Kommentar Bei Banken bedeutet Größe nicht Stärke

Zehn Jahre nach der Lehman-Pleite sind Fusionen unter europäischen Großbanken kein Tabu mehr. Das ist ein riskanter Paradigmenwechsel.
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Einem neuen Konsens unter Bankern, Aufsehern und Politikern zufolge braucht die EU starke Banken. Quelle: dpa
Skyline von Frankfurt

Einem neuen Konsens unter Bankern, Aufsehern und Politikern zufolge braucht die EU starke Banken.

(Foto: dpa)

FrankfurtEs ist schon einigermaßen verblüffend: Ausgerechnet zum zehnjährigen Jubiläum der katastrophalen Pleite von Lehman Brothers werden Großfusionen in der Bankbranche wieder salonfähig. Egal ob Banker, Aufseher oder Politiker – in Europa bildet sich ein neuer Konsens heraus, und der besagt: Die EU braucht starke Banken, die eine Chance haben, zur weit enteilten US-Konkurrenz aufzuschließen.

Der Gedanke ist natürlich erst einmal richtig. Das Argument geht allerdings einen entscheidenden Schritt weiter: Um zu alter oder sogar neuer Stärke zu finden, brauchen wir paneuropäische Banken, die die gesamte Währungsunion als ihren Heimatmarkt ansehen, und das funktioniert am Ende nur über internationale Großfusionen.

Auch dieser zweite Gedanke ist nicht falsch. Allerdings bedeutet er einen riskanten Paradigmenwechsel, der für die meisten Banken in der Währungsunion im Moment schlicht noch zu früh kommt. In den Jahren nach der Finanzkrise galten große Zusammenschlüsse unter Geldhäusern als Tabu.

Die Gültigkeit der Gleichung, je größer und vernetzter eine Bank, desto größer auch die Gefahr, dass sie im Notfall vom Steuerzahler gerettet werden muss, stand außer Zweifel. Diese Erkenntnis gilt im Grundsatz noch immer, allerdings tritt sie zusehends in den Hintergrund, während die Angst, dass Europas Banken im globalen Wettbewerb immer weiter nach unten durchgereicht werden, inzwischen in den Vordergrund rückt.

Diese Verschiebung ist aus drei Gründen bedenklich: Erstens gab und gibt es gute Gründe für das Fusionstabu nach der Finanzkrise. Wahrscheinlich würden trotz aller Reformen noch nicht einmal die größten Optimisten ernsthaft behaupten, dass das Problem der Banken gelöst ist, die zu groß sind, um sie geregelt abwickeln zu können. Größere Banken wären also noch immer auch gefährlichere Banken.

Zweitens stimmt das Umfeld in der Währungsunion für Großfusionen noch immer nicht. Wie viele seiner Kollegen ist auch Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing davon überzeugt, dass auf Dauer kein Weg an der Konsolidierung der Bankenlandschaft vorbeiführt. Aber Sewing knüpft diese Einschätzung an eine Bedingung: Zuerst muss die Bankenunion in der Euro-Zone vollendet werden.

Der Deutschbanker hat recht, aber auch die Vollendung dieses Großprojekts würde nicht ausreichen, um für Europas Geldhäuser einen Binnenmarkt zu schaffen, der sich mit den USA vergleichen ließe. Selbst wenn zur gemeinsamen Bankenaufsicht und zum gemeinsamen Abwicklungsmechanismus auch noch die dritte Säule, die heftig umstrittene gemeinsame Einlagensicherung, hinzukäme, wäre der Bankenmarkt in der Euro-Zone nach wie vor ein Flickenteppich.

Viele europäische Banken kämpfen mit Schwächen

Noch immer würde eine Vielzahl nationaler Aufseher eigene Regeln setzen oder zumindest deren Umsetzung interpretieren. Außerdem müssten auch Bestimmungen vereinheitlicht werden, die in der Bankenunion bislang keine Rolle spielen, wie zum Beispiel das Insolvenzrecht für Unternehmen und Privatpersonen. In einigen Ländern wie Italien machen es die geltenden Gesetze den Banken ausgesprochen schwer, Sicherheiten zu verwerten, die säumige Kunden für ihre Kredite gestellt haben.

Drittens sind allenfalls eine Handvoll Banken in der Euro-Zone stark genug, um sich an komplexe Übernahmen heranwagen zu können, und für einige dieser Vorzeigebanken wäre organisches Wachstum wahrscheinlich die bessere Alternative für die internationale Expansion.

Dieses Argument gewinnt an Gewicht, je weiter die Digitalisierung voranschreitet. Wer es erst einmal geschafft hat, eine digitale Bankenplattform in einem Land aufzubauen, kann dieses Konzept ohne größere Probleme in andere Märkte exportieren. So, wie es zum Beispiel die niederländische Großbank ING vormacht.

Eine Studie der Beratungsgesellschaft Bain kommt zu dem Schluss, dass zwei Drittel der europäischen Banken auch zehn Jahre nach Lehman noch mit akuten Schwächen kämpfen: Bei gut 40 Prozent konstatieren die Berater schwache Geschäftsmodelle oder schwache Bilanzen, über ein Viertel stuft Bain sogar als echte Problemfälle ein. Das heißt: Für viele europäische Banken gilt die alte Weisheit, dass man aus zwei lahmen Gäulen kein Rennpferd züchten kann.

Außerdem zeigt die oft leidvolle Erfahrung mit Großfusionen unter Geldhäusern, dass sich viele Zusammenschlüsse zwar in Excel-Tabellen rechnen, die Realität am Ende aber weit hinter den schönen Rechenbeispielen zurückbleibt.

Kein Zweifel, ein paneuropäischer Bankenmarkt ist ein sinnvolles Projekt, und die Konsolidierung der Branche wird früher oder später auch kommen. Politik und Aufseher sollten allerdings der Versuchung widerstehen, diesen Prozess industriepolitisch zu forcieren. Jede Großfusion, die schiefgeht, würde das Vertrauen nicht nur ins Finanzsystem erschüttern, sondern in die europäische Einigung insgesamt. Und das kann sich Europa angesichts der politischen Großwetterlage schlicht nicht leisten.

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