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Kommentar Das größte Problem der Deutschen Börse ist der schwache heimische Kapitalmarkt

Der Konzern wird den Rückstand auf die Konkurrenz durch seine Nachhaltigkeitsoffensive allenfalls verkürzen – und bietet künftig mehr Angriffsfläche.
20.11.2020 - 09:11 Uhr Kommentieren
Das Unternehmen baut durch die 1,5 Milliarden Euro schwere Übernahme einer Mehrheitsbeteiligung am Stimmrechtsberater ISS das Geschäft mit nachhaltigen Investments massiv aus. Quelle: dpa
Börse in Frankfurt Main

Das Unternehmen baut durch die 1,5 Milliarden Euro schwere Übernahme einer Mehrheitsbeteiligung am Stimmrechtsberater ISS das Geschäft mit nachhaltigen Investments massiv aus.

(Foto: dpa)

Nachhaltige Investments gehören zu den wenigen Geschäftsfeldern, in denen deutsche und europäische Finanzkonzerne den Anschluss an die internationale Konkurrenz noch nicht verloren haben. Deshalb ist es gut, dass die Deutsche Börse ihr Engagement in diesem Bereich durch den milliardenschweren Zukauf des US-Konzerns ISS nun massiv ausbaut.

ISS berät Investoren und Unternehmen bei den Themen Umwelt (Environment), Soziales (Social) und gute Unternehmensführung (Governance) – und verfügt in diesem sogenannten ESG-Segment über eine Vielzahl an Daten. Das ist wichtig, denn das Thema Nachhaltigkeit gewinnt nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch in der Wirtschaft rasant an Bedeutung.

Große Investoren stecken ihr Geld verstärkt in nachhaltige Anlagen – und üben Druck auf Firmen aus, mehr für den Klimaschutz zu tun. Darüber hinaus berücksichtigen Banken – auch auf Druck der Finanzaufsicht – Klimarisiken immer stärker bei der Risikoeinschätzung ihrer Kunden. „In ein paar Jahren wird das Nachhaltigkeitsrating eines Unternehmens genauso wichtig sein wie sein Kreditrating“, sagt Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing. Im Umkehrschluss heißt das: Wenn Unternehmen bei ESG-Themen schlecht abschneiden, werden sie künftig von den meisten Geldhäusern keinen Kredit mehr bekommen.

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass fast jedes Unternehmen mittlerweile versucht, sich als besonders nachhaltig darzustellen. Ob dies der Wahrheit entspricht oder nur Propaganda ist, lässt sich auf den ersten Blick aber meist nicht beurteilen. Die Daten und Analysesysteme von ISS und anderen ESG-Anbietern sind deshalb wichtiger denn je.

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    Die Tatsache, dass es sich bei ISS um ein amerikanisches Unternehmen handelt, zeigt zudem, dass zumindest Teile der US-Wirtschaft die Bedeutung des Themas längst verstanden haben. Dass der scheidende Präsident Donald Trump nicht an den Klimawandel glaubt, spielt für sie keine Rolle.

    Andere europäische Finanzkonzerne sollten dem Beispiel der Deutschen Börse deshalb folgen und in den Ausbau ihres ESG-Geschäfts investieren. Andernfalls besteht die Gefahr, dass internationale Konkurrenten vorbeiziehen – und Europa am Ende wie bei Ratingagenturen und Cloud-Anbietern abhängig von ausländischen Konzernen ist.

    Im Fokus der Öffentlichkeit

    Der Deutschen Börse muss bei allem Lob, das sie von Investoren und Politikern für den Zukauf bekommt, klar sein, dass dieser auch Nachteile mit sich bringt: Das Unternehmen wird künftig häufiger im Fokus der Öffentlichkeit stehen und für Entscheidungen von ISS kritisiert werden. Neben Nachhaltigkeitsratings geben die Amerikaner nämlich auch Empfehlungen zum Abstimmungsverhalten auf Hauptversammlungen. Da sich viele Investoren danach richten, ist der Einfluss von ISS in diesem Bereich gewaltig.

    Die Deutsche Börse betont, dass ISS bei seinen Empfehlungen weiter völlig unabhängig agieren kann. Doch am Ende des Tages werden die Äußerungen der Tochter auf den Mutterkonzern zurückfallen – und dessen bisherige Wahrnehmung als neutraler Anbieter von Marktinfrastruktur verändern.

    Darüber hinaus wird das Unternehmen seinen Rückstand auf die weltweit führenden Börsenkonzerne mit seiner Nachhaltigkeitsoffensive vielleicht verkürzen, aber nicht wettmachen können. Im Vergleich zu den deutschen Banken, die in internationalen Rankings nur noch unter „ferner liefen“ auftauchen, steht die Börse mit Platz fünf zwar gut da.

    Quelle: Kostas Koufogiorgos für Handelsblatt
    Karikatur
    (Foto: Kostas Koufogiorgos für Handelsblatt)

    Aber die führenden drei Anbieter, die CME und die ICE aus den USA sowie die Hongkonger Börse, sind mit einer Marktkapitalisierung von jeweils rund 50 Milliarden Euro in etwa doppelt so viel wert wie die Hessen. Das ist vor allem deshalb bitter, weil die Deutsche Börse 2008 noch die Nummer eins war.

    Verantwortlich für das Abrutschen ist neben Managementfehlern und vielen gescheiterten Fusionen vor allem der miserable Zustand des europäischen Kapitalmarkts. Dieser ist so zersplittert und klein, dass die Deutsche Börse besonders ihren amerikanischen Konkurrenten auf absehbare Zeit weiter hinterherhinken wird.

    Wie schwach der deutsche Kapitalmarkt ist, zeigt sich auch in der Debatte über die Aufstockung des Dax. Viele wünschen sich zu Recht mehr Vielfalt im deutschen Leitindex, in dem aktuell viele Konzerne aus den Sektoren Automobil, Pharma und Chemie vertreten sind.

    Aber das Problem ist, dass es in Deutschland schlicht nicht genügend große, börsennotierte Unternehmen gibt. Bei einer Aufstockung von 30 auf 40 Werte käme der kleinste Dax-Titel lediglich auf eine Marktkapitalisierung von etwas mehr als zehn Milliarden Euro. Im internationalen Vergleich hätte er damit eher den Charakter eines mittelgroßen Unternehmens – und somit in einem Leitindex eigentlich nichts verloren.

    Deutsche-Börse-Chef Theodor Weimer hat darauf längst reagiert. Eine Ausweitung des europäischen Aktiengeschäfts strebt der Konzern unter ihm nicht mehr an. Am Bieterwettbewerb um die Mailänder Börse hat sich Weimer kürzlich zwar beteiligt, aber nicht mit voller Kraft. Denn parallel verhandelte er bereits über einen anderen Deal, der ihm wesentlich wichtiger war: der Kauf von ISS.

    Mehr: Deutsche-Börse-Chef Weimer strebt weitere Zukäufe an.

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