Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Kommentar – Chefökonom Die schlafende Inflation: Die Zeit negativer Zinsen wird enden

Die EZB wird die Leizinsen anheben müssen, falls es keine neuen gesamtwirtschaftlichen Schocks gibt. Die Frage ist nur: Wann und wie stark?
22.01.2021 - 10:13 Uhr 3 Kommentare
Handelsblatt: Prof. Bert Rürup
Der Autor

Prof. Bert Rürup ist Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI) und Chefökonom des Handelsblatts. Er war viele Jahre Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats sowie Berater mehrerer Bundesregierungen und ausländischer Regierungen. Mehr zu seiner Arbeit und seinem Team unter research.handelsblatt.com.

„Die Inflation ist nicht tot“, mahnte jüngst Isabel Schnabel, deutsches Mitglied im EZB-Rat und Vertraute von Präsidentin Christine Lagarde. In den vergangenen Jahren sei die Wirtschaft einer Serie von Schocks ausgesetzt gewesen, was die Inflation gedämpft habe. „Wir erwarten jedoch, dass sich das ändern wird und es 2021 zu einem Anstieg der Inflation kommen wird.“

Diese Aussage deckt sich mit den Erwartungen der Bundesbürger. Denn laut „Bundesbank Online-Panel-Haushalte“ erwarteten die Verbraucher zum Jahreswechsel für den Durchschnitt der kommenden zwölf Monate eine Inflationsrate von beachtlichen 3,1 Prozent. Zum Vergleich: Im abgelaufenen Jahr betrug dieser Anstieg des Preisniveaus in Deutschland gerade einmal 0,5 Prozent.

Die Quittung für die ultraleichte Geldpolitik der EZB in der zurückliegenden Dekade ist dies allerdings nicht. Für den schwachen Preisauftrieb im vergangenen Jahr gab es gute Gründe. Zum einen geht eine Rezession oft mit stagnierenden oder gar sinkenden Preisen einher, da sich sowohl Lohn- wie Preiserhöhungen in Krisen mit schwacher Nachfrage kaum am Markt durchsetzen lassen.

Zum Zweiten brach 2020 der Ölpreis ein und erholte sich von seinen Tiefstständen im vergangenen März nur zögerlich. Gegenwärtig liegen die Notierungen immer noch um rund 15 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Und zum Dritten senkte die Bundesregierung im zweiten Halbjahr 2020 temporär die Umsatzsteuer, was von vielen Anbietern zumindest teilweise an die Endverbraucher weitergereicht wurde. Die vollständige Weitergabe hätte rechnerisch die Verbraucherpreise um 1,6 Prozent gedrückt.

Mit der Rückkehr zu den alten Regelsätzen zum Jahresbeginn ist nun spiegelbildlich mit wieder höheren Verbraucherpreisen zu rechnen. Hinzu kommt die deutliche administrative Anhebung der Preise für Heizöl, Benzin und Erdgas durch die neue CO2-Abgabe, was sich in höheren Endpreisen dieser Produkte niederschlägt und sich durch die damit verbundene Erhöhung von Produktions- und Transportkosten auch auf die allgemeine Preisentwicklung auswirkt.

Sollte es überdies im Sommer, wenn die Corona-Pandemie hoffentlich überwunden ist, zu dem ersehnten Konsumschub aufgrund von Nachholeffekten kommen, wird es zudem zu einem nachfrageseitigen Preisschub kommen.

So ist zu erwarten, dass für einzelne Monate in diesem Jahr ein Anstieg der Verbraucherpreise um die drei Prozent zu beobachten sein wird. Gut möglich, dass am Jahressende der höchste Durchschnittswert seit 2008 steht, als die Preise um 2,6 Prozent anzogen.

Geldpolitik fehlt aggressive Lohnpolitik

Nun gibt es „Teuerung“, seit es Missernten und Nutztierseuchen gibt. „Inflation“ dagegen ist ein neuzeitlicher Begriff, der sich vom lateinischen „inflare“ (aufblähen) ableitet und der im 16. Jahrhundert mit den Preissteigerungen in der Folge der Flutung der europäischen Märkte durch die mit südamerikanischem Silber und Gold gedeckten spanischen Peso, der damaligen Weltwährung, gebräuchlich wurde.

Solange Silber und Gold knapp bleiben, ist eine durch Edelmetall gedeckte Währung stabil. Ändern konnten sich nur die relativen Preise, ähnlich wie in einer reinen Tauschwirtschaft. Waren aufgrund ungünstigen Wetters die Getreideernten schlecht, stieg der relative Getreidepreis, während die Preise für Vieh und andere landwirtschaftliche Produkte relativ zum Getreide sanken.

Reduzierte hingegen die Regierung den Edelmetallgehalt von Münzen oder erlaubten große Silber- und Goldfunde, mehr Geld zu prägen, so verteuerten sich alle Güter, die mit Geld bezahlt wurden. Folge dieser Ausweitung der Geldmenge war Inflation.

Das heutige Pendant zum Edelmetallschwund der Münzen sind die Anleihekäufe der EZB, mit denen zusätzliches Geld in den Umlauf gebracht wird. Ziel der EZB ist es, dass ein möglichst großer Teil des zur Rettung und Stimulierung der Wirtschaft in die Finanzmärkte gedrückten Geldes auch die Nachfrage auf den Gütermärkten treibt und dort zu Inflation führt. Was bislang nicht geschehen ist, zumal der Geldpolitik die Unterstützung durch eine aggressive Lohnpolitik fehlt.

