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Kommentar Das Grundproblem von Fällen wie dem Wirecard-Skandal ist falsch verstandene Loyalität

Bei Kriminalfällen wie Wirecard ist das Erstaunen groß. Aber möglich werden sie vor allem durch eines: sehr menschliche Eigenschaften.
16.09.2020 - 15:47 Uhr Kommentieren
Wenn in einer Organisation etwas gründlich schiefläuft, kann die Loyalität zur Falle werden.
Wirecard-Logo

Wenn in einer Organisation etwas gründlich schiefläuft, kann die Loyalität zur Falle werden.

Wie konnte das passieren? Warum hat niemand hingeschaut? Warum hat niemand etwas gesagt?

Diese Fragen stellen sich geschichtsbewusste Deutsche ohnehin beim Rückblick in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aber sie sind nicht nur in der Politik relevant. Auch bei der Polizei kann es passieren, wie gerade häufig diskutiert wird, dass Beamte sich falsch verhalten und von ihren Kollegen gedeckt werden.

Und dann gibt es Fälle wie Wirecard, wo eben nicht nur eine kleine Gruppe Scheingeschäfte betrieben hat, sondern eine größere Anzahl von Mitarbeitern zumindest hätte wissen können, dass etwas nicht in Ordnung ist. Auch hier fragt sich: Warum hat niemand den Mund aufgemacht?

Ein Grundproblem ist falsch verstandene Loyalität. An sich ist es ja eine Tugend, zu einander zu halten, sich gegenseitig zu unterstützen und zu schützen. Diese Tugend ist tief in der menschlichen Psyche verankert.

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    Adam Smith, der ja nicht nur Ökonom, sondern auch Philosoph war, hat auf dieses spontane Mitgefühl sogar seine Morallehre aufgebaut, während Immanuel Kant abstrakte Regeln aus der Vernunft ableitete.

    Innerhalb der Familie ist die Loyalität besonders groß: Wer würde nicht notfalls ein Verbrechen begehen, um sein Kind zu schützen? Aber auch in Organisationen, wo Menschen eng und lange zusammenleben und -arbeiten, spielt diese gefährliche Tugend eine große Rolle: Kriegsheimkehrer haben oft berichtet, dass sie mehr für ihren Nachbarn im Schützengraben als für große nationale Ziele gekämpft haben.

    Man gilt schnell als Verräter

    Wenn in einer Organisation etwas gründlich schiefläuft, kann die Loyalität zur Falle werden. Dann halten selbst Leute still, die aus eigenem Antrieb nicht auf die falsche Bahn geraten würden.

    In den USA können Whistleblower, die schmutzige Geheimnisse über ihre Firma ausplaudern, inzwischen mit Millionenprämien der Wertpapieraufsicht rechnen. Aber sie gelten doch oft genug immer noch als Verräter, sind Repressalien ausgesetzt, müssen sich vor Gericht verteidigen und haben es schwer, einen neuen Job zu finden, wenn sie nicht anonym bleiben.

    Außerdem: Entscheidend ist oft der innere Konflikt. Die Loyalität zu den Kollegen, zur Firma, vielleicht auch zu den Vorgesetzten steht im Widerspruch zum Gebot, keine schmutzigen Geschäfte zu machen. Wer in dem Konflikt steckt, hat schnell Ausreden parat: Ich bin doch nicht verantwortlich, ich habe meine eigenen Probleme, ich kann das nicht beurteilen oder ohnehin nichts ändern.

    Ganz gefährlich ist vor allem der Gedanke: Das machen doch alle so. Anders, als dem Ideal der Aufklärung entsprechen würde, sind wir keine autonomen, nach mit der eigenen Vernunft erkannten Regeln handelnden Persönlichkeiten.

    Sondern soziale Wesen: Wir lassen uns schnell verunsichern, wenn alle um uns herum etwas anderes denken oder empfinden als wir selbst. Kommen noch geschäftlicher Druck und, wie offenbar bei Wirecard, eine starke Führungsfigur hinzu, dann passieren in Firmen und anderen Organisationen Dinge, über die Außenstehende nur noch den Kopf schütteln.

    Wieso schreiben gute Ingenieure Schummel-Software oder lassen sich intelligente Manager auf zwielichtige Finanztransaktionen ein? Wieso fälschen Wissenschaftler Studien oder hauen Journalisten Schlagzeilen raus, an die sie selbst nicht glauben? Wie kann es passieren, dass historische Gestalten wie ein deutscher Bundeskanzler oder ein spanischer König in Zusammenhang mit schwarzen Geldern geraten?

    Niemand ist immun

    Der größte Fehler wäre, sich selbst für völlig immun gegen solche Fehler zu halten. Es ist immer einfach, von außen, in ganz fremden Bereichen, zu erkennen, dass etwas komplett dem gesunden Menschenverstand und dem Gefühl für Anstand widerspricht. Wer draußen ist, dessen Maßstäbe konnten noch nicht durch interne Mechanismen zermahlen werden. Wer aus der Ferne schaut, hat bei seinem Urteil keine Loyalitäten, keine inneren Widersprüche, zu überwinden.

    Deswegen ist ja wichtig, dass Institutionen wie die Polizei, aber eben auch Firmen, externe, unabhängige Kontrollen haben. Dass diese Kontrollen nach Möglichkeit schon präventiv, und dabei durchaus wohlwollend, eingesetzt werden.

    Deswegen sollte in keiner Firma eine Führungsfigur allein so viel Macht und Zuspruch bekommen, dass er oder sie ungehindert eigene Maßstäbe setzen kann – nicht aus aufgeklärter Vernunft heraus, sondern aus eigenem Interesse und oft auch maßloser Selbstüberschätzung.

    Deswegen ist aber auch wichtig, Whistleblower zu schützen, ihnen im Zweifel Anonymität zu lassen, wie das häufig schon in den USA passiert, und sie nicht länger als Verräter einzustufen.

    Aber was tun zum Beispiel, wenn ein kleines Vergehen vielleicht eine große Firma vor dem Ruin retten kann? So etwas kann vorkommen. Aber meist ist die Realität nicht so subtil, sondern es geht einfach um Geld und Macht.

    Mehr: Ethisches Verhalten ist kein Luxus

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