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Kommentar Das Silicon Valley ist kein gutes Vorbild für Deutschland

Zur Stärkung der Innovationskraft darf Deutschland nicht dem Silicon Valley nachlaufen. Es braucht ein eigenes und beständiges Zukunftsmodell.
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Deutschland sollte nicht Silicon-Valley-Unternehmen kopieren sondern eine eigene Strategie entwickeln. Quelle: AP
Apple

Deutschland sollte nicht Silicon-Valley-Unternehmen kopieren sondern eine eigene Strategie entwickeln.

(Foto: AP)

Es ist schon seltsam, wie verklärt Deutschland auf das Silicon Valley blickt. Mit großen Augen beschreiben Unternehmer Kalifornien als Zukunftslabor der Weltwirtschaft; Politiker pilgern zu den Geburtsstätten von Google, Facebook und Co., glauben ein gelobtes Land der Innovation zu bereisen. Immer noch. Nach allem, was geschehen ist.

Die Amerikaner selbst schauen inzwischen sehr viel kritischer auf die Hügellandschaften der Bay Area. Sie sehen Konzerne, die mächtiger sind als mancher Staat und alles wollen – nur nicht Verantwortung übernehmen. Sie sehen Coder, die akribisch Algorithmen verfeinern – damit Onlinenetzwerke noch mehr Schrottnachrichten unters Volk bringen. Sie sehen Start-ups, die Wäsche abholen, Putzhilfen vermitteln und deren wichtigster Innovationsnachweis darin besteht, den Burger auszuliefern, ehe die Pommes kalt und matschig sind. Haben wir uns so die Zukunft vorgestellt? „Betreutes Wohnen für Millennials“ – so spottet die Tech-Autorin Kara Swisher über den Ideenoutput des Silicon Valleys.

Amerikaromantik ist kein guter Ratgeber

Die wachsenden Selbstzweifel in den USA sollten der Ausgangspunkt der deutschen Start-up-Debatte sein. Nicht eine ins Digitalzeitalter übertragene Amerikaromantik. Vieles in der deutschen Hightech-Branche könnte besser laufen, zweifellos. Aber einem Vorbild hinterherzuhecheln, das sich bei genauerer Betrachtung als bestenfalls bedingt erstrebenswert erweist, ist keine Innovationsstrategie.

Sogar sich selbst ist das Silicon Valley nicht mehr geheuer. Apple-Chef Tim Cook beschrieb es als „Chaosfabrik“, als er kürzlich an der Uni Stanford zur nächsten Techie-Generation sprach: „Zu viele scheinen zu glauben, dass gute Absichten angerichtetes Unheil entschuldigen.“ So kommt es dann, dass Facebook eine Digitalwährung entwickelt, die ohne jede demokratische Legitimation am Geldmonopol der Notenbanken rüttelt. Oder dass Amazon die missbrauchsanfällige Gesichtserkennungssoftware Rekognition vermarktet.

Deutschland braucht keine Chaosfabrik. Was Deutschland braucht, ist eine neue Risikokultur, die dabei hilft, die Stärken der deutschen Wirtschaft auf Zukunftsbranchen zu übertragen. Schon jetzt ist der Innovationsstandort Deutschland besser als sein Ruf. Ausgerechnet den Amerikanern ist das aufgefallen.

Fast genauso sehnsüchtig wie der deutsche Blick nach Amerika ist der amerikanische Blick nach Deutschland. Amerikaner bestaunen die deutsche Fraunhofer-Gesellschaft, die mit ihrer anwendungsorientierten Grundlagenforschung Unternehmen mit frischen Ideen versorgt. Sie bestaunen das deutsche Ausbildungssystem, das deutlich mehr Fachkräfte hervorbringt als ihr eigenes. Und sie bestaunen den deutschen Mittelstand, der verhindert, dass sich Globalisierungsgewinne auf einzelne Großkonzerne innerhalb weniger Ballungsräume konzentrieren.

Allerdings treiben es auch die Amerikaner mit ihrer Bewunderung bisweilen zu weit. Die Stärke der Bundesrepublik liegt in der Verfeinerung bestehender Technologien. Als „inkrementellen Fortschritt“ bezeichnen Ökonomen diese deutsche Spezialität, das versessene Tüfteln an einzelnen Produkten, das „made in Germany“ zum globalen Qualitätssiegel gemacht hat. Die Frage ist, ob diese Stärke ausreicht, um sich in einer Zeit technologischer Umbrüche global zu behaupten.

Weltmeister in Branchen, die an Bedeutung verlieren

Deutschlands wichtigste Konzerne sind so alt, dass sie hauseigene Historiker beschäftigen; Familienunternehmen werden von Generation zu Generation weitergereicht. Die Folge: Deutschland ist weltmeisterlich in Branchen, die an Bedeutung verlieren – dem Maschinenbau, dem Autosektor, der traditionellen Industrie. Was fehlt, sind Pioniere, die auf neue Märkte vordringen. Nur wenigen Start-ups, die etwas Unerprobtes wagen, gelingt in Deutschland der Durchbruch. In innovationsstarken Bereichen wie Künstlicher Intelligenz, Big Data, 5G, Robotik und molekularer Biologie hinkt Deutschland Amerika und China hinterher. Inzwischen leider auch bei der Erforschung grüner Technologien.

Das deutsche Wirtschaftsmodell muss seine Zukunftsfähigkeit beweisen, darum geht es. Doch es hilft nichts, das Neue gegen das Alte auszuspielen. Der Schlüssel liegt darin, Start-ups besser mit Mittelstand und Universitäten zu verzahnen. Es ist ermutigend, dass in Berlin jetzt genau darüber diskutiert wird. Den Gründergeist entfesseln, ohne die industriellen Stärken der deutschen Wirtschaft preiszugeben; Fortschritt auf Zukunftsfeldern ermöglichen, statt sich mit Scheininnovationen in der Dienstbotenökonomie zu begnügen: Das muss das Ziel sein.

Zurück zur Rede von Tim Cook. „Verantwortung zu übernehmen bedeutet, den Mut zu haben, die Dinge zu Ende zu denken“, sagte er. Zu Ende gedacht wird im Silicon Valley höchst ungern, Zauberlehrlinge wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg prahlen sogar damit. „Move fast and break things“, ist ihr Motto. Auch das zeigt: Deutschland braucht kein deutsches Facebook, kein deutsches Amazon. Die Dinge durchdenken: Das sollte zum Markenzeichen einer neuen deutschen Gründerwelle werden.

Mehr: Der CDU-Wirtschaftsrat fürchtet, dass die deutsche Gründerszene international den Anschluss verliert. Die Förderung von Start-ups müsse verbessert werden.

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