Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Kommentar Billigfleisch und Menschenwohl gibt es nicht gleichzeitig

Die Coronakrise offenbart die Schattenseiten der Fleischindustrie. Dort ist ein Systemwandel überfällig – und ein Eingriff des Staates.
14.05.2020 - 16:24 Uhr 1 Kommentar
Viele Beschäftigte sind über Subunternehmer angestellt und leben in beengten Sammelunterkünften. Quelle: dpa
Schlachthof

Viele Beschäftigte sind über Subunternehmer angestellt und leben in beengten Sammelunterkünften.

(Foto: dpa)

Der 14. Mai ist Tag der Heiligen Corona. Sie gilt als Patronin des Geldes und der Fleischer. In Zeiten des Coronavirus hat der Tag eine ganz neue Bedeutung bekommen, sind doch Geld und Fleisch vielfach eine unheilige Allianz eingegangen.

Nicht ohne Grund sind Schlachthöfe zu Hotspots der Pandemie geworden. Corona offenbart einmal mehr die Schattenseiten der Fleischindustrie: Zehntausende Werkverträgler aus Südosteuropa halten die Produktion hierzulande am Laufen. Sie schuften oft zu Niedriglöhnen und müssen in beengten Sammelunterkünften hausen.

Die Missstände sind lange bekannt, aber geändert hat sich auch nach der Selbstverpflichtung der Branche 2015 wenig. Die Coronakrise sollte für Bund und Länder der Anlass sein, endlich mit menschenunwürdigen Verhältnissen in der Branche aufzuräumen.

Tatsache ist: Schlachten und Fleischzerlegung ist harte Arbeit – und schlecht bezahlt zudem. Für solche Knochenjobs finden sich in Deutschland kaum mehr Bewerber. Schlachtbetriebe sind auf Arbeitskräfte aus dem EU-Ausland angewiesen. Doch die heuern sie zunehmend über Subunternehmen an. Nach Schätzung der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten sind in der Fleischwirtschaft rund 30.000 Menschen über Werkverträge beschäftigt.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Viele junge Bulgaren oder Rumänen schuften ein paar Jahre in deutschen Schlachthöfen, um sich danach in der Heimat etwas aufzubauen. Dubiose Vermittlerfirmen vor allem aus Osteuropa machen dabei gute Geschäfte. Zusätzlich knöpfen sie den Werkverträglern für zum Teil menschenunwürdige Sammelunterkünfte überhöhte Mieten ab.

    Das Subunternehmertum in der Fleischbranche ist für Bundesarbeitsminister Hubertus Heil die „Wurzel des Übels“, er spricht von „Ausbeutung“. Andere Kritiker nennen die Auswüchse gar „modernen Sklavenhandel“, der die Armut der Menschen schamlos ausnutze. Die Südosteuropäer kommen zwar freiwillig, aber aus Not – und sie haben keine Lobby. Wer das Spiel nicht mitspielt, wird ausgetauscht.

    Die deutschen Fleischbetriebe haben allzu gerne weggeschaut. Hauptsache, es kam genug Nachschub an billigen und willigen Arbeitskräften. Doch seit den Einreisebeschränkungen durch Corona droht dieser Strom plötzlich abzureißen. Hinzu kommt: Das Virus kann sich in engen Sammelunterkünften rasant verbreiten, selbst wenn im Betrieb auf Hygiene geachtet wird. Werksschließungen wie bei Vion oder Westfleisch sind die Folge. Das jahrelange Kostendrücken kommt die Schlachtkonzerne nun teuer zu stehen.

    Verantwortung wird an Subunternehmer abgewälzt

    Die Schlachtbetriebe machen es sich zu leicht, wenn sie die Verantwortung für die Missstände auf Subunternehmer abwälzen. Das mag rechtlich korrekt sein, nicht aber moralisch. Arbeitgeber haben eine Fürsorgepflicht gegenüber all ihren Beschäftigten – seien sie direkt angestellt oder indirekt.

    Schwach ist auch die Drohung der Hersteller, ins günstigere Ausland abzuwandern. Sie argumentieren mit dem damit verbundenen Verlust von Arbeitsplätzen und den Belastungen für die Tiere wegen längerer Transportwege. Doch rechnen würde sich eine Flucht ins Ausland für die Fleischbranche am Ende nicht. Denn erst die Tiere zum Schlachten ins Ausland zu transportieren und danach das Fleisch in Kühltransportern nach Deutschland zu bringen, wäre letztlich teurer.

    Zwar verfügen in ersten Konzernen ausländische Werkverträgler über deutsche Arbeitsverträge samt Kranken- und Sozialversicherung. Doch an prekären Wohnverhältnissen hat sich wenig geändert. Selbstverpflichtungen greifen zu kurz – wie so oft in der kompetitiven, margenschwachen Nahrungsmittelbranche. Das zeigt auch das Hickhack um Zuckerreduktion oder Lebensmittelampel.

    Einheitliche gesetzliche Standards müssen her, damit Firmen, die ihre Beschäftigten anständig behandeln, keine Wettbewerbsnachteile haben. Werkswohnungen statt Sechserzimmer sollten zur Norm werden. Werkverträge im Kerngeschäft sollten die Ausnahme bleiben, etwa um Auftragsspitzen abzufedern. Wenn mehr als die Hälfte der Beschäftigten von Subunternehmen kommt, stimmt etwas nicht im System.

    Ein Systemwandel ist überfällig und kann nur von Bund und Ländern gemeinsam durchgesetzt werden. Fleisch und Wurst werden dann etwas teurer, aber die Preise sind ohnehin unanständig günstig. Ein Kilo Schweinegulasch kostet beim Discounter derzeit 4,38 Euro. Für einen großen Café Latte zahlen wir bereitwillig genauso viel.

    Leider lässt sich am Preis und an der Fleischverpackung nicht erkennen, wie Unternehmen mit ihren Beschäftigten umgehen. Bei der Tierhaltung gibt es mehr Transparenz. Uns Verbrauchern sollte beim Kauf eines Schnitzels das Wohl der Beschäftigten genauso wichtig sein wie das der Tiere. Neben dem geplanten Label für Tierwohl müsste es auch eines für Menschenwohl geben. Dann gäbe es mehr Transparenz für Verbraucher und einen Anreiz für die Schlachter, in ihre Beschäftigten zu investieren.

    Mehr: Warum Schlachthöfe zu Corona-Hotspots geworden sind.

    Startseite
    Mehr zu: Kommentar - Billigfleisch und Menschenwohl gibt es nicht gleichzeitig
    1 Kommentar zu "Kommentar: Billigfleisch und Menschenwohl gibt es nicht gleichzeitig"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Man kann dem Konsumenten vom Billigfleisch nur wünschen, dass er daran verrec...
      Beyond Meat ist eine Alternative.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%