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Kommentar Clemens Tönnies ist der perfekte Sündenbock

Engpass bei Medikamenten, prekäre Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie. Warum fällt das alles erst in der Pandemie auf?
22.06.2020 - 17:23 Uhr 4 Kommentare
Polizisten und Mitarbeiter des Ordnungsamtes überwachen die Einhaltung der Quarantäne in Ostwestfalen Quelle: AFP
Corona-Hotspot

Polizisten und Mitarbeiter des Ordnungsamtes überwachen die Einhaltung der Quarantäne in Ostwestfalen

(Foto: AFP)

Die Empörung rast wie ein Tsunami über Ostwestfalen. Wie kann es sein, dass ein Mann wie Clemens Tönnies eine ganze Nation in ihrem Bemühen diskreditiert, der Pandemie Herr zu werden? Tönnies schafft es sogar in die Schlagzeilen der ausländischen Medien. Peinlich für Deutschland – rühmen wir uns doch so sehr, das Coronavirus halbwegs gebändigt zu haben.

Aber eine Großschlachterei und ihr polternder Chef eignen sich nun einmal als perfektes Ziel für einen Sturm der Entrüstung. Denn erstens finden die meisten Menschen Tönnies’ Geschäftsmodell geradezu ekelhaft, auch wenn sie hernach im Supermarkt vermeintlich bestes Nackensteak für 3,99 Euro im Sonderangebot kaufen. Und zweitens hat der Mann eine unglaubliche Gabe, sich immer wieder negativ in Szene zu setzen.

Sein erfolgloses Wirken als Schalke-04-Sponsor sei ihm noch verziehen. Aber der öffentlich ausgetragene Familienkrach um das Erbe des Unternehmens oder seine rassistischen Äußerungen über Afrikaner, die lieber mehr Strom als Kinder produzieren sollten, verschafften dem westfälischen Metzger schon zweifelhaften Ruhm, als das Virus noch gar nicht in Umlauf war.

Jetzt stürzen sich alle auf den Unsympathen aus Ostwestfalen. Nicht nur Vegetarier. Selbst ein eher wirtschaftsfreundlich gesinnter CDU-Minister wie Karl-Josef Laumann, der in der nordrhein-westfälischen Landesregierung das Ressort Gesundheit verantwortet, sagt: „Jetzt ist es einfach so weit, jetzt muss es geregelt werden.“ Tönnies ist halt der perfekte Sündenbock.

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    Bundesarbeitsminister Hubertus Heil ist schon beauftragt, umgehend schärfere Gesetze zu entwerfen, um die Ausbeutung von und mit Leiharbeitern zu unterbinden. Vom 1. Januar 2021 an soll das Schlachten und Verarbeiten von Fleisch nur noch Betriebsangehörigen erlaubt sein, sollen Werkverträge und Leiharbeiter untersagt sein in Betrieben, deren Kernbereich das Schlachten und die Fleischverarbeitung ist.

    Tönnies hat das System auch nicht erfunden

    Wenn das so kommt, lösen wir vielleicht ein Problem im Kreis Gütersloh. Nicht aber einige generelle Fehlentwicklungen, die überraschenderweise die Pandemie offenlegt. Weltweite Lieferketten ohne Sicherheitsnetz, die dazu führen, dass selbst einfache Schmerzmittel in Apotheken nicht mehr zu bekommen sind.

    Prekäre Jobs, undurchsichtige Beschäftigungsverhältnisse und ausbeuterische Verträge mit ausländischen Arbeitnehmern, die problematische Corona-Hotspots erzeugen. Das alles sind Entwicklungen, die wundersamerweise erst jetzt zu denken geben.

    Scheinarbeitsfirmen und -verhältnisse gibt es schon seit Jahren. Im Bauhandwerk sind Scheinselbstständige, oft aus ost- oder südosteuropäischen Ländern, nun wirklich keine Seltenheit. Clemens Tönnies hat das System auch nicht erfunden, Tätigkeiten aus festen Arbeitsverträgen auf Dritte übertragen zu dürfen, aber er hat es für seine Zwecke und in seinen Fabriken perfektioniert.

    So, wie Textilhersteller sich von katastrophalen Arbeitsbedingungen bei Lieferanten in Bangladesch distanzieren, so weit ist der angeblich so volksnahe Tönnies von seinen Mitarbeitern in Rheda-Wiedenbrück und den anderen Fabriken entfernt. Nur: Es sind gar nicht seine Beschäftigten.

    Der Gesetzgeber deckt diese Form des Outsourcings. Die Bedingungen für Werkverträge und Leiharbeitsverhältnisse sind geregelt – eigentlich. Offensichtlich aber zu lasch oder doch lückenhaft. Und wer die Bilder der Wohnsituation von angeworbenen ausländischen Arbeitern in der Fleischindustrie sieht, der ahnt schon, dass da noch ganz andere Standards unterboten werden.

