Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Kommentar Das Modell „Gewerkschaft“ steht vor der Zerreißprobe

Der Deutsche Gewerkschaftsbund steht seit 70 Jahren für Demokratie im Wirtschaftsleben. Doch es wird immer schwieriger, Solidarität zu organisieren.
Kommentieren
Der DGB feiert in der kommenden Woche seinen 70. Geburtstag. Quelle: dpa
Deutscher Gewerkschaftsbund

Der DGB feiert in der kommenden Woche seinen 70. Geburtstag.

(Foto: dpa)

Der Jubilar lässt sich ordentlich feiern. Wenn der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) nächste Woche mit einem Festakt in Berlin seinen 70. Geburtstag begeht, dann hält Kanzlerin Angela Merkel die Festrede.

Sie wird das Hohelied der Sozialpartnerschaft singen, die staatsentlastende Funktion von Tarifverträgen loben und versprechen, sich für eine Stärkung der Tarifbindung einzusetzen. Und wahrscheinlich wird die Regierungschefin auch daran erinnern, dass der DGB geholfen hat, die Demokratie in Gesellschaft und Betrieben zu verankern.

Der Bund, der am 13. Oktober 1949 in München aus der Taufe gehoben wurde – nur vier Jahre nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs –, ist bis heute die politische Stimme der Gewerkschaften. Möglich war das nur, weil die Gründerväter und -mütter damals Lehren aus der Geschichte zogen und die Zersplitterung der Arbeiterbewegung in politische und konfessionelle Richtungsgewerkschaften beendeten.

Der DGB folgt seit seiner Gründung dem Prinzip der Einheitsgewerkschaften, die Arbeitnehmer ohne Rücksicht auf deren politische oder weltanschauliche Überzeugung aufnehmen.

Erfolge wie das Betriebsverfassungsgesetz, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, die Fünftagewoche oder der Mindestlohn konnten auch deshalb durchgesetzt werden, weil die Gewerkschaften mit einer Stimme sprachen – auch wenn um die einheitliche Meinung, wie etwa beim Mindestlohn, zuweilen mühsam gerungen wurde. Die Mitbestimmung der Arbeitnehmer in Betriebs- und Aufsichtsräten oder der Selbstverwaltung der Sozialversicherungen ist Ausdruck dafür, dass Demokratie nicht am Werkstor endet.

Nach einer Zeit der Entfremdung im Zuge von Gerhard Schröders Arbeitsmarktreformen sind die DGB-Gewerkschaften heute wieder geschätzte Gesprächspartner der Politik. Die Zeiten, in denen Politiker das „Tarifkartell“ zerschlagen oder Industrievertreter „Lagerfeuer“ anzünden wollten, um Tarifverträge zu verbrennen, sind schon lange vorbei.

Pluralisierung von Lebensstilen ist Gift für Gewerkschaften

Vor allem das verantwortungsvolle Agieren während der Finanz- und Wirtschaftskrise – im Schulterschluss mit den Arbeitgeberverbänden – hat den Gewerkschaften viel Lob eingebracht. Sie finden Gehör, wenn sie heute die Gestaltung der Transformation der Arbeitswelt einfordern, vor Altersarmut warnen oder sich gegen den Rechtspopulismus starkmachen.

Doch kann der DGB heute überhaupt noch mit einer Stimme sprechen? Was zählt das Kollektiv noch im Zeitalter des Individuums mit seiner Selfie-Kultur? Wie lässt sich Solidarität organisieren, wenn das „Ich“ immer häufiger über dem „Wir“ steht?

Dem Gewerkschaftsbund geht es dabei nicht anders als den auf dem Weg zur Verzwergung befindlichen Volksparteien. Angesichts der Individualisierung und Pluralisierung von Lebensstilen fällt es immer schwerer, übergreifende Antworten auf gesellschaftliche Fragen zu finden.

Das zeigt sich etwa in der Rentendebatte. Die vom DGB geforderte Anhebung des gesetzlichen Rentenniveaus hilft vielleicht dem Metallfacharbeiter, nicht aber der Teilzeitkassiererin, die im Supermarkt zum Mindestlohn arbeitet. Und dem hochbezahlten IT-Fachmann ist die Debatte im Zweifel egal. Ihnen allen wollen die Gewerkschaften aber eine Heimat bieten.

Vom ersten DGB-Vorsitzenden Hans Böckler stammt der Satz: „Es ist immer und einzig die menschliche Arbeit, durch welche die Gemeinschaft lebt.“ Dieses gemeinsame Band verliert aber an Bindekraft, weil Arbeit im Leben vieler Menschen nicht mehr den Stellenwert genießt wie noch vor ein paar Jahren.

Arbeitswelt wird immer vielfältiger

Familie oder Selbstentfaltung sind oft längst wichtiger. Und die Arbeitswelt ist heute weitaus vielfältiger als im Jahr 1996, aus dem das DGB-Grundsatzprogramm stammt. Wenn Begriffe wie „Betrieb“ oder „Arbeitnehmer“ zunehmend verschwimmen, wird es schwerer, Menschen hinter einem gemeinsamen Ziel zu einen.

Je zersplitterter die Gesellschaft aber ist, desto wichtiger wird die Aufgabe der Demokratie, für einen Interessenausgleich zu sorgen. Das gilt bei Fragen des Klimaschutzes wie auch im Betrieb. Umwelt und Arbeitsplätze, Lohnplus und Wettbewerbsfähigkeit müssen gemeinsam gedacht und dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

70 Jahre nach Gründung des DGB ist vielen das demokratische Austarieren aber zu mühsam geworden. Sie setzen den eigenen Standpunkt absolut (Klimaschutz, koste es, was es wolle!) oder liefern einfache Antworten gegen den Strukturwandel und Jobverluste („Rettet den Diesel!“).

Der Gewerkschaftsbund muss in solchen Fragen die Stimme der Vernunft sein, die auf Politik und Gesellschaft einwirkt. Debatten über politische Streiks, wie sie gerade bei den Kongressen von Verdi und der IG Metall geführt wurden, sind dabei nicht hilfreich. Es sei denn, der DGB will doch zurück zur Richtungsgewerkschaft, die politischen Streit mit anderen Mitteln auf der Straße fortsetzt. Dass das kein Erfolgsmodell ist, lässt sich in Frankreich beobachten.

Mehr: Arbeitsminister Heil hat bei Bürgern und Gewerkschaften Vorschläge zur Reform des Sozialstaats gesammelt. Diese Handlungsempfehlungen sind dabei herausgekommen.

Startseite

Mehr zu: Kommentar - Das Modell „Gewerkschaft“ steht vor der Zerreißprobe

0 Kommentare zu "Kommentar: Das Modell „Gewerkschaft“ steht vor der Zerreißprobe"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.