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Kommentar Arbeitszeitverkürzung ist für die Autoindustrie ein Modell mit Tücken

Eine kollektive Absenkung der Arbeitszeit könnte der Autoindustrie helfen. Doch das ist volkswirtschaftlich nicht ganz ungefährlich.
16.07.2020 - 04:15 Uhr Kommentieren
Ohne ein Modell zur Arbeitszeitabsenkung drohen der Autoindustrie Massenentlassungen. Quelle: Kostas Koufogiorgos
Karikatur

Ohne ein Modell zur Arbeitszeitabsenkung drohen der Autoindustrie Massenentlassungen.

(Foto: Kostas Koufogiorgos)

Als die Coronakrise Mitte März über die Autoindustrie hereinbrach und die gesamte Produktion zum Erliegen brachte, herrschte blanke Not. Lieferketten zerfielen über Nacht, Angebot und Nachfrage lösten sich in Luft auf. Schlagartig hatten die Unternehmen zu wenig Arbeit für zu viele Beschäftigte. Fast zeitgleich beantragten BMW, Daimler und VW sowie Bosch, Continental und viele andere Zulieferer – wie schon während der Finanzkrise 2008/2009 – bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) Kurzarbeitergeld.

Es war genau das richtige Mittel für den ersten heftigen Corona-Schock. Die Unternehmen konnten sich Zeit verschaffen, die Lage analysieren und abwarten, wie sich die Pandemie weiterentwickelt.

Die Lage wurde nun ausgiebig analysiert – und das Ergebnis ist niederschmetternd. Eine kollektive Senkung der Arbeitszeit ist kaum zu vermeiden, aber die hat ihre Tücken.

Corona ist keine Finanzkrise, es ist ein Virus, das sich nicht um arbeitsmarktpolitische Instrumente oder Unternehmensstrategien schert. Die Pandemie wird langfristige Folgen für die Industrie haben, sowohl finanzielle als auch strukturelle. Die Autobranche erwacht aus dem Kurzarbeitskoma und muss nun die Folgeschäden beheben – und das wird Jahre in Anspruch nehmen.

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    Klar ist: Mit Kurzarbeit lässt sich ein so langer Zeitraum nicht überbrücken. Die Unternehmen benötigen Kriseninstrumente, die sofort Cashflow-wirksam sind und die ihren unternehmerischen Handlungsspielraum nicht begrenzen. Genau das ist das Problem der Kurzarbeit. Sie verhindert Strukturmaßnahmen. Die Kurzarbeit sichert den Status quo so lange, bis das Vorkrisenniveau wieder erreicht wird.

    Auch andere „herkömmliche“ Krisenwerkzeuge wie die Altersteilzeit bringen in einer akuten Krise nicht viel, da sie nur langfristig eine Wirkung entwickeln. Der Vorruhestand ist ebenfalls kein Corona-Schmerzmittel, da er erst die Bilanz eines Unternehmens belastet, bevor er seine positive Wirkung entfaltet.

    Die Manager der Autoindustrie müssen tiefer in den Werkzeugkasten greifen. Doch was sie dort finden, ist weder bei den Unternehmen noch bei den Arbeitnehmern wirklich beliebt: die kollektive Absenkung der Arbeitszeit.

    Continental-Personalvorständin Ariane Reinhart wagte Ende Juni den Vorstoß. Ihr schwebt eine Absenkung der Arbeitszeit in Bereichen vor, in denen weniger Arbeit vorliegt. Neu ist die Idee nicht. Bereits 1993 hatte VWs damaliger Personalvorstand Peter Hartz mit der IG Metall eine Arbeitszeitabsenkung ausgehandelt. Auf diese Weise wurden 20.000 Arbeitsplätze gerettet. Seit 1994 ist die Beschäftigungssicherung mithilfe der Absenkung der Arbeitszeit gemäß der sogenannten „TV Besch“ bei der IG Metall tariflich geregelt.

    Es gibt bei Conti allerdings zwei entscheidende Unterschiede zum Hartz-Modell: Während die VW-Mitarbeiter damals eine Jobgarantie bekamen, sieht sich der Autozulieferer dazu außerstande. Außerdem schwebt Conti eine Aufstockung der Löhne niedrigerer Tarifgruppen durch die BA vor.

    In der Branche wird das Thema heiß diskutiert. Die Gewerkschaften prüfen, wo ihre Schmerzgrenzen liegen, die Autobauer und Zulieferer kalkulieren, welches Sparpotenzial sie heben können. Die BA wiederum könnte die Kurzarbeiterkassen schonen und trotzdem Arbeit statt Arbeitslosigkeit finanzieren.

    Kollektive Lohneinbußen drohen

    Wie kontrovers das Instrument ist, zeigt der Fall Daimler. Nachdem bekannt wurde, dass der Autobauer aus Stuttgart offenbar plant, 15.000 Stellen abzubauen, erklärte sich Konzernbetriebsrat Michael Brecht bereit, mit dem Unternehmen über eine Arbeitszeitverkürzung zu sprechen. Doch Daimler blockt ab – was nicht verwundert.

    Denn im Gegensatz zu „gesünderen“ Unternehmen bringt eine kollektive Arbeitszeitabsenkung sanierungsbedürftigen Konzernen wie Daimler, die den Strukturwandel der vergangenen Jahre derart verschlafen haben, nichts.

    Die Bundesregierung jedoch könnte Kapital aus dem „Conti-Modell“ schlagen und sich bei den Gewerkschaften und den Arbeitern in der Autoindustrie wieder beliebter machen, nachdem sie eine Kaufprämie abgelehnt hatte. Gegenüber der „Welt“ sagte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) – gleichzeitig auch Aufsichtsratsmitglied bei VW –, dass eine Vier-Tage-Woche, ergänzt durch eine BA-Unterstützung, Arbeitslosigkeit vermeiden könnte.

    Doch das Problem ist, dass eine kollektive Absenkung der Arbeitszeit, die branchenübergreifend Schule macht, nicht nur die Tarifverträge bis an die Grenzen strapaziert; das Instrument, breit angewandt, ist volkswirtschaftlich nicht ganz ungefährlich.

    Denn wenn nach der Autoindustrie zum Beispiel auch der ebenfalls Corona-geschwächte Maschinenbau die Arbeitszeit absenkt, könnten Millionen Arbeitnehmer über Jahre hinweg deutlich weniger verdienen – und die werden dann ganz sicher keine teuren Konsumgüter, wie zum Beispiel Autos, kaufen. Für das künftige Wirtschaftswachstum sind das keine guten Nachrichten.

    Doch am Ende wissen alle Seiten, dass die Alternative noch desaströser wäre: Denn wenn sich Gewerkschaften, Politik und Unternehmen nicht auf ein Modell zur Arbeitszeitabsenkung einigen, drohen Massenentlassungen.

    Mehr: Personalchefin Ariane Reinhart will auf diese Weise Arbeitsplätze in der Autoindustrie retten. Auch Bosch und ZF ringen um Arbeitsplätze. Nicht jedes Modell gefällt den Gewerkschaften.

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