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Kommentar Argentinien ist das ewige Krisenland

Präsident Mauricio Macri hat die historische Chance des Neuanfangs in Argentinien nicht genutzt. Jetzt ist das Land wieder dort angekommen, wo es sich schon so oft wiederfand.
03.09.2018 - 17:02 Uhr Kommentieren
Wegen seiner wirtschaftsliberalen Reformen genoss Macri großes Ansehen auf der Weltbühne. Nun muss er Washington wieder um Hilfe bitten. Quelle: dpa
Großes Ansehen

Wegen seiner wirtschaftsliberalen Reformen genoss Macri großes Ansehen auf der Weltbühne. Nun muss er Washington wieder um Hilfe bitten.

(Foto: dpa)

Vereinfacht lässt sich sagen: Bis vergangenen April war Argentinien noch der Star unter den Emerging Markets weltweit. Im Mai kippte dann die Stimmung. Die Investoren fielen aus allen Wolken, als Präsident Mauricio Macri beim Internationalen Währungsfonds (IWF) um einen Hilfskredit in Höhe von 50 Milliarden Dollar anklopfte. Er konnte den Run auf den Dollar nicht stoppen.

Mit dem neuen Hilfsappell an Washington ist Argentinien wieder da angekommen, wo es sich schon so oft in den letzten Jahrzehnten wiedergefunden hat: als der Wackelkandidat der Weltwirtschaft. Das ewige Krisenland. Der Peso hat seit Jahresanfang seinen Wert halbiert gegenüber dem Dollar. Die Inflation steht bei über 30 Prozent. Der Leitzins beträgt absurde 60 Prozent, und die Wirtschaft bewegt sich auf eine schwere Rezession zu.

Was also ist schiefgegangen? Es gibt zwei Erklärungsansätze. Der erste ist der einfachere. Er folgt der Logik der Investoren. Danach ist Argentinien aufgrund seiner hohen Defizite im Staatshaushalt und in der Leistungsbilanz durch die steigenden Zinsen in den USA sowie infolge der wachsenden Risikoaversion weltweit wieder verwundbar geworden. Der Wind hat sich gedreht auf den Weltfinanzmärkten.

Argentinien – genauso wie die Türkei – wurde davon heftig erwischt. Das Land ist zwar mit einer Verschuldung von knapp 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nur gering verschuldet im Vergleich zu den meisten Ökonomien weltweit. Doch die Schulden hat die Regierung Macri in der Rekordzeit von nur zwei Jahren aufgenommen. Vorher war Argentinien fast 15 Jahre von den Finanzmärkten isoliert.

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    Ausländische Investoren leihen Argentinien seit April kein Geld mehr, die Direktinvestitionen ins Land sind gestoppt, Großprojekte für Energie, Bergbau und Transport liegen auf Eis. Damit ist Macris Reformstrategie gescheitert: Er hoffte, mit seinen Reformen und einem wirtschaftsfreundlichen Kurs Investoren und Unternehmer ins Land zu bekommen, um neue Fabriken, Straßen, Kraftwerke und Minen zu bauen.

    Mit dem anziehenden Wachstum – so sein Kalkül – würden auch die Steuereinnahmen zulegen und würde der Haushalt saniert. Und tatsächlich machte Macri fast alles richtig. Unterschätzt haben die Argentinier wie auch die Investoren, wie weit das Land seit der Jahrtausendwende bereits zurückgefallen ist und wie sehr es den Anschluss an die Weltwirtschaft verloren hat. Statt Wachstum ist nun Rezession angesagt.

    Der Absatzmarkt Brasilien stagniert, die Sojapreise sind im Keller, eine Trockenheit hat die Farmer gebeutelt. Das Defizit im Haushalt will die Regierung nun vor allem mit höheren Exportsteuern ausgleichen, die Ausgaben jedoch weitgehend unangetastet lassen. Sie fürchtet – zu Recht – sozialen Aufruhr in einem Land, in dem ein Drittel der Bevölkerung arm ist. Doch die Rechnung kann kaum aufgehen.

    Der schwache Peso reduziert das Defizit in der Leistungsbilanz. Aber wie soll das Land damit seine Zinsen auf Dollar-Schulden bezahlen? Die Notenpresse wird also heiß laufen, um die Ausgaben zu finanzieren. Mittelfristig droht gar eine Hyperinflation.

    Genau an diesem Punkt setzt der zweite Erklärungsansatz an – der etwas komplizierter ist. Es geht darum, ob die Investoren daran glauben, dass Argentinien den liberalen Wirtschaftskurs auch über den nächsten Wahltermin 2019 hinaus wird durchhalten können. Bis April schien daran kein Zweifel zu bestehen. Macri traute man zu, das Land fast mühelos wieder auf den richtigen Kurs zu bringen.

    Die westliche Staatengemeinschaft freute sich, dass sie wieder auf Argentinien zählen konnte: Demokratische Staaten mit wirtschaftsliberalen Regierungen sind rar geworden auf der Welt. Deswegen hat Argentinien dieses Jahr auch die G20-Präsidentschaft inne. Es war die Anerkennung der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer für Macris beherzten Reformkurs. Der IWF will auch deshalb den Kredit jetzt weiter erhöhen.

    Einen marktwirtschaftlichen Reformer lässt der Westen nicht so einfach fallen. Auch viele Argentinier sind bis heute froh, dass sie die Vorgängerin Cristina Kirchner als Präsidentin nach einer Dekade losgeworden sind. Sie hatte die Wirtschaft ins Chaos gesteuert, die Gesellschaft gespalten, die Kassen geplündert und das Land von der Welt isoliert.

    Doch Macri hat die historische Chance vertan. Er nutzt nicht den Schwung des Neuanfangs und seine bis vor Kurzem hohe Popularität, um den Staatshaushalt und damit das Land auf eine realistische Basis zu stellen. Jetzt muss er in einem Jahr nachholen, was er in drei Jahren zuvor nicht geschafft hat – unter erschwerten Bedingungen. Die Argentinier zweifeln zunehmend daran, dass ihm das gelingt.

    Ihre Flucht in den Dollar resultiert aus einem tief sitzenden Misstrauen gegenüber der Kapazität ihrer Regierungen. Deren Erfolgsbilanz als Reformer ist bescheiden: 26-mal hat Argentinien in seiner Geschichte ein Abkommen mit dem IWF ausgehandelt und scheitern lassen. Revision Nummer 27 läuft heute an.

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