Kommentar Cybercrime – Wir Nutzer sind Teil des Problems

Die Risiken für Cyberangriffe werden weiter dramatisch steigen, wenn wir nicht lernen, klüger mit den Schattenseiten der Vernetzung umzugehen.
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Die Gesellschaft muss lernen, mit Daten vorsichtiger umzugehen. Quelle: Reuters
Cyberattacke

Die Gesellschaft muss lernen, mit Daten vorsichtiger umzugehen.

(Foto: Reuters)

Wie stehlen Betrüger im Internet Bitcoin? Welche Sicherheitslücke ist auf Millionen von Smartphones zu finden? Können Spione in die Kommunikationssysteme von Flugzeugen eindringen? Nach Antworten darauf sucht man in diesen Tagen in Las Vegas. Dort lassen die Hackerkonferenzen Black Hat und Defcon erahnen, wie verwundbar unsere digitalen Infrastrukturen und wie gefährdet unsere Daten sind.

Berichte über Sicherheitspannen und Datenlecks lassen längst das Gespenst eines digitalen Frankensteins entstehen, der sich jeder Kontrolle entrissen hat. Die tatsächliche Lage aber ist nicht so eindeutig wie das mediale Bild.

Richtig ist: Mit der Vernetzung aller Lebensbereiche entstehen immer neue Risiken. Aber es wird einiges getan, um diese einzudämmen – sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik. Weil solche Veränderungen Zeit brauchen, heißt das für Nutzer: Sie müssen lernen, mit dem Kontrollverlust zu leben.

Spektakuläre Stunts, die Hacker auf IT-Konferenzen vorführen, sind jedoch meist fern der Alltagswirklichkeit. Übliche Gefährdungen sind erheblich trivialer, haben dafür aber eine größere Reichweite. So kursieren in Technikblogs täglich Meldungen über Softwarelösungen, die gravierende Sicherheitslücken aufweisen, über Onlinedienste, die vertrauliche Daten ungeschützt auf Servern ablegen, über Apps, die ohne das Wissen der Nutzer mitlauschen. Eingesetzt werden sie von Organisationen wie dem spanischen Fußballverband, der damit nichtlizenzierte Übertragungen aufspüren will.

All das sind keine Fälle, in denen Hacker aufwendige Sicherheitsmechanismen knacken. Mal nutzen sie Schlamperei aus, mal Unwissenheit. Mal zeigen die Entwickler selbst Sorglosigkeit oder Dreistigkeit. Das Resultat ist in allen Fällen das gleiche: Internetnutzer, die Unternehmen private oder gar intime Informationen über ihr Leben anvertrauen, haben ihre Daten nicht mehr unter Kontrolle. Der Skandal bei Facebook, der die Öffentlichkeit im Frühjahr beschäftigte, ist ein Beispiel dafür.

Zumal immer mehr Bereiche unseres Lebens vernetzt werden. Kaum ein Fernseher kommt heute noch ohne Internetverbindung aus, manches Modell richtet sogar eine Kamera ins Wohnzimmer. Selbst Puppen haben heutzutage eine Internetverbindung, damit die Kinder sich mit ihnen unterhalten können, wie es die Eltern mit ihren vernetzten Lautsprechern vormachen.

Mit Verboten allein lassen sich derartige Probleme kaum beheben. Zu schnell ist der Takt der Entwicklung – so sind Fehler kaum zu vermeiden. Zu mächtig sind die Geräte, die wir bei uns tragen. Nicht umsonst bittet der Whistleblower Edward Snowden seine Gäste, das Smartphone auszuschalten. Zu sorglos sind aber auch wir Nutzer. „Ich habe nichts zu verbergen“, lautet ein Satz, den man viel zu häufig hört.

Der Eindruck, dass nichts passiert, ist allerdings falsch. Für Technologieriesen wie Apple und Google, SAP und Telekom sind der Ausfall von IT-Systemen und der Verlust von Daten geschäftskritisch, entsprechend viel investieren sie in den Schutz. Ohne das Vertrauen der Kunden gäbe es kein Geschäft. Die Cloud-Dienste der Konzerne sind deshalb mit großer Wahrscheinlichkeit sicherer als ein Rechenzentrum, das ein Mittelständler selbst betreibt.

Auch die Politik hat das Problem erkannt und nimmt die Wirtschaft in die Pflicht. Das IT-Sicherheitsgesetz pocht bei Betreibern kritischer Infrastrukturen auf Mindeststandards. Gütesiegel für Smarthome-Produkte drängen Elektronikhersteller, stärker auf den Schutz von Daten zu achten.

Hausaufgaben bleiben. So müssen Polizeistellen und Internetkonzerne international zusammenarbeiten, weil die Kriminellen das auch tun. Die App-Entwickler sollten ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass IT-Sicherheit genauso wichtig ist wie neue Funktionen. Kleine Unternehmen, Anwälte und Ärzte haben zu begreifen, dass der Schutz ihrer Daten Geld kostet. Und die Bundesregierung sollte zumindest darüber diskutieren, dass sie mit dem „Staatstrojaner“ einen Schwarzmarkt fördert, auf dem Sicherheitslücken gehandelt werden.

Wir Nutzer sind Teil des Problems: Wir gehen zu sorglos mit der Technologie um. Es ist wie mit einem Autofahrer, der sein Fahrzeug längere Zeit nicht beim TÜV vorgestellt hat: Vermutlich kommt er damit unbeschadet in den Urlaub – bis dann doch ein Bremsschlauch platzt.

Wir alle können zur Lösung beitragen: die Software aktualisieren, einen Passwortmanager nutzen, Daten regelmäßig sichern. Ebenfalls wichtig ist ein Grundverständnis über die Technologie, die in den Elektronikläden und im Internet angeboten wird. Nicht zuletzt ist ein Bewusstsein für die Geschäftsmodelle der Internetökonomie hilfreich. Für junge Menschen bleibt der Tipp: IT-Sicherheit studieren. Damit werden sie nicht alle Systeme schützen. Aber der Job hat Zukunft.

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