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Kommentar Am Hambacher Forst könnte der Kohlekompromiss noch scheitern

Der Kampf um den symbolgeladenen Wald im Rheinland hat den Kohleausstieg beschleunigt. Jetzt könnte der Forst den Konsens aber gefährden.
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Das kleine Waldstück zwischen Köln und Aachen hat den historischen Kohle-Beschluss entscheidend beeinflusst. Quelle: dpa
Polizeieinsatz im Hambacher Forst im September 2018

Das kleine Waldstück zwischen Köln und Aachen hat den historischen Kohle-Beschluss entscheidend beeinflusst.

(Foto: dpa)

Deutschland hat den Kohleausstieg beschlossen – und ein kleines, 200 Hektar großes Waldstück zwischen Köln und Aachen hat den historischen Beschluss entscheidend beeinflusst: der Hambacher Forst. Der Energiekonzern RWE wollte den Wald roden, um Platz für seine Bagger im angrenzenden Braunkohletagebau Hambach zu schaffen.

So wurde der Forst in den vergangenen Monaten zum Symbol für den Kampf gegen die weitere Förderung des klimaschädlichen Energieträgers. Wenn in den Geschichtsbüchern künftig über den Kohleausstieg in Deutschland geschrieben wird, dann dürfte dem Hambacher Forst ein wichtiges Kapitel gewidmet sein.

Ob es den Wald nahe Köln dann selbst noch geben wird, ist längst nicht ausgemacht. Die Bäume sind keineswegs gerettet, auch wenn Umweltorganisationen wie Greenpeace, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und Deutscher Naturschutzring (DNR) das am Wochenende schon bejubelten.

Die Kohlekommission, in der neben Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Gewerkschaften auch Vertreter dieser Organisationen vertreten waren, hat lediglich festgehalten, dass ein Erhalt des Hambacher Forstes „wünschenswert“ sei.

Diese Formulierung wurde bewusst gewählt. Es wird nicht einfach werden, das Waldstück zu erhalten. Im Gegenteil, es ist sehr gut möglich, dass der Forst aus technischen und wirtschaftlichen Gründen letztlich doch gerodet werden muss.

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Mit der Formulierung ist damit aber schon der nächste Konflikt vorgezeichnet: Gelingt es nicht, den Hambacher Forst zu erhalten, droht der mühsam ausgehandelte Konsens zu zerbrechen – und der Kohleausstieg wird weiter von wütenden Protesten begleitet.

Deshalb müssen beide Seiten die Formulierung wörtlich nehmen. Betreiber RWE und das Land Nordrhein-Westfalen müssen ernsthaft prüfen, ob und wie der Wald erhalten werden kann. Im Gegenzug dürfen die Umweltverbände nicht verbissen am Hambacher Forst festhalten. Wenn es zu aufwendig und zu teuer ist, die 200 Hektar zu schützen, müssen sie das akzeptieren.

Denn letztlich war es Aufgabe der Kohlekommission, den Ausstieg aus der Kohle einzuleiten und einen Fahrplan festzulegen. Das ist gelungen. Es wurde sogar ein Enddatum festgezurrt: Bis spätestens 2038 sollen die Förderung und Verstromung von Kohle in Deutschland beendet sein. Darum geht es – und nicht um ein Symbol.

Es mag zwar „wünschenswert“ sein, den Hambacher Forst zu erhalten. Einfach ist es nicht. Die Bäume stehen an der Abbruchkante des Tagebaus Hambach. Davor liegt ein gigantisches Loch. Es erstreckt sich rund 7,5 Kilometer von Süden nach Norden und über sechs Kilometer von Westen nach Osten. In der Mitte ist es 400 Meter tief. Das Loch muss schlichtweg wieder gefüllt werden.

Das Loch muss geschlossen werden

Dafür gibt es auch ein Konzept. Das ist aber über Jahrzehnte angelegt. Ein Tagebaubetrieb ist eben ein komplexes System. Auf sieben treppenförmigen Etagen wird dort gebaggert, auf den obersten Stufen nur Erde, um unten an die Braunkohle zu gelangen. Die Kohle wird mit kilometerlangen Förderbändern direkt zu den angrenzenden Kohlekraftwerken transportiert, die Erde an anderen Stellen des gewaltigen Lochs abgelagert.

So wird die riesige Wunde in der rheinischen Landschaft Meter für Meter wieder verfüllt. Es war eigentlich geplant, noch über mehr als zwei Jahrzehnte Kohle zu fördern und die Ränder allmählich abzuflachen – und den verbleibenden Krater mit Wasser zu füllen.

Bei einem Verzicht auf die Rodung des Hambacher Forstes müssen alle Planungen über den Haufen geworfen werden, an der grundlegenden Aufgabe ändert das nichts: Das Loch muss geschlossen werden.

RWE hat immer betont, dass der Wald nicht zu halten sei. Selbst bei einem sofortigen Stopp des Kohleabbaus müsse weiter gebaggert werden, um die Abbruchkante abzuflachen. Umweltschützer stellten ein eigenes Gutachten dagegen, das einen Erhalt des Forstes für möglich hält.

Beide Positionen müssen jetzt abgeklärt werden. Ist es technisch möglich, das Loch zu füllen, ohne den Hambacher Forst, der für viele Umweltschützer eine so hohe Symbolkraft hat, abzuholzen? Und ist das auch mit vertretbarem Aufwand möglich?

Wo sollen die gewaltigen Erdmassen herkommen? Wie teuer wird das? Wie langwierig wird ein neuer Genehmigungsprozess – und drohen nicht auch gegen ein Alternativkonzept neue Klagen? Und ist das Herankarren so großer Erdmassen überhaupt umweltfreundlicher als die Rodung des Forstes, so schmerzlich sie auch wäre?

RWE muss alle Optionen offen prüfen. Denn der Konzern sollte großes Interesse daran haben, endlich die harten Auseinandersetzungen um die Braunkohle zu stoppen. Aber auch Umweltverbände müssen bereit sein, die Rodung zu akzeptieren, wenn sie alternativlos sein sollte. Nur so kann der Kohleausstieg auch zum Kohlekonsens werden. Und das war ja der Plan.

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1 Kommentar zu "Kommentar: Am Hambacher Forst könnte der Kohlekompromiss noch scheitern"

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  • Es ist für mich ein Rätsel, weshalb gewaltbereite Umweltaktivisten in die Kohlekommission aufgenommen wurden. Das Ganze ist ein Totalversagen des Rechtsstaats .

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