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Kommentar Das Geschäftsmodell der Billigflieger stößt an seine Grenzen

Die Begeisterung der Kunden über günstige Tickets weicht immer mehr der Skepsis gegenüber Ryanair und Co. Die Billigairlines stehen unter Beschuss.
05.11.2018 - 14:07 Uhr Kommentieren
Zu den aktuellen Problemen der Billigflieger gesellt sich auch der steigende Kerosinpreis. Quelle: Reuters
Ryanair-Maschinen in Weeze

Zu den aktuellen Problemen der Billigflieger gesellt sich auch der steigende Kerosinpreis.

(Foto: Reuters)

Drei Ohrfeigen in zwei Tagen. Erst verbietet ein niederländisches Gericht Ryanair die Zwangsversetzung von Piloten. Dann stoppt die Kartellbehörde in Italien eine neue Handgepäckregelung der irischen Airline. Schließlich fordern die Arbeitsminister aus fünf EU-Staaten das Ryanair-Management auf, Verantwortung für das Personal zu übernehmen. Deutlicher können die Hinweise darauf, dass da was Größeres im Gange ist, kaum sein.

Eine Airline steht am Pranger – besser gesagt ein Geschäftsmodell. Ryanair ist nicht das einzige Unternehmen, das Leiharbeiter beschäftigt. Doch die irische Airline ist extrem aggressiv gewachsen. Der inzwischen größte Anbieter im europäischen Low-Cost-Markt und sein Chef Michael O’Leary haben über Jahre am lautesten getönt. Was liegt da für Gewerkschaften und Politiker näher, als genau diese Airline zum Ziel für ihre Angriffe auf ein Geschäftsmodell zu machen, das tatsächlich zum Teil angreifbar ist.

Was wir derzeit beobachten, ist so etwas wie das Erwachsenwerden einer immer noch recht jungen Geschäftsidee. Zwar wurde Ryanair bereits 1985 gegründet. Doch den Siegeszug als Billigairline startete die Fluggesellschaft erst 1997 – mit der Liberalisierung des europäischen Luftverkehrs.

Als der Ärger für das Ryanair-Management im Sommer vergangenen Jahres mit einer verfehlten Einsatzplanung für die Piloten und dem anschließenden Aufbegehren der Belegschaft begann, war das Unternehmen also gerade einmal zwei Jahrzehnte erfolgreich im Markt. Im deutschen Strafrecht ist das die Altersgrenze, wo das noch milde Jugendstrafrecht seine Gültigkeit verliert, man also hart für seine Taten geradestehen muss. Genau das geschieht gerade in der Luftfahrt.

Das Billigflugmodell hat seine Unschuld verloren. Natürlich war es nie unschuldig, die Arbeitsbedingungen etwa sind seit jeher zu hinterfragen. Aber die starke Nachfrage, ständig sinkende Ticketpreise für die Verbraucher und bei dem einen oder anderen vielleicht auch das Gefühl, einer arroganten Lufthansa eins auswischen zu können, haben den tiefen Blick auf das, was das Geschäftsmodell der Billigheimer ausmacht, viele Jahre verstellt. Das ändert sich nun.

Die Gewerkschaften haben sich über Jahre an den großen etablierten Airlines abgearbeitet. Nachdem hier bei Lufthansa, der britisch-spanischen IAG-Gruppe und zuletzt auch bei Air France-KLM mit neuen Tarifverträgen die Weichen für die kommenden Jahre gestellt worden sind, müssen neue Betätigungsfelder her. Eine große Ryanair mit der Präsenz in vielen europäischen Staaten ist da ein naheliegendes und auch ideales Ziel.

Unterstützung bekommen die Arbeitnehmervertreter von Teilen der Politik. Viele Jahre war Ryanair bei Landespolitikern ein gern gesehener „Gast“, wenn es darum ging, regionale Flughäfen mit dem dringend benötigten Verkehrsangebot zu versorgen. Doch mittlerweile ist Ryanair ein Unternehmen, mit dem sich Politiker nur noch ungern zeigen – auch weil der Name mit dem Begriff „prekäre Arbeitsverhältnisse“ verbunden wird. Die Angriffe auf Ryanair fallen zudem nicht schwer.

Das Management der Airline agiert wenig konsistent. CEO O’Leary betont, dass man bei den Tarifverhandlungen auf gutem Weg sei. Auch werde man das Modell der Leiharbeit etwa in Deutschland aufgeben. Gleichzeitig werden Piloten und Flugbegleiter in Polen offensichtlich aufgefordert, genau solche umstrittenen Anstellungsverträge zu unterzeichnen. Das zeigt, wie verzweifelt die Airlinespitze um ihr Geschäftsmodell kämpft. Und das steht unter Beobachtung.

Jede Menge Gegenwind

Wachstum, so scheint es, ist künftig nur noch möglich, wenn die „Low Coster“ Dinge machen, die sie viele Jahre vermieden haben – etwa die Nutzung großer und teurer Flughäfen. Zu all dem gesellt sich der steigende Kerosinpreis.

Bei den stets auf Kante genähten Kosten der Billigheimer schlagen höhere Treibstoffpreise besonders negativ durch. Jede Menge Gegenwind also für ein Geschäftsmodell, das 20 Jahre sehr erfolgreich war und den Markt revolutionierte. Deshalb allerdings gleich dessen Ende auszurufen ist verkehrt.

Die grundsätzliche Idee, mit einem Jet möglichst häufig zwischen zwei Flughäfen zu pendeln, dafür möglichst günstige Tickets anzubieten, wird Bestand haben. Aber die Reifeprüfung, die die Billigheimer derzeit absolvieren, wird zur Folge haben und dazu führen, dass die Dominanz etwa bei den Ticketpreisen verloren geht, weil Ryanair und Co. in Zukunft zu vergleichbaren Bedingungen wie die etablierten Fluggesellschaften fliegen werden.

Alle großen Airlines werden mit ihren Billigablegern mitreden. Ihr Handicap, bei den Kosten mit einer Ryanair nicht konkurrieren zu können, schwindet gerade. Für den Verbraucher muss das nicht schlecht sein. Vielleicht werden die Ticketpreise etwas steigen. Dafür aber wächst die Chance auf einen stabilen und zuverlässigen Flugbetrieb. Was das wert ist, wissen wir spätestens seit diesem Sommer.

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