Kommentar Das Gegenmodell zur Wall Street muss in der Praxis getestet werden

Die Protagonisten aus der Tech-Szene wollen eine Börse für langfristige Investments aufbauen. Auch wenn das Modell nicht perfekt ist, lohnt sich der Versuch.
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Personen aus der Tech-Branche wollen eine alternative Börse aufbauen, die weniger schnelllebig ist. Quelle: AFP
Börse in New York

Personen aus der Tech-Branche wollen eine alternative Börse aufbauen, die weniger schnelllebig ist.

(Foto: AFP)

Es ist eine illustre Runde: Wagniskapitalgeber Marc Andreessen, Ex-Twitter-Chef Dick Costolo und AOL-Mitgründer Steve Case haben sich mit der Silicon-Valley-Ikone Eric Ries zusammengeschlossen, um eine neue Art von Börse zu gründen.

Worum es beim Gegenmodell zur Wall Street geht, zeigt schon der Name des Projekts: „Long-Term Stock Exchange“ oder kurz LTSE. Die Protagonisten aus der Tech-Szene wollen eine Börse aufbauen, die jungen Unternehmen mehr Ruhe und Raum zum Wachsen gibt, jenseits des Drucks, Quartal für Quartal Fortschritte liefern zu müssen.

Vor allem eine wichtige Regel soll dafür sorgen, dass es an der LTSE tatsächlich weniger schnelllebig und kurzsichtig zugeht als an den traditionellen Börsen: Aktionäre, die einem Unternehmen länger verbunden bleiben, sollen mehr Stimmrechte erhalten.

Kein ideales Modell

Das klingt auf den ersten Blick logisch, werden doch so die Interessen langfristiger Aktionäre über die von Spekulanten gestellt, denen es „nur“ um schnelle Profite geht und die nach ein paar Monaten, Wochen oder Tagen wieder aussteigen.

Das Argument ist im Prinzip richtig, allerdings lässt sich die Geschichte auch ganz anders erzählen. Denn die Stimmrechte an die Dauer der Investition zu knüpfen, kann auch dazu dienen, die Macht von Unternehmensgründern oder frühen Investoren (zum Beispiel Wagniskapitalgebern) auf Kosten der „normalen“ Aktionäre zu zementieren.

Die neuen Anleger dürfen bei einem Börsengang und danach zwar gerne ihr Geld zur Verfügung stellen, die Macht bleibt aber bei den Altaktionären.

Ideal ist also auch das System der Long-Term Stock Exchange nicht. Aber es lohnt sich, das neue Modell einmal in der Praxis auszuprobieren.

Denn darum geht es ja unter anderem in der Marktwirtschaft: durch Konkurrenz gute Produkte und Dienstleistungen durch noch bessere zu ersetzen. Das gilt nicht nur für Waschmittel und Autos, sondern eben auch für Wachstumsbörsen.

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