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Kommentar Das BIP ist nicht das Maß aller Dinge

Ökonomen starten einen neuen Versuch, Wirtschaft und Soziales zu versöhnen. Er ist besser als seine Vorgänger – denn er nimmt dem BIP nicht seine Bedeutung.
20.02.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Neue Indikatoren sollen nicht nur den materiellen Wohlstand eines Industrielands zeigen. Quelle: imago images/Tim Wagner
Umweltaktivisten im Tagebau Schleenhain

Neue Indikatoren sollen nicht nur den materiellen Wohlstand eines Industrielands zeigen.

(Foto: imago images/Tim Wagner)

An der Zähmung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) als einziger Messgröße für die Wohlstandsentwicklung haben sich schon viele Ökonomen versucht. Meist mit mäßigem Erfolg wie zuletzt 2013 eine Enquete-Kommission des Bundestags. Noch jedes Mal behauptete sich das BIP als Platzhirsch unter den Maßen für die Entwicklung der Wirtschaft.

Jetzt versucht die „Global Solutions Initiative“, ein Zusammenschluss von Forschern unter Leitung des früheren IfW-Präsidenten Dennis Snower, einmal mehr, die Übermacht des BIP einzuhegen. Der Vorschlag ist besser gelungen als frühere Initiativen. Denn er will dem BIP gar nicht seine Bedeutung als volkswirtschaftliche Messgröße nehmen, sondern ihm weitere Indikatoren zur Seite stellen. Es geht darum, ökonomischen und sozialen Fortschritt zusammenzufügen: Denn sie hätten sich in den letzten Jahrzehnten entkoppelt, argumentiert Snower.

Allerdings: Wenn man sich das Ergebnis anschaut, so verkoppeln die Forscher das BIP gerade nicht mit ihren neuen Indizes für „individuelle Handlungsfähigkeit“ und „soziale Solidarität“, mit denen sie künftig die Entwicklung in 35 Industriestaaten messen und vergleichen wollen. Die neuen Indizes stehen schlicht neben dem BIP und dem ebenfalls bekannten EPI-Umweltindex.

Snower folgt damit der aktuellen Mode, den Nutzern seiner Forschung ein „Dashboard“ anzubieten: Wie beim Armaturenbrett im Auto stehen die Messinstrumente für unterschiedliche Informationen unverbunden nebeneinander. Die Erweiterung des BIP besteht also nur in der Aufforderung an die Regierungen der G20-Staaten, doch bitte das ganze Armaturenbrett im Blick zu behalten und nicht nur auf den Tacho, das BIP, zu starren.

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    Der große Vorteil der Dashboard-Methode ist, dass riesige Datenmengen aus unterschiedlichen Bereichen eben nicht so lange zusammengerührt werden, bis endgültig unklar geworden ist, was sie eigentlich messen sollten. Ein Beispiel für einen solch unverdaulichen Mix ist der Happy-Planet-Index der britischen New Economics Foundation, der seit 2006 subjektives Wohlbefinden, Lebenserwartung und ökologischen Fußabdruck so lange zusammenrührt, bis am Ende Menschen in eher armen, aber warmen Ländern wie Costa Rica besonders glücklich abschneiden – weil sie, was stark gewichtet wird, weniger Energie verbrauchen als die nach allen anderen Methoden führenden Skandinavier.

    Indikatoren sollten einzeln betrachtet werden

    Der Vorteil der Snower-Methode, die Kategorien materieller Reichtum, soziale Einbindung, individuelle Befähigung und Umweltentwicklung sauber getrennt zu halten, hat allerdings auch Nachteile. Vor allem jenen, dass vier Indizes nebeneinander für 35 Staaten ziemlich unübersichtlich sind. Es wird den meisten Politikern deshalb vermutlich schwerfallen, mit den Ergebnissen zu arbeiten. Snowers Dashboard könnte es deshalb ähnlich ergehen wie den 17 UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung: Ob und wie wirklich Wohlstand wächst, geht in der Index-Sammlung unter.

    Bei den nur vier Indizes der Snower-Gruppe ist diese Gefahr zumindest geringer als bei den UN. Verdaulicher werden sie jedoch, wenn man sie gerade nicht zusammen ansieht, sondern erst einmal jeden Indikator einzeln betrachtet. So ist es ein großes Verdienst, dass Snower einen Indikator entwickelt hat, der „soziale Solidarität“ misst, sich also mit Familien- und Freundesnetzen und deren Tragfähigkeit in verschiedenen Ländern befasst.

    Auch die Möglichkeiten, als Individuum sein (Berufs-)Leben gestalten zu können, verdient schon lange einen eigenen Indikator. Die Verbindung dieser neuen Indikatoren zum BIP wird allerdings eine sehr lockere bleiben: Es wird schlicht Unterschiedliches gemessen.

    Die Aussage des Forschungsprojekts ist deshalb eigentlich viel einfacher, als sie daherkommt: Sozialer Fortschritt ist genauso wichtig wie ökonomischer Fortschritt. Wem soziale Bindung fehlt, wer den Verlust der Kontrolle über sein Leben verspürt, wird anfällig für Propaganda von Populisten – egal, ob das BIP, und darin womöglich sogar das eigene Gehalt, steigt.

    Unterm Strich sagt die Snower-Gruppe also nichts anderes, als dass die G20-Regierungen im letzten Vierteljahrhundert zu sehr auf das Wirtschaftswachstum fixiert waren und die soziale Entwicklung der Gesellschaften sträflich vernachlässigt haben. De facto lassen die Forscher, anders als sie es sagen, das BIP vollkommen in Ruhe und eigentlich sogar außer Acht. Was gut ist: Denn als Messgröße für den materiellen Reichtum einer Volkswirtschaft ist es ja durchaus geeignet.

    Das Dashboard richtet sich in Deutschland damit eher an den Arbeits- und Sozialminister und den Heimatminister als an den Wirtschaftsminister. Folgt man Snower, müssten Hubertus Heil und Horst Seehofer künftig vor allem den Zusammenhalt vor Ort fördern und die Bürger befähigen, sich im digitalen Wandel zurechtzufinden. Vielleicht motivieren die neuen Indizes ja die Koalition, diese nicht ganz neuen Erkenntnisse in Politik umzusetzen.

    Mehr: Warum das BIP der falsche Indikator für Wohlstand ist.

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