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Kommentar Das Boeing-Desaster zeigt die Grenzen der autonomen Systeme auf

Der Fall 737 Max befeuert die Debatte, wie weit wir unsere Mobilität dem Computer anvertrauen können. Die Hersteller stehen vor großen Herausforderungen.
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Ein Flugzeug dieses Typs stürzte in Äthiopien ab. Quelle: AP
Boeing 737 Max

Ein Flugzeug dieses Typs stürzte in Äthiopien ab.

(Foto: AP)

Donald Trump hat seine Erklärung für die aktuellen Probleme mit dem Kurz- und Mittelstreckenjet Boeing 737 gefunden. Flugzeuge seien heute einfach zu komplex, schreibt der US-Präsident auf Twitter. „Ich möchte nicht, dass Albert Einstein mein Pilot ist“, so Trump.

Eine typische Zuspitzung des für seine Tweets bekannten US-Regierungschefs, aber eine, die nicht falsch ist. Flugzeuge sind heute deutlich komplizierter als vor 50 Jahren. Gleichwohl ist eine pauschale Verurteilung moderner Computertechnik in den Jets à la Trump fehl am Platze – auch nach den zwei verheerenden Unglücken mit nagelneuen 737 und fast 350 Toten.

Erstens: Die Ursache für den Absturz des Ethiopian-Flugs ET 302 am Sonntag steht noch nicht fest. Bekannt ist bislang nur, dass die Piloten kurz nach dem Start Probleme mit der Geschwindigkeitsanzeige und dem Steuern des Jets gemeldet haben. Zweitens: Die moderne Technologie hat anerkanntermaßen großen Anteil daran, dass die Unfallrate im Luftverkehr erheblich zurückgegangen ist. Das sollte keiner vergessen.

Kollege Computer?

Richtig ist allerdings auch: Das Desaster um die Boeing 737 führt uns ganz klar vor Augen, dass komplett autonome Systeme ihre Grenzen haben. Unabhängig davon, was auch immer die Unfallermittlungen schließlich ergeben werden – der Fall 737 wird die Debatte darüber befeuern, wie weit wir unsere Mobilität dem Kollegen Computer anvertrauen können – und schließlich auch wollen. In der Luft, auf der Straße und auf der Schiene.

Zurzeit herrscht ein irrer Hype um die komplett automatisierte Mobilität. Dass autonomes, also führerloses Fahren kommen wird, ist für viele eine sichere Sache. Zweifel daran werden nicht zugelassen.

Wer sie äußert, steht schnell in dem Ruf, von gestern zu sein und mehr Sicherheit subjektiven Ängsten zu opfern. Keine Frage, Euphorie ist notwendig. Ohne sie würden Technologien niemals weiterentwickelt, wären wir Menschen vermutlich noch nicht auf dem Mond gelandet.

In der allgemeinen Begeisterung kommt zuweilen jedoch der Realitätssinn abhanden. Bestes Beispiel dafür ist die Boeing 737. Die Probleme mit dem automatischen Fluglagekorrektor MCAS, der zumindest beim Absturz der Lion-Air-Maschine offensichtlich falsche Daten bekam und falsch reagierte, zeigt, was jenseits des Entwicklungslabors im echten Leben passieren kann.

Natürlich ist richtig, dass der Lion-Air-Jet wohl niemals hätte abheben dürfen, weil die Probleme mit Sensoren schon vorher bekannt waren. Zudem wäre der Flug wohl kaum in der Javasee geendet, hätten die Piloten mehr über das Stabilisierungsprogramm und seine Wirkung gewusst. Auch Boeing wird lernen und den Steuerungsalgorithmus anpassen.

Aber klar ist eben auch: Die digitalen Helfer sind Assistenten. Die letzte Instanz muss und wird der Mensch sein. Hier hat US-Präsident Trump recht, wenn er sagt, er möchte professionelle Piloten, die das Flugzeug kontrollieren. Die Befehle des Menschen müssen im Zweifel Vorrang vor dem Computer haben.

Die Straße ist komplexer als der Himmel

Der Fall der 737 zeigt, wie groß die Herausforderung der Hersteller ist, hier die richtige Balance zu finden. Einerseits muss die IT der Crew zum Schutz der Passagiere kurzzeitig die Kontrolle entziehen. Andererseits darf sie den Menschen nicht so weit entmündigen, dass er nicht mehr eingreifen kann.

Was für das Flugzeug gilt, wird erst recht auf der Straße gelten. Denn auch wenn es angesichts der komplexen Technik in einem Flugzeug paradox klingen mag: Autonome Mobilität auf der Straße ist um ein Vielfaches komplizierter. Über den Wolken wird der Verkehr streng geregelt. Dass plötzlich ein Fußgänger kreuzt – unmöglich. Auf der Straße hingegen müssen die Systeme eine Vielzahl von Faktoren in Echtzeit berücksichtigen und verarbeiten.

Das bedeutet: Auch auf der Straße wird immer ein Mensch die Kontrolle über das Fahrzeug haben müssen, um im Fall aller Fälle einzugreifen. Um diese Kontrolle ausüben zu können, muss der Fahrer aber mit voller Aufmerksamkeit dabei sein. Das wiederum stellt den Sinn vollautonomer Systeme infrage. Denn die erhofften Vorteile würden sich nicht einstellen.

Autonome Mobilität wird kommen, aber anders, als es viele erwarten. Die Technologie ist etwas für die Nische, wo der Verkehr überschaubar ist, wo die Gefahren einer verrückt spielenden Technik kontrolliert werden können. Aber: Das Forschen an komplett autonomen Systemen hilft dabei, Assistenzsysteme weiter zu verbessern. Und das ist gut so.

Gerade deshalb brauchen wir aber eine sachliche Debatte über die möglichen Konsequenzen vollautonomer Mobilität. Nur damit kann verhindert werden, dass eine emotional geführte Diskussion – ausgelöst etwa durch das 737-Desaster – dazu führt, die fahrerlose Fortbewegung pauschal zu verdammen. Denn das wäre ein fataler Fehler.

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