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Kommentar Bahn oder Flieger – Eines der beiden Verkehrsmittel versagt immer

Der ICE-Brand ist nur ein Beispiel dafür, dass die viel gepriesene Verknüpfung der Verkehrssysteme in Deutschland immer mehr zur Farce wird.
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Etwa jeder dritte Fernzug in Deutschland ist verspätet. Quelle: AFP
ICE fährt in den Berliner Bahnhof ein

Etwa jeder dritte Fernzug in Deutschland ist verspätet.

(Foto: AFP)

„Mobilität ist eine zentrale Grundlage für individuelle Freiheit und gesellschaftlichen Wohlstand, für wirtschaftliches Wachstum und für Arbeitsplätze in allen Regionen.“ Ganz schön hehre Worte. Sie stehen im Koalitionsvertrag der Regierungsparteien. Die Realität der Mobilität ist dagegen ziemlich banal.

Wer am vergangenen Wochenende mit der Eisenbahn verreisen wollte, in den Norden an die See oder gen Süden in die Berge, der sah sich mit einem gut gemeinten Service der Deutschen Bahn konfrontiert. Der Staatskonzern machte seine (potenziellen) Kunden darauf aufmerksam, dass auf zahlreichen Verbindungen der gerade ausgewählte Zug wegen „außergewöhnlich hohen Reiseaufkommens“ nicht buchbar sei, alle Plätze seien schon reserviert. Und empfahl, einen anderen Zug zu nehmen.

Das Problem: Alle Züge auf diesen Verbindungen waren mit demselben Hinweis versehen. Wohlstand und Wachstum hatten in diesen Tagen Pause.

Verstehe das, wer will. Seit Monaten ist jeder dritte Fernzug verspätet. Die Hoffnung, Anschlüsse zu erreichen, haben wir längst aufgegeben. Und seit der ICE-Havarie am vergangenen Freitag auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke Köln-Frankfurt ist auch die Sicherheit dahin, dass uns die Bahn zuverlässiger zum Flieger bringt als der Pkw auf verstopften Autobahnen. Denn rechtzeitig am Airport aufzutauchen ist angesichts der unkalkulierbaren Abfertigungsprozeduren heutzutage wichtiger denn je.

Vorerst bleibt der größte deutsche Flughafen Frankfurt jedoch nur unter schwierigsten Umständen erreichbar. Die Streckensperrung macht deutlich, wie empfindlich unsere Verkehrssysteme auf Störungen reagieren. Die Vernetzung wird zur Farce.

Bahn oder Flieger – eines der Systeme versagt immer. In dieser fatalen Situation sogar zu hoffen, mehr Reisende zu einem Umstieg vom Flugzeug auf die Bahn zu bewegen, um den innerdeutschen Luftverkehr zu entlasten, das ist wohl Illusion.

Was auch immer den Brand in dem ICE ausgelöst haben mag, der Unfall sollte, er muss eine Debatte über die Zukunft der Mobilität in diesem Land auslösen. Es ist gerade einmal ein Jahr her, da wurde die viel befahrene Eisenbahnstrecke bei Rastatt im Rheintal für sechs Wochen gesperrt. Grund war eine missglückte Tunnelbohrung für eine neue Trasse. Damals war auch der Personenfernverkehr betroffen, das Chaos brach allerdings im Güterverkehr auf der Schiene aus. Und zwar in ganz Europa.

Denn diese eine Strecke entlang des Rheins trägt die Hauptlast im stetig zunehmenden Nord-Süd-Verkehr zwischen Nordseehäfen und Mittelmeer. Über Wochen ging nichts mehr. Und es gab keine Alternative. Weder die Rheinschifffahrt noch das Lkw-Speditionsgewerbe konnten die zu Tausenden blockierten Container abfahren. Es gab noch nicht einmal leistungsfähige Umleitungen für die Güterzüge.

Aber weil es eben nur der Güterverkehr war, machte die Havarie von Rastatt keine so große Welle. Das könnte diesmal anders sein. Der ICE-Brand könnte sich zum Desaster entwickeln. Denn noch ist offen, ob der Brand die Gleise derart stark beschädigt hat, dass eine wochenlange Streckensperrung notwendig wird. Das hätte weitreichende Folgen.

Die Trasse zwischen Köln und Frankfurt ist eine Magistrale für den Personenverkehr – mit Ausstrahlung über die Grenzen Richtung Belgien, Frankreich, Niederlande. Die Strecke verbindet nicht nur zwei der bevölkerungsreichsten Regionen Deutschlands, sie ist Teil der wichtigsten Eisenbahn-Ost-West-Achse durch Europa. Und: Sie ist der zentrale Zubringer zum Flughafen Frankfurt.

Selten wird so deutlich, was vernetzte Mobilität bedeutet. Geredet wird heute schon viel über städtische Mobilität, Sharingmodelle, Verknüpfung von Individualverkehr und öffentlichem Personennahverkehr, Koordinierung örtlicher Lieferdienste. Das ist zweifellos richtig. Dabei gerät allerdings die Mobilität im großen Maßstab aus dem Blick.

Die Mobilität von Menschen und Gütern ist regelrecht explodiert. Die Eisenbahn zählt binnen fünf Jahren zehn Millionen neue Fahrgäste in ICEs und ICs, allein der 2013 neu aufgenommene Verkehr mit Fernbussen kommt inzwischen auf 25 Millionen Fahrgäste. Deutschlands Wirtschaftsboom hat zur Folge, dass die Hälfte des europäischen Güterverkehrsmarkts hierzulande stattfindet, die andere Hälfte teilen sich die restlichen 27 Staaten der EU.

Verkehrsprognosen liegen meist daneben. Nur in einem Punkt liegen alle richtig. Der Verkehr wird zunehmen. Da wird es nicht mehr reichen, hier einem Flughafen eine zweite Landebahn zu spendieren, dort eine Autobahn sechsspurig auszubauen oder eine Bahnstrecke für Highspeed zu ertüchtigen.

Die Planungen müssen verknüpft werden. Ein erweiterter Airport ist sinnlos, wenn die Anbindung auf der Schiene nicht gewährleistet ist. Und ökologisch sinnvolle Verlagerung von nationalem Luftverkehr bleibt so lange ein Wunschtraum, wie die Voraussetzungen dafür am Boden nicht geschaffen sind.

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