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Kommentar Das gigantische Lügengebäude des Möbelriesen Steinhoff

Der Bilanzskandal des Möbelriesen Steinhoff ist auch für die Kontrolleure und die Akteure der Kapitalmärkte eine riesige Blamage.
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Der Möbelriese hat es geschafft, über Jahre die internationalen Kapitalmärkte und ihre Akteure zu leimen. Quelle: dpa
Steinhoff Möbel

Der Möbelriese hat es geschafft, über Jahre die internationalen Kapitalmärkte und ihre Akteure zu leimen.

(Foto: dpa)

Kaum zu glauben, was die Wirtschaftsprüfer des ins Straucheln geratenen internationalen Möbelgiganten in sechs Monate langer Kleinarbeit zutage gefördert haben. Ihre nüchternen Zahlen, versehen mit unzähligen Fußnoten, zeichnen das Bild eines schon fast genial konstruierten, gigantischen Lügengebäudes.

Ein weltweiter Möbelriese mit fast 20 Milliarden Euro Jahresumsatz hat es geschafft, über Jahre die internationalen Kapitalmärkte und ihre Akteure zu leimen. Erst Ende 2017 weigerten sich Wirtschaftsprüfer, den Jahresbericht noch einmal zu testieren, erst da flog alles auf und die Aktie stürzte ins Bodenlose.

Banken, Anleiheinvestoren, Ratingagenturen, Analysten und Aktionäre, alle haben das von Ex-Chef Markus Jooste über viele Jahre zusammengezimmerte Bilanzkonstrukt für echt gehalten. In den USA ebenso wie in Europa und Südafrika. Es war nur eine raffinierte Attrappe. Aktiva im Wert von zwölf Milliarden Euro haben die Prüfer aus den Bilanzen gestrichen. Weil sie nur auf dem Papier existierten. Um ein Drittel ist damit die Bilanzsumme geschrumpft.

Das Repertoire an Tricks kann für Außenstehende spannender nicht sein. Dass beim Goodwill, also der Höherbewertung von zugekauften Firmen, auch Fantasie in die Zahlen einfließt, kann sich noch jeder vorstellen. Da gibt es Ermessensspielräume, ähnlich wie bei der Bewertung von Markenrechten.

Aber die Idee, Grundstücke und Warenhäuser zwischen dem Konzern und versteckt kooperierenden Gesellschaften hin- und herzuschieben, um ihren Wert zu steigern, ist schon raffinierter. Systematisch wurden Immobilien an verbundene Unternehmen verkauft und kurz darauf wieder zu höheren Preisen zurückgekauft. So standen sie dann zu überhöhten Werten in der Bilanz.

Das Haupthaus der österreichischen Kika/Leiner-Gruppe in Wien etwa stand mit dem stolzen Wert von 125 Millionen Euro in der Bilanz. Der österreichische Immobilienmogul René Benko kaufte es Ende 2017 für realistischere 70 Millionen Euro.

Wie getrickst und geschummelt wurde, ist komprimiert in Fußnote 17 auf Seite 80 des vorläufigen Halbjahresberichts der Prüfer von PwC nachzulesen. Aktivposten standen in der falschen Kategorie und wurden so zu hoch bewertet, bei vielen Positionen, wie etwa fragwürdigen Konsumentenkrediten, fehlten ausreichende Sicherheiten.

Unglaubliche Trickserei bei Steinhoff

Sie standen ohne jede Abschreibung in den Bilanzen. Gewinne wurden geschönt, die erfolgreiche deutsche Möbelkette Poco wanderte mit ihren Zahlen zu 100 Prozent in die Bilanzen von Steinhoff, obwohl sie dem Konzern nur zu 50 Prozent gehörte.

Ein optisch solides Zahlenwerk kam dabei heraus. Es war nötig, um wieder an frisches Geld zu kommen. In atemberaubendem Tempo ist Steinhoff gewachsen. Mit jedem neuen Firmenkauf investierten Aktionäre, Banken gaben neue Kredite. Gerne hat Ex-Chef Jooste mehr aufgenommen, als er brauchte. Gerne dienten auch Steinhoff-Aktien als Sicherheit. Das gleicht einem Schneeballsystem.

Unglaublich ist nicht nur, wie da getrickst wurde. Unglaublich ist auch, dass es keiner gemerkt hat. Beim Börsengang von Steinhoff in Frankfurt Ende 2015 bimmelte noch fröhlich die Glocke, obwohl die kleine Staatsanwaltschaft Oldenburg erst ein paar Tage vorher eine Großrazzia in den deutschen Büros veranlasst hatte.

Sie war die einzige, die reagierte. Auf dem Frankfurter Parkett wurde damals das Vorkommnis einfach weggewischt. Markus Jooste war wegen eines Nackenleidens entschuldigt. Gegen ihn ermittelt die Staatsanwaltschaft ebenso wie gegen drei weitere Manager.

Zwei Jahre lang waren die Oldenburger die einzigen Ermittler. Ratingagenturen, Analysten, brav haben alle dem Konzern gute Noten gegeben. Ein paar Shortseller, professionelle Investoren, die auf den Absturz einer Aktie wetten, hatten sich mit ihren bescheidenen Möglichkeiten schon ab 2016 ans Werk gemacht und die Zahlen entlarvt. Die Wirtschaftsprüfer des Konzerns hatten wesentlich tiefere Einblicke. Sie machten noch bis 2017 ihre Häkchen an alles.

Wo waren die Kontrollen? Wir sprechen hier vom regulierten Kapitalmarkt. Auch geografisch gesehen nutzte der Steinhoff-Konzern alle Schlupflöcher. Registriert ist er in der Steueroase Niederlande, die Kreditgeschäfte mit den Banken wurden im geschmeidigen Österreich arrangiert.

Der Börsengang ging in Deutschland über die Bühne, gemanagt wurde aus Südafrika. An jedem Zukauf, jedem Kreditgeschäft, am Börsengang und an jeder Firmenneugründung haben ganze Truppen von Anwälten und Bankern verdient. Auch die Wirtschaftsprüfer haben Millionen kassiert.

Den Schaden haben jetzt die Aktionäre: Ihr Vermögen ist um 95 Prozent geschrumpft. Die Schuld ist nicht nur bei Markus Jooste und seinen Vertrauten zu suchen. Die Kapitalmarkt-Akteure haben ihn über viele Jahre machen lassen.

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1 Kommentar zu "Kommentar: Das gigantische Lügengebäude des Möbelriesen Steinhoff"

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  • Im Englischen heißt das ":fiddle the books.." Man kann natürlich auch jährlich die fixed assets (Anlagevermögen) neu bewerten, aber das erkennen die Buchprüfer schneller. Im alten Deutschland (zu Kaisers Zeiten) lebten manchen von "Radierungen". Im Grunde alles das Gleiche.