Joe Kaeser

Der Siemens-Chef baut den Konzern in drei strategische Unternehmen unter dem Dach von Siemens auf.

(Foto: AP)

Kommentar Auf Siemens-Chef Joe Kaeser wartet noch viel Arbeit in seinen letzten zwei Amtsjahren

Die Richtung des Konzernumbaus stimmt. Doch Siemens-Chef Joe Kaeser muss noch die Balance zwischen Agilität und Stabilität finden.
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Man wagt es kaum noch, Siemens mit General Electric zu vergleichen. Lange war der US-Konkurrent das schier unerreichbare Vorbild in Sachen Profitabilität und angeblich überlegener Managementkultur. Doch wie man heute weiß, war dort vieles künstlich aufgebläht, mehr Marketing als Substanz.

Gerade erst hat GE einen Quartalsverlust von mehr als 22 Milliarden Dollar verkündet. Der US-Konzern zerlegt sich gerade selbst und hofft mit dem zweiten neuen Chef binnen eines Jahres auf einen Neuanfang. So ist GE derzeit für Siemens weniger Benchmark denn eine Bestätigung, dass die großen Mischkonzerne im Zeitalter von Digitalisierung und Beschleunigung nicht einfach so weitermachen können wie bislang.

Dem Konzernumbau von Vorstandschef Joe Kaeser, der anfangs eher schleichend stärker in Richtung einer Holding führte, schlug anfangs auch aus guten Gründen Skepsis entgegen. Doch zeigen nicht nur das Elend von GE und die jüngsten Ergebnisse beider Unternehmen, dass bei den Münchenern die Richtung stimmt.

Siemens entwickelt sich derzeit nicht nur auf vielen Geschäftsfeldern besser als die klassischen Konkurrenten wie General Electric und ABB. Die meisten Sparten können sich auch im Vergleich mit fokussierten Spezialisten, die künftig vor allem der Maßstab sein sollen, sehen lassen.

Also zum Beispiel Siemens Gamesa mit Blick auf Konkurrenten wie Vestas, die Digitale Fabrik im Vergleich zu Firmen wie Rockwell oder Healthineers gegenüber Philips. Siemens gewinnt derzeit auf zentralen Zukunftsfeldern Marktanteile.

Am anschaulichsten gelingt dies in den digitalen Industrien, wo Siemens seine starke Position in der Automatisierungstechnik und bei der Industriesoftware verknüpft. Die Internet-der-Dinge-Plattform Mindsphere hat gute Chancen, in der Industrie zu dominieren. Zuletzt wuchs die Digitale Fabrik doppelt so schnell wie der Markt bei weiterhin glänzenden Umsatzrenditen.

Doch das ist noch nicht das Ende der Geschichte. Ob Kaesers Umbau, er spricht lieber von einer Weiterentwicklung, wirklich eine Erfolgsgeschichte wird, ist längst nicht gesichert. In den letzten beiden Jahren seiner Amtszeit steht Kaeser noch viel Arbeit bevor. So sind Teile der Mitarbeiter bis hinein ins Management verunsichert, weil sie nicht wissen, welche Rolle sie in der neuen Struktur erfüllen, die am 1. April an den Start geht.

Der Konzern wird in drei operative und drei strategische Unternehmen unter dem Dach von Siemens aufgeteilt.

Kaeser muss eine Balance finden zwischen Agilität und Stabilität. Er hat den Geschäften mehr Beweglichkeit verschafft. Im Zeitalter der Digitalisierung müssen diese schneller agieren können und dürfen nicht vom Tempo anderer Geschäftszweige abhängen. Eine große Gasturbine wird über Jahre entwickelt, in der digitalen Fabrik ist die Taktung viel kürzer. Daher brauchen die Geschäfte mehr Freiraum, die neue Struktur gibt sie ihnen.

Doch löst die Aufteilung auch Fliehkräfte aus. Kaeser muss weiterhin gut erklären, was den neuen Siemens-Konzern noch im Innersten zusammenhält. Die Marke Siemens steht dabei im Mittelpunkt, bei langjährigen Infrastrukturaufträgen spielt Verlässlichkeit eine große Rolle. Dafür steht Siemens.

Die Gefahr, dass die neue Struktur in eine Zerschlagung mündet, ist allerdings nicht von der Hand zu weisen. Kaesers Nachfolger, der 2021 den Dienst antritt, könnte in schwierigeren Zeiten in Versuchung geraten, Geschäfte wie die Bahntechnik, die derzeit kriselnde Kraftwerkssparte oder die Medizintechnik ganz herauszulösen, wenn dies etwa auf Druck aggressiver Investoren opportun erscheint.

Kaeser weiß, wie sensibel das Thema ist. „Wir berühren die DNA des Unternehmens, und davor haben wir alle Respekt“, räumte er bei Vorlage der Bilanz unumwunden ein. Einige Entscheidungen der vergangenen Monate haben gezeigt, dass Siemens derzeit nicht auf dem Weg zu einer seelenlosen Finanzholding ist.

Der Erhalt des Werks im strukturschwachen Görlitz war ebenso ein Signal wie die Wahl Berlins als Standort für den neuen Zukunfts-Campus. 600 Millionen Euro will der Konzern in eine Siemens-Stadt 2.0 investieren. In Singapur wäre die Entwicklung des neuen Stadtteils mit Wohnen, Infrastruktur und Entwicklungsabteilungen womöglich einfacher gewesen.

Doch mit der Wahl Berlins zeigt Siemens, dass der Konzern die Transformation ernst meint. Das traditionsreiche Turbinenwerk in der Hauptstadt, das früher dicke Gewinne garantiert hat, muss wegen der Marktkrise Stellen streichen. Gleichzeitig schafft Siemens in derselben Stadt und fast an derselben Stelle sogar Arbeitsplätze in Zukunftstechnologien.

Und: Noch immer investiert der Konzern zwei Drittel seiner Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Deutschland. Auf diesem Wege schafft Kaeser es derzeit noch, die Balance zu halten. Aber der Siemens-Umbau ist noch nicht abgeschlossen.

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