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Kommentar An der Börse werden es Globalisierungsgewinner immer schwerer haben

Globalisierung pur ist passé – deshalb müssen Unternehmen und Aktionäre ihre Strategie ändern. Das Mercosur-Abkommen ist dafür ein gutes Beispiel.
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Durch das Freihandelsabkommen zwischen Europa und dem Mercosur-Staatenbund bildet sich die größte Freihandelszone der Welt. Quelle: dpa
Freihandel

Durch das Freihandelsabkommen zwischen Europa und dem Mercosur-Staatenbund bildet sich die größte Freihandelszone der Welt.

(Foto: dpa)

Geschafft! Europa und der südamerikanische Staatenbund Mercosur, zu dem Staaten wie Argentinien, Brasilien und Paraguay gehören, haben sich nach 20 Jahren Verhandlungen auf die größte Freihandelszone der Welt geeinigt. Dass es solche Abkommen überhaupt noch gibt, mutet fast anachronistisch an.

Denn die neue Welt funktioniert anders. Statt langwieriger Gespräche, Vertragsentwürfen, Diplomatie und Abschlusserklärung entscheiden heute kurzlebige Tweets von maximal 240 Zeichen über das Wohl und Weh des Welthandels. Sich den Launen von US-Präsident Donald Trump immer wieder neu aussetzen zu müssen mag für seine ausländischen Amtskollegen unangenehm sein.

Für Unternehmen ist es aber noch weit schwieriger. Sie können nicht mal eben ihre Absatzmärkte wechseln, sobald Amerikas Präsident dies kurzerhand nahelegt – sei es, weil der Iran der neue Feind ist und Siemens und Co. dort keine Geschäfte mehr machen sollen oder weil Technologiefirmen erst nicht mehr mit dem Huawei-Konzern zusammenarbeiten dürfen, es plötzlich aber doch erlaubt bekommen, weil die Chinesen in Trumps Gunst wieder steigen.

Deutsche Firmen exportieren jährlich Waren im Wert von über 260 Milliarden Euro in die USA – zehnmal so viel wie in die Mercosur-Staaten. Das allein zeigt die Dimension zwischen dem gefeierten Abkommen und den sprunghaften Trump-Tweets. Amerika und sein Präsident sind groß und mächtig genug, um den Siegeszug der Globalisierung mehr als nur aufzuhalten.

Gut 75 Prozent ihrer Umsätze erwirtschaften die 100 größten börsennotierten Konzerne in der Fremde, für über die Hälfte der Dax-Konzerne sind die USA sogar noch vor Deutschland der wichtigste Einzelmarkt. So stark internationalisiert wie hierzulande sind die Unternehmen in keinem anderen großen Industrieland.

Doch die alte Verlässlichkeit eines freien Welthandels mit klaren Regeln ist vorbei, da hilft auch kein Mercosur-Abkommen. Für die vielen deutschen Unternehmen mutiert der zwei Jahrzehnte lang gültige Bonus aus Internationalisierung und Globalisierung zum Malus.

Sie sehen sich einer verhängnisvollen Kettenreaktion ausgesetzt: Der vom amerikanischen Präsidenten geschürte Handelskonflikt schmälert bei auslandsstarken Konzernen die Erträge, etwa wenn BMW und Daimler ihre in den amerikanischen Großwerken Spartanburg und Tuscaloosa produzierten Limousinen nach China ausführen und sie dort an zahlungskräftige Kunden verkaufen wollen – die Autos aber aufgrund von Zöllen und Gegenzöllen immer teurer werden und somit weniger wettbewerbsfähig sind.

Grenzenloser Warenverkehr scheint unwahrscheinlich

Die Zeiten zweistelliger Wachstumsraten in China sind passé. Genauso wie Deutschland leidet auch das exportfreudige China unter den Abschottungen. In dem Boomland entwickelte sich die Industrieproduktion zuletzt so schwach wie vor knapp zwei Jahrzehnten.

Weil China weniger nachfragt, verschärft sich der 2018 begonnene Abwärtstrend hierzulande weiter. In keinem anderen größeren Industrieland sind die Gewinne der einheimischen Unternehmen 2018 und im Auftaktquartal 2019 so stark eingebrochen wie in Deutschland.

Eine Rückkehr zu alten Zeiten mit grenzenlosem Warenverkehr einschließlich Abbau aller neu verhängten Zölle erscheint unwahrscheinlich. Zu groß sind die Anti-Globalisierungs-Trends in den USA, aber auch in weiten Teilen Europas. Für Unternehmen bedeutet das drohende Ende der Globalisierung mehr Geschäfte in Freihandelszonen wie Europa und jetzt Mercosur, und für Aktionäre heißt es: eher sinkende als steigende Aktienkurse, denn Unternehmensgewinne sind langfristig die wichtigste Triebfeder an der Börse.

Auf der anderen Seite aber werden durch den schwächeren Welthandel samt sinkenden Investitionen und Ausgaben die Zinsen sehr niedrig bleiben: um Deflation in Europa zu verhindern und die Konjunktur in Amerika anzukurbeln. Aktien bleiben damit aus Sicht vieler Investoren die erste Wahl, weil Anleihen auch in Zukunft keine Zinsen abwerfen – und Immobilien, deren Preise stark gestiegen sind, nicht wirklich als Alternative taugen.

Ein nachhaltiger Absturz der Aktienmärkte droht deshalb eher nicht, trotz schlechter Wachstumsprognosen. Doch wer wirklich mehr Rendite als mit den Aktien der früheren Globalisierungsgewinner – wie BMW, Covestro, Continental, Henkel, Fresenius und viele andere – anstrebt, muss risikofreudiger werden und über den deutschen Fokus hinaus investieren, also weniger in Dax-Firmen, weil hier die Unternehmen unter Protektionismus und Zöllen besonders stark leiden.

Mittelfristig erscheinen stattdessen Unternehmen aussichtsreicher, die auch ohne freien Welthandel ganz gut wachsen können – weil sie sich auf einen starken Binnenmarkt wie Amerika oder China verlassen können. Langfristig aber gilt: Es wird eine Zeit nach Trump und seinem Slogan „Ich bin ein Freund der Zölle“ geben. Eine Zeit, in der ein Abkommen, wie es Europa und die Mercosur-Staaten gerade vereinbart haben, als Vorbild für eine Fortsetzung der jetzt unterbrochenen Globalisierung taugt.

Mehr: Der Deal zwischen der EU und Staaten aus Südamerika bietet der deutschen Industrie viele Chancen. Gerade die Autobranche hat große Hoffnungen.

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