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Kommentar Beim Fachkräftemangel müssen Staat und Wirtschaft an einem Strang ziehen

Der Mangel an MINT-Kräften ist dramatisch – und zum Teil hausgemacht. Deutschland muss nun gegensteuern. Denn gerade diese Berufe sichern Wohlstand.
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Der neue Azubi-Mindestlohn kann nur der Anfang sein, die Bedingungen zu verbessern. Quelle: dpa
Ausländische Fachkräfte

Der neue Azubi-Mindestlohn kann nur der Anfang sein, die Bedingungen zu verbessern.

(Foto: dpa)

Der neue MINT-Frühjahrsreport des Instituts der deutschen Wirtschaft sendet ein Alarmzeichen: Der Mangel an Fachkräften in den für die deutsche Wirtschaft so zentralen Feldern Mathematik, Informatik, Technik und Naturwissenschaften liegt auf Rekordniveau. Insgesamt fehlen mehr als 300.000 Spezialisten. Und: Innerhalb dieser Lücke hat sich der Mangel bei den IT-Kräften in wenigen Jahren explosionsartig vergrößert.

Schlechtere Nachrichten für das Fundament des Wirtschaftsstandorts Deutschland kann man sich kaum vorstellen. Natürlich, auch in der Pflege und in den Kindergärten fehlen massenhaft Fachkräfte. Aber die Kernbereiche der Industrie, Metall- und Elektroindustrie, Automobil- und Maschinenbau, sichern das Wachstum. Noch viel wichtiger: Hier werden die Innovationen vorangetrieben, die auch in vielen Jahren noch Wohlstand schaffen sollen.

Das geht nicht ohne eine gewaltige Zahl von Ingenieuren und Naturwissenschaftlern. Und die alles erfassende Digitalisierung stockt ohne IT-Spezialisten – vom Gesellen bis zum Professor. Ganz zu schweigen von der Künstlichen Intelligenz (KI), bei der Deutschland ja angeblich irgendwann auch eine zentrale Rolle spielen will.

Der Mangel bleibt auch dann bestehen, wenn die womöglich nachlassende Konjunktur die Nachfrage nach Fachkräften zunächst einmal dämpft. Spätestens im nächsten Aufschwung steigt sie aber wieder kräftig – bis dahin müssen zusätzliche Fachleute ausgebildet sein.

Die Wirtschaftsverbände drängen vor allem darauf, das Fachkräfte-Zuwanderungsgesetz schnell umzusetzen. Es ist auf einem guten Weg, doch das Ausland wird uns nicht aus der teilweise selbst gemachten Bredouille ziehen – auch weil gut qualifizierte Leute weltweit noch bessere Chancen haben, vor allem auch in englischsprachigen Ländern.

Die Politik hat nicht verhindert, dass die Ausbildung an Renommee verlor

Schaut man genauer hin, zeigt sich, dass das Problem MINT-Mangel in den letzten Jahren nicht nur stark gewachsen ist, auch die Struktur hat sich verschoben. Mittlerweile machen beruflich Qualifizierte, also Gesellen, Meister und Techniker, zwei Drittel der MINT-Fachkräftelücke aus. Das liegt auch daran, dass Politik und Verbände viele Jahre vehement für ein Studium warben, zugleich aber nicht verhinderten, dass die duale Ausbildung an Renommee verlor.

Nun gilt es, die Lehre flächendeckend wieder attraktiver zu machen – auch für potenzielle Studenten und Studienabbrecher. Dafür müssen die Azubi-Löhne steigen. Der neue staatliche Mindestlohn für Azubis kann dafür nur die Basis sein. Dazukommen muss eine bessere Betreuung während der Lehre, damit nicht weiterhin mehr als ein Viertel unterwegs aufgibt. Vor allem kleinere Betriebe brauchen Hilfe, um zu verhindern, dass sie sich entnervt aus der Ausbildung zurückziehen.

Doch auch die Konzerne dürfen hier nicht zurückstehen. Sie haben die duale Ausbildung in den letzten Jahren zurückgefahren und nur teilweise durch dual Studierende ersetzt. Wenn ein Weltkonzern wie SAP überhaupt keine Lehrlinge hat, kratzt das am guten Ruf der deutschen Berufsausbildung. Es kann nicht sein, dass die Flaggschiffe der deutschen Wirtschaft sich hier vornehm zurückhalten – und dann mit höheren Gehältern Fachkräfte anwerben, die vor allem der Mittelstand ausgebildet hat.

Ungenutzte nationale Potenziale speziell für die MINT-Fächer gibt es durchaus: Frauen spielen hier noch lange nicht die Rolle, die sie spielen könnten. Um mehr von ihnen in einschlägige Studienfächer und Ausbildungen zu locken, muss man aber früh ansetzen. Die Schulen müssen bei Mädchen das Interesse wecken – schon vor der Pubertät. Und man muss den Eltern klarmachen, dass gerade in frauenuntypischen Berufen große Chancen warten.

Es ist nicht leicht, dem in den Medien allgegenwärtigen Image vom hübschen Mädchen, das sein Geld ohne viel Lernaufwand als Influencerin verdient, handfeste Argumente entgegenzusetzen, wenn dieses Klischee sogar die Frauen von Nationalspielern nähren. Doch wenn eine Institution wie die TU München eine eigene Kurzserie um eine Elektrotechnikstudentin produziert, warum können Politik und Wirtschaft dann keine breite Werbekampagne auf die Beine stellen?

Ähnlich schwierig – wenn auch aus ganz anderen Gründen – ist es, aus möglichst vielen jungen Flüchtlingen Elektriker, Mechaniker und IT-Kräfte zu machen. Doch auch hier ist Potenzial vorhanden. Es gibt also viel zu tun. Die Kultusminister scheinen das Problem noch immer nicht in seiner ganzen Tragweite erfasst zu haben. Fürs Erste müssen sie den Digitalpakt schneller umsetzen. Denn woher sollen IT-Kräfte kommen, wenn es in der Schule nicht einmal funktionierendes WLAN gibt?

Helfen müssen der Bund, die Wirtschaftsverbände und das große MINT-Netzwerk, das sich seit vielen Jahren müht, dieses schwierige Feld zu beackern. Ideen, Initiativen und Akteure gibt es genug. Sie müssen aber öfter an einem Strang ziehen.

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