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Kommentar Das Geschäftsmodell Pauschalreise steckt tief in der Krise

Paketangebote für den Urlaub rechnen sich für Veranstalter wie Tui, Thomas Cook und DER kaum noch. Doch der nötige Strategieschwenk bei Pauschalreisen ist teuer und riskant.
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Das Reiseziel Spanien leidet unter dem zurückkehrenden Boom der Türkei und wird nun zu Dumpingpreisen angeboten. Quelle: dpa
Urlauber am Strand von Magaluf

Das Reiseziel Spanien leidet unter dem zurückkehrenden Boom der Türkei und wird nun zu Dumpingpreisen angeboten.

(Foto: dpa)

Zur Eröffnung der weltgrößten Touristikmesse ITB, die am Mittwoch in Berlin ihre Tore öffnet, feiern sich die Reiseveranstalter selbst. Schließlich wuchsen ihre Erlöse 2018 deutschlandweit um sieben Prozent – auf stattliche 36 Milliarden Euro.

Der Deutsche Reiseverband (DRV), der sich vor allem über die Mitgliedsbeiträge der Reiseveranstalter finanziert, ist in Jubelstimmung. 53 Prozent des Urlaubsbudgets gaben die Deutschen 2018 für organisierte Reisen aus, nur 47 Prozent für individuelle Hotel-, Flug- oder Mietwagen-Buchungen. Die Attraktivität der Pauschalreise scheint ungebrochen.

Was aber ist der Grund für die Ertragsschwäche der großen Reiseveranstalter? Seit der jüngsten Gewinnwarnung muss Marktführer Tui dabei zusehen, wie sich der Aktienkurs auf die Tiefstände zurückarbeitet, zu denen der Sanierer Fritz Joussen das Ruder im Februar 2013 übernahm.

Verfolger Thomas Cook trifft es noch schlimmer. Der britische Eigentümer des Reiseveranstalters Neckermann meldete 2018 einen Jahresverlust von 163 Millionen Pfund und verlor seit vergangenem Mai drei Viertel an Börsenwert. Schon unken Skeptiker, der deutsche Pauschalreise-Pionier könnte mit viel Pech dasselbe Ende nehmen wie einst der gleichnamige Kataloganbieter.

Auch bei Deutschlands Nummer drei, der Rewe-Tochter DER Touristik, läuft es nicht rund. Dort schmolzen die Erlöse im dritten Jahr in Folge – diesmal um 1,2 Prozent.

Deutlich mehr Wachstum schaffte zwar FTI Touristik, der größte familiengeführte Veranstalter. Die Münchener Firma verdiente 2017 bei drei Milliarden Euro Umsatz aber gerade einmal drei Millionen netto – was Deutschlands viertgrößten Pauschaltouristiker fast zum Geldwechsler degradierte. Zahlen für 2018 sind dort noch unter Verschluss.

Sieben Prozent Branchenwachstum – aber kaum Gewinn? Tatsächlich steckt die Pauschalreise weitaus tiefer in der Krise, als es die Branche es wahr haben will.

Denn als begehrte und prestigeträchtigste Form des Reisens taugen die Urlaubspakete immer weniger. Wer aus dem Katalog bucht, bucht nicht selten die Massenabfertigung gleich mit. Feste Essenszeiten in den Hotels, Büffetzwang und Animation am Pool sind längst nicht mehr jedermanns Sache.

Junge Kunden setzen auf niedrige Preise

Wer pauschal verreist, klagt häufig über mangelnde Privatsphäre oder fehlende Selbstbestimmtheit am Urlaubsort. Die höhere Rechtssicherheit der Urlauber, die im Paket buchen, wiegt solche Bedenken nur noch selten auf.

Stefanie Berk, Deutschlandchefin von Thomas Cook, reagierte deshalb schon kurz nach ihrem Amtsantritt in Oberursel auf den Imageverfall. Das Wort „Pauschalreise“, regte sie an, solle künftig doch bitteschön durch etwas Moderneres ersetzt werden. Seither werkelt die Branche, meist ohne den eigentlichen Problemen auf den Grund zu gehen, freudig an Begriffen wie „Arrangement“ oder „Package“.

Gleichzeitig verweisen Veranstalter trotzig auf ihre ausgesprochen junge Kundschaft – und übersehen dabei, dass genau hier der Schlüssel zum Verständnis liegt. Tatsächlich buchen 14- bis 29-Jährige deutlich öfter im Paket als 30- bis 69-Jährige. Der Grund liegt auf der Hand: Die vergleichsweise finanzschwache Kundenschicht folgt dem zugkräftigsten Argument der Pauschalreise, dem Preis.

Doch hier beginnt zugleich die Misere der Urlaubsveranstalter. Um gegen die Einzelangebote von Booking.com, Ryanair oder Airbnb anzukommen, muss dort zunehmend auf Marge verzichtet werden.

Dabei scheinen viele Pauschalangebote derart auf Kante genäht, dass schon unvorhergesehene Wirren in den Urlaubsgebieten die Schnäppchen in Verlustbringer verwandeln. Das Handelsgeschäft mit Flugkapazitäten und Hotelkontingenten wird damit zunehmend zum existenzbedrohenden Roulette.

So zu besichtigen vor drei Jahren in der Türkei, wo sich nach dem gescheiterten Militärputsch eingekaufte Flug- und Hotelkapazitäten in Ladenhüter verwandelten – und Veranstalter wie JT Touristik oder den Reiseunternehmer Vural Öger in die Pleite zogen.

Oder diesen Sommer das Reiseziel Spanien, das zum Leidwesen der Veranstalter unter dem zurückkehrenden Boom der Türkei leidet und nun zu Dumpingpreisen Urlaubern angeboten wird.

Chancen im Markt dürften nur die Reisefirmen haben, die sich neu erfinden. Und zwar jetzt. Als Vorbild taugt Marktführer Tui, der sein Geld künftig mit eigenen Hotels, Kreuzfahrtschiffen und Urlaubsattraktionen verdienen will.

Schon heute trägt das Veranstaltergeschäft, also der Handel und die Zusammenstellung fremder Hotel- und Flugkapazitäten, dort nur noch 30 Prozent zum Konzernergebnis bei. Auch Alltours und FTI stecken Unsummen in eigene Hotelketten, um dem Preiskampf im Veranstaltergeschäft zu entkommen.

Nur: Für manche Pauschalreise-Veranstalter, selbst für Branchengrößen wie Thomas Cook oder FTI, die sich zu lange auf das im 19. Jahrhundert erfundene Geschäftsmodell verließen, ist der Schwenk angesichts der schmalen Margen riskant.

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