mehr als eine hippe Form der alten Bürogemeinschaft. Es ist nicht absehbar, dass Unternehmen im großen Stil dort ihre Mitarbeiter ansiedeln und dafür ihre Büroimmobilie räumen.

Es wird geteilt, aber nicht verzichtet

Alle genannten Dienstleistungen sollen hier keineswegs infrage gestellt werden – im Gegenteil: Sie sind innovativ, technologisch fortschrittlich und machen Spaß. Aber sie produzieren unterm Strich nicht weniger, sondern mehr.

Es wird geteilt, aber nicht verzichtet. Sharing-Angebote sind keine Vorreiter eines neuen, altruistisch motivierten Ökonomie-Zeitalters, sondern ganz normale Geschäftsmodelle, die auf Skalierung und Wachstum ausgerichtet sind. Das gern vorgetragene Nachhaltigkeitsversprechen wird nicht eingelöst. Das sollte auch der Politik bewusst sein, wenn sie vor Regulierung zurückschreckt, die bisweilen völlig gerechtfertigt ist – man denke nur an die Begrenzung von Airbnb-Wohnungen in Städten.

Die ursprüngliche Idee der Sharing-Economy ist jedenfalls nicht mehr zu erkennen. Vermutlich verschwindet diese Worthülse wieder.

Vom nachbarschaftlichen Sharing-Modell meiner Schulfreundin habe ich übrigens nichts mehr gehört. Vermutlich wurde die Idee, einen Rasenmäher für alle zu kaufen, schnell wieder verworfen, weil den alle zeitgleich am Samstagnachmittag nutzen wollten.

Mehr: Airbnb wehrt sich gegen Vorwurf, die Wohnungsnot in deutschen Städten zu verschärfen – und kontert mit einer wissenschaftlichen Studie zum hiesigen Vermietungsgeschäft.

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