    Paradebeispiel für Globalisierung in Schieflage

    Sollte den verantwortlichen Politikern tatsächlich noch nie aufgefallen sein, dass es in einem krassen Missverhältnis steht, wenn bei 6500 Beschäftigten in einer Fabrik der Hauptteil aus Werkverträglern besteht? Hat sich ein Herr Laumann noch nie gefragt, warum ausgerechnet das kleine Deutschland zweitgrößter Schweinefleischexporteur der Welt ist und fünftgrößter Fleischexporteur überhaupt? Und das alles bei einem offensichtlich mangelhaften Angebot an heimischen Arbeitskräften.

    Die Fleischindustrie ist das Paradebeispiel für Globalisierung in Schieflage. Wir produzieren in gigantischem Umfang über unseren eigenen Bedarf hinaus, können das aber nur, weil wir offenbar Billiglöhner in ebenso großem Ausmaß aus anderen Ländern anwerben. So verrückt das klingt, die Forderung der Grünen, Tönnies mit einem Kaufboykott zu bestrafen, liefe weitgehend ins Leere.

    Die Lehre aus dem Corona-Skandal aber sollte in Ostwestfalen lauten: Gesetze müssen wasserdicht sein. Sonst werden immer wieder Unternehmer wie Clemens Tönnies daherkommen und das Recht aufs Äußerste strapazieren. Und immer wieder werden sich verantwortliche Politiker wie jetzt wahltaktisch geschickt die Augen reiben, die sie zuvor nicht richtig aufgemacht haben.

    Mehr: SPD-Chef Walter-Borjans hat die Arbeitsbedingungen in der Schlachtbranche angeprangert. Minister Heil kritisiert das Verhalten der Firma Tönnies nach dem Corona-Ausbruch.

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    4 Kommentare zu "Kommentar: Clemens Tönnies ist der perfekte Sündenbock"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Ich kann Herrn Bajohr nur zustimmen: wo steht eigentlich geschrieben, dass wir in unserem dicht besiedelten und hochindustrialisierten Deutschland den Dreck (Gülle, Antibiotikaresistenzen, prekäre Arbeitsverhältnisse) für die Schweinefleisch-Esser weltweit abbekommen müssen? Würden in Deutschland nur die Schweine gezüchtet und verarbeitet, die die Deutschen tatsächlich essen, hätten die alle massenhaft Platz.

    • Ein wirklich einmal in die Tiefe des Problems gehender Artikel und recht ausgewogen - wie ich meine.
      Diese Art und Weise der Fleischproduktion kennen wir doch seit Jahrzehnten.
      Wenn es vom Gesetzgeber nicht verboten wird bzw. andere Spielregeln vorgegeben würden, dann optimieren die großen und erfolgreichen Unternehmen der entsprechenden Branche die sich bietenden Möglichkeiten.
      Schamlos ist es nur, dass Politiker jetzt so verlogen tun, als ob die Art der Fleischgewinnung und die Verarbeitung nebst Wohnbedingungen der ausländischen Mitarbeiter:innen etwas Unbekanntes und illegales sei.
      Das spricht gerade nicht für die Qualität des politischen Führungspersonals - von unten bis ganz oben.
      Wenn ein Staatswesen nicht in der Lage ist, komplexe Gesetze vielfach von externen "Beratern" bzw. Lobbyisten formulieren zu lassen, dann brauchen wir uns über nichts mehr wundern.
      So lange jeder Elektrofachbetrieb einen Meister haben muss, Minister:innen aber von nichts einen Nachweis seiner:ihrer Qualifikation abgeben müssen, ist das eben so wie es häufig ist.
      Und hat man schon einmal gute Gesetze, dann fehlt häufig die Kraft und das Standing, diese gegen jeden auch durchzusetzen und konsequente Verstöße als asoziales Verhalten zu benennen, dann wird unsere Demokratie von links und rechts ausgehöhlt.

      Tragen wir wieder mehr Verantwortung für unser Gemeinwesen und lassen uns nicht von den sog. Wutbürgern an der Nase herum führen.
      Hoppla - jetzt bin ich ein wenig abgeschweift und habe mich in Rage geschrieben - stimmt aber trotzdem.

      Bleibt gesund.

    • Es wird immer so dargestellt als sei diese ganze Fleischproduktion notwendig um dem deutschen Verbraucher sein billiges Schnitzel zu gewährleisten. Wieso kommt keiner auf die Idee die Exportmengen dieser Produktion durch niederländische Firmen auf deutschem Boden nach China zu durchleuchten. Die Gülle, der Abfall, die prekären Arbeitsbedingungen der importierten Billigarbeitskräfte ( und finalen Kosten ) bleiben hier, um den Export von billigem Schweinefleisch nach China auf Kosten deutscher (EU) Steuerzahler zu unterstützen. Die Herren Tönnis nutzen dieses System doch seit Jahren aus. Das ganze Gesabbel jetzt ist doch nur Sales-Show.

    • die Wahrheit ist, dass alle hier in Deutschland sich auf Kosten der Tiere und der ausgebeuteten Ost Europäischen Mitarbeiter nicht den Wums sondern sich den Wams voll geschlagen haben. Haben wir jetzt endlich alle den Mut den Preis dafür zu zahlen bzw. sind wir bereit darauf zu verzichten, wenn der Preis zu hoch ist?

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