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Kommentar Aktienrückkäufe sind fantasielos und gefährlich

Statt in Innovationen zu investieren, kaufen Unternehmen eigene Aktien zurück. Eine gefährliche Strategie, wie die Beispiele Nokia und Blackberry beweisen.
10.02.2019 - 17:40 Uhr Kommentieren
In den USA kauften die 3000 größten börsennotierten Konzerne im abgelaufenen Jahr für die Rekordsumme von 1000 Milliarden Dollar eigene Anteilsscheine auf – und zogen sie aus dem Verkehr. Quelle: The Image Bank/Getty Images
Wall Street

In den USA kauften die 3000 größten börsennotierten Konzerne im abgelaufenen Jahr für die Rekordsumme von 1000 Milliarden Dollar eigene Anteilsscheine auf – und zogen sie aus dem Verkehr.

(Foto: The Image Bank/Getty Images)

Hohe Gewinne und viel Bares machen satt. Sie wecken Begehrlichkeiten bei den Aktionären. Sind börsennotierte Konzerne deshalb auf Dauer ungeeignet, um die Wirtschaft mit immer neuen Innovationen voranzubringen?

Wer sich die vielen etablierten Unternehmen an der Wall Street anschaut, findet Bestätigung. In den USA kauften die 3000 größten börsennotierten Konzerne im abgelaufenen Jahr für die Rekordsumme von 1000 Milliarden Dollar eigene Anteilsscheine auf – und zogen sie aus dem Verkehr.

Die Firmen kamen damit dem Wunsch ihrer Investoren nach, denn weniger Aktien verknappen das Angebot, und die Firmengewinne und Dividenden verteilen sich auf weniger Anteilsscheine. Das treibt die Kurse.

Allianz-Chef Oliver Bäte hat recht mit seinem Eingeständnis, Aktienrückkäufe seien fantasielos. Allein weil Bäte keine geeigneten Investitionsmöglichkeiten sieht, ist er bereit, Milliarden für solche Programme auszugeben.

Dabei sind Rückkäufe in Wahrheit nicht nur fantasielos, sondern sie beschreiben darüber hinaus auch einen verhängnisvollen Zyklus: Erst investieren Firmen, dann wachsen sie, ehe sie im Idealfall kräftig verdienen, nur um dann der Versuchung zu erliegen, den Anlegern möglichst viel und immer mehr Geld weiterzureichen. Auf der Strecke bleiben Innovationen und der nötige immerwährende Wandel, um auch in Zukunft besser als die Wettbewerber zu sein.

Einige nehmen auf Druck ihrer Investoren sogar so viele eigene Aktien vom Markt, dass sie sich dafür verschulden. Redakteur Ulf Sommer

So ist Apple zweifellos immer noch eine Erfolgsgeschichte, doch ein neuer großer Wurf vom Schlage eines iPod, iPhone oder iPad ist Firmenchef Tim Cook bislang nicht gelungen. Er entwickelte die Produkte seines Vorgängers Steve Jobs weiter, machte sie hochwertiger, was höhere Preise rechtfertigte und dem Konzern immer üppigere Gewinne bescherte. Das aber lockte Investoren wie Carl Icahn an, die Apple nun immer höhere Dividenden und Aktienrückkäufe abverlangen.

In nur vier Jahren verringerte Apple die Zahl seiner Aktien um 20 Prozent, allein 2018 kaufte das Unternehmen für 239 Milliarden Dollar eigene Anteilsscheine auf. Es hat den Anschein, als ob heute die kreativsten Entwickler nicht in der Forschungs-, sondern in der Finanzabteilung sitzen.

Apple ist nicht das erste Unternehmen, das diesen Zyklus durchlebt. Motorola dominierte einst mit seinem Aufklapphandy – bis das iPhone kam. Doch anstatt in die Entwicklung neuer Smartphones zu investieren, steckte Motorola sein Geld in Aktienrückkäufe: rund zehn Milliarden Dollar zwischen 2005 und 2010 – also in der Zeit, als die Konkurrenten Motorola abhängten.

Blackberry, von Verbrauchern und Anlegern für sein Smartphone mit physischer Tastatur gefeiert, auf der sich einst mehr arbeiten als daddeln ließ, gab vor gut einem Jahrzehnt drei Milliarden Dollar für Aktienrückkäufe aus – und verpasste parallel den Anschluss ans Designzeitalter.

Nokia, mit seinen unkaputtbaren Handys einst Weltmarktführer, kaufte im ersten Jahrzehnt nach der Jahrtausendwende für knapp 20 Milliarden Euro eigene Aktien zurück. Eine Antwort auf veränderte Kundenwünsche blieben die Finnen dann aber schuldig.

Die Absurditäten gehen so weit, dass einige Unternehmen auf Druck ihrer Investoren sogar so viele eigene Aktien vom Markt nehmen, dass sie sich dafür verschulden (müssen). Die Fast-Food-Kette McDonald’s kaufte im vergangenen Jahr für 5,2 Milliarden Dollar eigene Aktien, in den letzten fünf Jahren sogar für 30 Milliarden Dollar – und bilanzierte zuletzt ein negatives Eigenkapital von 6,3 Milliarden Dollar. Die Schulden übersteigen also das Vermögen. Nach traditioneller Lesart ist solch eine Firma überschuldet.

Doch es geht auch anders, intelligenter. Siemens kaufte in den vergangenen drei Jahren Aktien für drei Milliarden Euro auf und beabsichtigt dies erneut bis 2021. Doch anstatt alle Aktien einzuziehen, gibt der Münchener Mischkonzern zumindest einen Teil davon seinen Mitarbeitern. Auf diese Weise wurden schon 300.000 der insgesamt 379.000 Beschäftigten zu Miteigentümern. Das Kalkül: Wer Aktien seiner Firma hält, arbeitet besser, identifiziert sich mit seinem Arbeitgeber stärker und erzählt positiver über ihn als Beschäftigte, die nicht kapitalbeteiligt sind.

Oder Amazon: Das 1994 von Jeff Bezos gegründete Unternehmen bestimmt den Takt in der Handelsbranche. Der Onlinehändler widersteht dem Zwang, Dividenden auszuschütten und eigene Aktien zurückzukaufen. Stattdessen mischt Amazon einen Markt nach dem anderen auf.

Im vergangenen Quartal übertraf Amazon vor allem deshalb die Ertragsprognosen, weil es rund um das Cloud-Computing gut läuft: Amazon stellt Unternehmen Computerkapazitäten und damit verbundene Dienstleistungen wie Datenanalyse bereit – und ist hier Marktführer.

Amazon-Aktionäre sind zufrieden und werden wohl so lange nicht nach Dividenden und Aktienrückkäufen gieren, wie der Kurs weiter steigt. Spannend ist die Frage, ob Amazon bei einem Rückschlag an der Börse am Ende doch noch den traurigen Wall-Street-Gesetzmäßigkeiten mit einfallslosen Aktienrückkäufen folgen wird.

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