Die DGB-Gewerkschaften handeln dieses Jahr für mehr als zwölf Millionen Beschäftigte neue Vergütungstarifverträge aus. Allerdings laufen die meisten Tarifverträge bereits im ersten Halbjahr aus, das noch von den Folgen der Pandemie geprägt sein wird.

Sollten die Gewerkschaften es dennoch schaffen, den derzeitigen Preisschub in kräftige Lohnerhöhungen umzumünzen, käme es zu Zweitrundeneffekten: Die Unternehmen würden versuchen, ihre gestiegenen Kosten über höhere Preise weiterzugeben, und die Inflation könnte sich hochschaukeln.

Wiederholung einer Lohn-Preis-Spirale ist unwahrscheinlich

Im Extremfall könnte sich – wie in den 1970er-Jahren – eine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen. In Deutschland erzwang 1974 die Gewerkschaft für den öffentlichen Dienst ein Lohnplus von elf Prozent – bei mehr als sieben Prozent Inflation.

Dass es derzeit dazu kommt, ist unwahrscheinlich. Zum einen wird die Digitalisierung weiterhin viele Produkte billiger machen. Zum Zweiten können die Arbeitgeber des industriellen Hochlohnsektors starke Lohnforderungen verhindern, da sie glaubhaft mit Verlagerungen in Niedriglohnländer drohen können.

Und zum Dritten dürften Strukturwandel und die kaum vermeidbare Pleitewelle in Teilen des Handels und Dienstleistungssektors die Arbeitslosenzahl zumindest kurzfristig erhöhen, sodass ein flächendeckender Lohnschub nicht zu erwarten ist.

Anders dagegen sieht es ab der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts aus. Die deutsche Volkswirtschaft steuert auf einen demografisch bedingten gravierenden Fachkräftemangel zu. Denn dann gehen die geburtenstarken Jahrgänge sukzessive in den Ruhestand und können in den Büros und Werkshallen nur durch deutlich schwächer besetzte Kohorten ersetzt werden.

Hinzu kommt, dass infolge der Pandemie das Personal im Gesundheits- und Pflegesektor sowie im administrativen Gesundheitsschutz spürbar aufgestockt werden dürfte. Die Digitalisierungsdefizite der öffentlichen Verwaltung und des Bildungssektors, die die Pandemie gnadenlos aufdeckte, werden ebenfalls nur mit zusätzlichem Personal behebbar sein.

Fachkräftemangel dürfte die Inflation ansteigen lassen

Kurz: Eine steigende Nachfrage nach Fachkräften trifft auf ein perspektivisch sinkendes Angebot – was unabhängig vom gewerkschaftlichen Organisationsgrad höhere Löhne nach sich ziehen dürfte. Dies führt zu steigenden Preisen, da diese Lohnsteigerungen deutlich über dem seit Jahren schwachen Produktivitätswachstum liegen dürften.

Auch wenn Deutschland besonders stark von der Alterung betroffen sein wird, so sind die Tendenzen in vielen anderen Staaten der Euro-Zone doch ähnlich. Der daraus resultierende Fachkräftemangel dürfte die Inflation perspektivisch im ganzen Euro-Raum ansteigen lassen.

Daher ist es sicher richtig, wenn die EZB unter der Führung von Frau Lagarde davon abrückt, den Deflationsgespenstern der Draghi-Ära nachzujagen. Sofern keine neuen gesamtwirtschaftlichen Schocks auftreten, werden daher irgendwann auch die Zeiten negativer Zinsen enden. Aber solange die Realzinsen niedrig bleiben, muss sich die EZB keine großen Sorgen wegen der teils sehr hohen Staatsschulden machen.

Ex-EZB-Chefvolkswirt Peter Praet betonte diese Woche im Handelsblatt-Interview, dass es für die EZB zwar nicht einfach sei, die Zinsen zu erhöhen, „wenn jeder erwartet, dass die Zinsen für immer niedrig bleiben“. Jedoch müsse die Geldpolitik, wolle sie glaubwürdig bleiben, mögliche Zinserhöhungen vorbereiten und dies kommunizieren.

„Die Regierungen und die Märkte müssen sich perspektivisch auf steigende Zinsen einstellen, selbst wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist.“
Die Inflation ist nicht tot, sie schläft. Nur wie tief und wie lange, das weiß niemand.

Mehr: Reform des Arbeitslosengelds II: ja – Bedingungsloses Grundeinkommen: nein

Startseite
Mehr zu: Kommentar – Chefökonom - Die schlafende Inflation: Die Zeit negativer Zinsen wird enden
3 Kommentare zu "Kommentar – Chefökonom: Die schlafende Inflation: Die Zeit negativer Zinsen wird enden"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Dem gibt es nicht hinzufügen.

  • Ach Herr Rürup,
    die Zinsen werden nicht angehoben werden, man erhöht einfach das Inflationsziel und dann passt wieder alles. Wollen Sie die Südländer in die Staatspleite schicken? Sie wissen doch, scheitert der Euro, dann scheitert Europa! Erinnern Sie sich?

  • Wenn die Zinsen steigen, werden wir eine riesige Staatspleitewelle sehen oder eine neue Euro Krise, Das muss auf jeden Fall verhindert werden und darf niemals passieren! Aktuell sind die hohen Schuldentürme kein Problem für viele Staaten, aber nur weil die Zinsen so niedrig sind. Sollten die Zinsen steigen, wäre das aber ein rießen Problem.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%