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Kommentar Boris Johnson ähnelt zwar Trump – doch er spielt mitnichten in der gleichen Liga

Viele Briten wollen Boris Johnson als neuen Premier – ganz egal, welche Konsequenzen das hat. Doch Johnson ist nicht so mächtig, wie er zu sein glaubt.
4 Kommentare
Brexit: Boris Johnson sollte sich nicht überschätzen – ein Kommentar Quelle: AP
Boris Johnson

Der britische Ex-Außenminister ist zwar ein Populist wie Donald Trump. Doch seine Macht ist geringer.

(Foto: AP)

Die vergangenen Wochen, in denen in Großbritannien die beiden Kandidaten für das Amt des Premierministers quer durchs Land reisten und um Wähler buhlten, haben eines klar gezeigt: Im Vereinigten Königreich ist der Trumpismus eingekehrt. Die Briten sind frustriert vom Brexit.

Aber die Schlussfolgerung vieler ist nicht, den EU-Ausstieg abzusagen. Sie wollen, befeuert von Brexit-Hardlinern und dem jahrzehntelangen Schimpfen der britischen Elite auf die EU, „endlich raus“. Welche Folgen das hat? Interessiert nicht mehr. In der Diskussion um den Brexit geht es schon lange nicht mehr um Fakten.

Viele Briten wollen Ex-Außenminister Boris Johnson und seinen Brexit – ganz egal, welche Konsequenzen das hat. Es ist eine klare Form von Trumpismus. Die Menschen wünschen sich einen, der auf den Tisch haut. Es ist in der öffentlichen Debatte kein Platz mehr für nüchterne Nachrichten, Fakten und langweilige Details. Johnson setzt wie US-Präsident Donald Trump auf den Frust der Wähler. Und er hat Erfolg damit.

Nichts beweist das so eindrucksvoll wie ein eingeschweißter Bückling. Wenn man wissen wolle, warum Großbritannien aus der EU ausscheiden müsse, solle man doch nur an diesen Fisch denken, sagte Johnson auf einer Wahlkampfveranstaltung in London, nachdem er einen Räucherhering unter seinem Pult hervorgekramt hatte. Der Bückling, wetterte er, den Fisch hin- und herschwenkend, sei von einem Räucherbetrieb auf der Isle of Man. Der müsse beim Versand nun einen Coolpack in das Paket legen. Diese Vorschrift der Brüsseler Bürokraten habe die Kosten des Betriebs immens erhöht, sie sei sinnlos und umweltschädlich, schimpfte der Politiker. Wie so oft kam dieser Schwank bei seinen Anhängern gut an, Johnson war der Applaus sicher. Doch wie so oft entpuppten sich die Behauptungen auch als unwahr: Es gibt keine EU-Regelung dazu. Die entsprechende Vorschrift haben die Briten selbst erlassen.

Aber die Wahrheit tut Johnsons Popularität keinen Abbruch. In dieser Woche wird der 55-Jährige aller Voraussicht nach zum neuen Premier des Landes ernannt.

Kein diplomatisches Geschick

Er dürfte gleich in seinen ersten Tagen im Amt vor schwierigen Aufgaben stehen, ironischerweise wird seine erste Herausforderung aber nicht der Brexit sein: Nachdem britische Tanker in der Straße von Hormus vom Iran festgehalten worden sind, droht die Lage am Golf zu eskalieren. Diesen Konflikt zu entschärfen erfordert großes diplomatisches Geschick – das Johnson bislang nicht bewiesen hat.

Nur allzu präsent sind den Briten seine unüberlegten Äußerungen über eine Mutter mit iranischem und britischem Pass, die im Iran im Gefängnis sitzt und deren Situation durch die Äußerung Johnsons, sie habe dort Journalisten ausgebildet, noch verschlimmert wurde.

Die Folgen einer Eskalation im Atomstreit mit dem Iran gehen aber über das Schicksal dieser Britin weit hinaus. Als die USA vor einem Jahr den Atomdeal mit dem Iran aufkündigten und stärkere Sanktionen einführten, schlugen Deutschland, Frankreich und Großbritannien einen anderen Weg ein. Johnson muss nun eine weitreichende Entscheidung treffen: Wird er auf diesem Weg bleiben und eine Verschlechterung der Beziehungen zum US-Präsidenten riskieren? Oder schwenkt er auf die Linie der USA ein?

