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Kommentar Bei Plastik und PET-Flaschen gibt es keine einfachen Wahrheiten

Egal, ob es um Umwelt oder Klima geht: Wenn aus Vorschlägen für ökologisch sinnvolles Handeln Dogmen werden, entstehen gefährliche Denkverbote.
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Wer an der Kasse auf die Plastiktüte verzichtet hat, hat das Gefühl, etwas Gutes für die Umwelt getan zu haben. Quelle: dpa
Plastiktüte im Supermarkt

Wer an der Kasse auf die Plastiktüte verzichtet hat, hat das Gefühl, etwas Gutes für die Umwelt getan zu haben.

(Foto: dpa)

Im Klima- und Umweltschutz gibt es vermeintliche Wahrheiten, die irgendwann nicht mehr infrage gestellt werden können. Plastik ist böse, das ist so ein Satz. Es begann schon mit den Plastiktüten im Supermarkt, die durch Papiertüten ersetzt wurden, auch wenn es durchaus begründete Zweifel gab, ob denn die Papiertragetasche aus ökologischer Sicht sinnvoller ist.

Einen ähnlichen Effekt spüren jetzt die Mineralwasserproduzenten. Reflexartig greifen Konsumenten wieder zur Glasflasche, weil man ja Plastik vermeiden soll. Dabei haben die leichteren PET-Pfandflaschen häufig eine viel bessere Ökobilanz als ihr Pendant aus Glas.

Ein Dogma, das sich in den Köpfen vieler Verbraucher festgesetzt hat, ist auch, dass regionale Produkte aus Gründen der Ökologie und Nachhaltigkeit vorzuziehen sind. Ergebnis ist, dass viele Produzenten den verkaufsfördernden Begriff „regional“ auf ihre Verpackungen drucken – selbst wenn die Ware durch ganz Deutschland gekarrt wird.

Verschärft hat sich die Situation durch die Fridays-for-Future-Bewegung. Zu Recht beklagen die Demonstranten, dass die Klimaprobleme lange verdrängt wurden und deshalb wichtige Weichenstellungen gar nicht oder viel zu spät erfolgten. Doch zugleich erzeugen sie damit eine Fünf-vor-zwölf-Stimmung, die nach ganz schnellen Antworten verlangt. Diskutiert wurde viel zu lang, jetzt muss gehandelt werden, lautet die Devise.

Wenn eine solche Stimmung auf vermeintliche Wahrheiten trifft, dann ist die Gefahr groß, dass einfache Lösungen gesucht werden, mit denen die öffentliche Meinung rasch beruhigt werden kann. Das gilt insbesondere für die Politik, die damit Handlungsfähigkeit demonstrieren will.

Bestes Beispiel ist der deutsche Atomausstieg, der nach der Katastrophe von Fukushima plötzlich top Priorität hatte – auch wenn im Nachhinein betrachtet der Kohleausstieg mindestens genauso wichtig gewesen wäre.

Aber auch Unternehmen bedienen sich gern dieser Mechanismen, um ihr Firmenimage grün zu färben. So rühmte sich beispielsweise Aldi dafür, den sogenannten Knotenbeutel bei Obst und Gemüse nur noch aus Bioplastik herzustellen und nicht mehr kostenlos abzugeben, weil gerade die Vermeidung von Plastiktüten en vogue ist. Dass aber der größte Teil der Frischware beim Discounter ohnehin in Plastik eingepackt ist und gar keinen Knotenbeutel benötigt – das ist kein Thema.

Die Welt ist kompliziert

Wenn ein Unternehmen auf der anderen Seite erst mal in den Sog einer öffentlichen Verteufelung gerät, hat es kaum noch die Chance zu argumentieren. Dass der Trinkhalm zum Symbol für gefährlichen Plastikmüll geworden ist, wird für ein Unternehmen wie Capri-Sun sogar zur Existenzbedrohung. Völlig wirkungslos der Hinweis des Firmenchefs, dass ein Schraubverschluss viel mehr Plastik verbraucht. Das öffentliche Urteil ist gefällt.

Richtig ist: Manchmal braucht es Symbole wie das Verbot der Plastikhalme, damit sich überhaupt etwas bewegt. Erst dann werden komplexe Zusammenhänge im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar. Solche Symbole versprechen vor allem den Verbrauchern Leitlinien für das Handeln in einer unsicheren Welt und helfen so, überhaupt eine Veränderung des Verhaltens zu erzeugen.

Das Problem: Die Welt ist trotzdem kompliziert. Und wer nicht mehr bereit ist, vermeintliche Wahrheiten auch infrage zu stellen, verbaut sich Lösungsmöglichkeiten. Wenn Vorschläge für ökologisch sinnvolles Handeln Dogmen werden, entstehen gefährliche Denkverbote.

Einfache Lösungen sind ja auch ein bequemes Mittel, sein Gewissen zu beruhigen. Wer an der Kasse auf die Plastiktüte verzichtet hat, hat das Gefühl, etwas Gutes für die Umwelt getan zu haben. Dass er danach mit dem SUV nach Hause fährt, ist dann gleich viel weniger schlimm. Und ein Unternehmen, das eine Umweltorganisation unterstützt, hat weniger Druck, seine Produktion klimafreundlich umzustellen. Symbolpolitik kann so die Sicht auf ein ganzheitliches Handeln verstellen.

Es ist gerade für Unternehmen häufig nicht einfach, sich diesem Schwarz-Weiß-Denken entgegenzustellen. Wer nicht den einfachen Weg wählt, sondern nach Lösungen jenseits des Mainstreams sucht, begibt sich in die Gefahr, in einen Shitstorm zu geraten. Unkonventionelle Lösungen durchzuziehen verlangt sehr viel Standfestigkeit.

Auch dafür ist der Knotenbeutel ein schönes Beispiel. Ausgerechnet der Biohändler Alnatura lehnt Knotenbeutel aus Bioplastik ab. Das Unternehmen setzt darauf, dieses Tütchen weitgehend zu vermeiden. Und da, wo es doch noch gebraucht wird, etwa bei feuchtem Salat, nutzt Alnatura bewusst Beutel aus Erdöl, weil der Händler das in sorgfältiger Abwägung für weniger schädlich hält.

Wer sich so gegen den Strom stellt, muss sein Handeln begründen und erklären. Das ist lästig, doch es kann sich lohnen. Denn auf Dauer schafft dies mehr Glaubwürdigkeit als blinder Aktionismus es tut.

Mehr: Weil Verbraucher Plastikflaschen meiden, investieren die Getränkekonzerne Milliarden in Wassersprudler. Die kleinen Mineralbrunnen können da nicht mitziehen.

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