In der Vergangenheit hat Johnson davor zurückgeschreckt, sich gegen Trump zu stellen. Aus gutem Grund: Will er in den Brexit-Verhandlungen gegenüber den Europäern Härte zeigen, muss er auf die Unterstützung der Amerikaner hoffen. Aber der US-Präsident gilt als ebenso unberechenbar wie Johnson selbst. Es ist nicht die einzige Parallele: Beide sind populär, weil sie als „starker Mann“ gesehen werden und ihre Anhänger eben das gutheißen.

Johnson überschätzt seine Stellung in der Welt

Johnson und die Brexit-Hardliner überschätzen aber sich und die Stellung des Vereinigten Königreichs im weltweiten Machtgefüge, wenn sie glauben, nach dem Brexit weiter in der gleichen Liga wie die USA, China oder eben die EU spielen zu können.

Im Gegensatz zum US-Präsidenten hat Johnson nicht die Macht der weltgrößten Volkswirtschaft hinter sich, sondern nur die der fünftgrößten, die darüber hinaus schon bald mit den Folgen des Brexits zu kämpfen haben wird. Vor Jahren hatte Johnson einmal gescherzt, dass er mit dem US-Präsidenten verwechselt wurde und dass dieser Tag einer der schlimmsten seines Lebens gewesen sei. Wer hätte da gedacht, dass sich die beiden eines Tages politisch so sehr annähern?

Noch lassen sich Boris Johnsons Anhänger vom Trump’schen Charisma und dem unerschütterlichen Selbstvertrauen des Briten blenden. Doch der täte gut daran, eine vorsichtigere Gangart einzuschlagen, in den Brexit-Verhandlungen genauso wie im Atomkonflikt mit dem Iran. Seine europäische Version des Trumpismus dürfte nicht ausreichen, um seine Zeit an der Spitze der britischen Regierung zu einem Erfolg werden zu lassen.

Mehr: Die Anleger fürchten, dass Johnson neuer Premierminister wird. Das Pfund Sterling rauscht von Tief zu Tief. Die Brexit-Unsicherheit dürfte die britische Währung noch Monate belasten.

Was würde sich mit Boris Johnson als Premierminister ändern?

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4 Kommentare zu "Kommentar: Boris Johnson ähnelt zwar Trump – doch er spielt mitnichten in der gleichen Liga"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Im Vergleich zu den Problemen, die Johnson und mit ihm Großbritannien in Zukunft haben werden, ist mein Problem wirklich ganz klein:
    Ist hypertroph wirklich ein geeignetes Attribut für den Journallisten AI(=Johnson?)?.

    Eine einfache und korrekte Sprache erscheint mir auch wichtig, gerade wenn man über 2 Männer wie Johnson und Trump redet, deren Stärken ja eher im Unverständnis der Probleme und Lügen liegt.

  • Verfassungskrise? Das Vereingte Königreich hat überhaupt keine Verfassung. Er könnte also allenfalls die Staatskrise auf die Spitze treiben.( wenn sie denn existierte) Ich glaube aber eher, daß er genau das Gegenteil bewirken wird. Johnson ist, und darin ähnelt er Trump durchaus, ein Mann der dumm quatscht und klug handelt. (siehe seine Zeit als Bürgermeister von London) Das ist mir allemal lieber als deutsche Politiker, die durchweg präpotent daherlabern und nachweislich dumm oder gar nicht handeln. (Jens Spahn ausdrücklich mal aussen vor)

  • Jahrhundertauswahl -> Bundesliga -> 2. Liga -> 3. Liga -> Regionalliga -> Kreisklasse B

    Trump -> Putin -> Johnson -> Macron -> Merkel -> von der LAIEN

  • Diese Feststellung ist zwar zutreffend - aber auch irrelevant. Derartige relative Machtvergleiche auf globaler Eben lenken von dem Schaden ab, das ein Boris Johnson immerhin als Regierungschef des Vereinigten Königreiches (der überdies seit Harold Wilson stetig an Macht hinzugewonnen hat) anrichten kann.

    Nicht nur, dass er von seiner ganzen Art und Persönlichkeit dazu angetan sein wird, die Verfassungskrise in UK über den Brexit auf die Spitze zu treiben und damit an sich bereits die britische Volkswirtschaft gefährdet; sollte er ab einem bestimmten Punkt tatsächlich entschlossen sein, einen No-Deal-Brexit herbeizuführen, kann das Parlament dies nur in Zusammenarbeit mit einer wohlwollenden EU verhindern.

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