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Kramp-Karrenbauer

Politischer Aschermittwoch in Demmin.

(Foto: dpa)

Kommentar „Das verkrampfteste Volk der Welt“ – Kramp-Karrenbauers Konter ist plump, aber kalkuliert

Die CDU-Chefin poltert gegen die Kritiker ihrer Karnevalswitze – um Profil zu gewinnen. Wer nicht wagt, der wird nicht Kanzlerin.
4 Kommentare

Annegret Kramp-Karrenbauer hat den Deutschen ein mieses Zeugnis ausgestellt. Nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 seien diese das glücklichste Volk auf der Welt gewesen. „Heute habe ich das Gefühl, wir sind das verkrampfteste Volk, das überhaupt je auf der Welt rumläuft“, hat sie beim politischen Aschermittwoch gesagt.

Das sind – erst recht aus dem Munde der Chefin der größten und einflussreichsten deutschen Partei – heftige Worte. Zu heftig. Was Kramp-Karrenbauer da sagt, ist nicht souverän, sondern plump. Und es zeugt nicht gerade von einer besonderen Sensibilität.

Kramp-Karrenbauer hatte am Wochenende in einer Fastnachtsrede über Toiletten für intersexuelle Menschen gewitzelt. Damit löste sie vor allem in den sozialen Medien heftige Reaktionen aus. Am Mittwoch wehrte sich die 56-Jährige nun gegen die Kritik an ihren Äußerungen. Es sei „etwas ganz Wunderbares in unserem Land“, im Karneval und in der Kleinkunst „nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen“ zu müssen, erklärte sie.

Spätestens seit ihrer Wahl zur CDU-Chefin hat Kramp-Karrenbauer Kurs genommen auf das Kanzleramt als Nachfolgerin von Angela Merkel. Sie ist eine Kandidatin im Wartemodus – und in ständiger Reifeprüfung. Dazu zählen auch Situationen wie in dieser Woche, also das be- oder unberechtigte Auslösen eines Eklats. Die Kunst besteht darin, Konflikte elegant aufzulösen und zu deeskalieren.

„AKK“ hätte am Mittwoch viele Möglichkeiten dazu gehabt, ihre Bühne dafür zu nutzen. Sie hätte das Thema und die aufgeheizte Debatte ausschweigen können. Mit ein paar Tagen Abstand hätte sie selbstironisch und -kritisch auch einen halben Schritt zurücktreten können – mit den klassischen Waffen einer konstruktiven Debatte: nämlich Argumenten.

Stattdessen hat AKK kräftig einen draufgesetzt, verbunden mit einer Klage über die hiesige Debattenkultur. Ihre Botschaft lautet: Wenn ihr keinen Spaß versteht, seid ihr selbst schuld. Stellt euch nicht so an.

Sie darf alles sagen, will dafür aber nicht kritisiert werden. AKK offenbart dabei nur eine mäßige Fähigkeit zur Selbstkritik und ein fast autoritäres Selbstverständnis.

Sicher gibt es in Deutschland eine Neigung zu übertriebenen Diskussionen. Als #AKKGate wurden die Witze der Politikerin in den sozialen Medien aufgebläht. Aber die CDU-Vorsitzende richtete sich mit ihrem Rundumschlag am Mittwoch nicht nur an die zur Hysterie neigende Twitter-Blase, sondern an das ganze Land.

Mit ihrer Aussage, die Deutschen seien heute „das verkrampfteste Volk“ der Welt, fährt sie all ihren Kritikern schroff über den Mund. Das grenzt an Wählerbeschimpfung.

Merkel hätte so etwas nie gesagt

Denn so kleinlich die Debatten um Toilettenwitze für das dritte Geschlecht oder Karnevalskostüme auch sein mögen: Streit gehört in einer Demokratie dazu, jeder darf seine Meinung haben, die wiederum nicht jedem gefallen muss. Angemessen wäre es, wenn die Vorsitzende der größten deutschen Volkspartei das respektieren würde.

Der politische Aschermittwoch ist ein spezielles, aus der Zeit gefallenes Format, das von der Zuspitzung und besonders derben Sprüchen lebt. Kramp-Karrenbauers Auftritt am Mittwoch war vermutlich kein unbeabsichtigter emotionaler Ausbruch. Die SPD versucht seit Monaten, im Wettstreit mit der Union wieder unterscheidbarer zu werden und stärker zu polarisieren. Der CDU bleibt gar nichts anderes übrig, als dies zu erwidern.

Die CDU-Vorsitzende feuert auch aus einem anderen Grund so heftig in das rot-rot-grüne Lager. Der innerparteiliche Wahlkampf um den Parteivorsitz war nach außen zwar gute PR für die CDU. Das knappe Ergebnis bei der Wahl hat aber Spuren – beziehungsweise Lager – hinterlassen.

AKK versucht nun, die Partei hinter sich zu versammeln. Womöglich schielt sie auch auf gemäßigte AfD-Wähler. Dort erfreut sich die Einstellung „Man wird doch wohl noch etwas sagen dürfen“ großer Beliebtheit.

Womöglich erhofft sich AKK auch, mithilfe der Angriffe an Profil zu gewinnen. Die Saarländerin gilt bisweilen immer noch als spröde und als Merkel-Kopie. Spätestens jetzt wird deutlich, dass sie das nicht ist.

Merkel hätte nie so scharf formuliert. Die verbale Zurückhaltung und das Nicht-festlegen-Wollen wurden ihr während ihrer Zeit als Regierungschefin häufig vorgeworfen. Zugleich dienten sie Merkels Machterhalt. Aber die Zeiten ändern sich bekanntlich. Wer nicht wagt, der wird nicht Kanzlerin.

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4 Kommentare zu "Kommentar: „Das verkrampfteste Volk der Welt“ – Kramp-Karrenbauers Konter ist plump, aber kalkuliert"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • AKK ist halt nur eine Nikolaus-CDU-Vorsitzende - von bestimmten CDU Leuten mit Restalkohol gewählt, welche sie auf der Nikolausfeier von Spahn zu sich nahmen und AKK reden hörten.... nur damit der Spahn seinen Freund Ziomiak als Vize durchbringt...bäääh mir wird nicht nur schlecht von schlechten Scherzen und komischen Büttenreden, sondern auch wegen den Folgen und den Kommentaren dazu....(inklusive meinen).
    Wie kann man Deutschland noch mögen, wenn AKK einem das so versaut? AKK=Merkel.

  • Autoren wie Herr Rothenberger sind der Grund, warum für mich auch das Handelsblatt nicht mehr abonnierbar ist. Da kann ich auch die Süddeutsche oder die Zeit lesen. Dieser ganze Mumpitz mit Gender etc. , Männer und Frauen können im stehen oder sitzen urinieren, dazu gab es früher in Frankreich eine Toilette, nämlich ein Loch im Boden. Mal wieder etwas mehr Erdung wäre gut, die wirklichen Probleme liegen woanders.

  • Dieser Artikel in der führenden Wirtschaftszeitung Deutschlands bestätigt AKKs Aschermittwoch Rede. Und wieder wurde der Zusammenhang weggelassen: Der dumme Witz war Teil Ihrer Verteidigung auf die närrische Anklage der Mittäterschaft an der Berliner Weiberwirtschaft. Wo bleiben die Beschwerden über dieses respektlose Treiben? Wer sind die Narren in dieser demokratischen Debatte?

  • Sehr geehrter Herr Rothenberg,

    ehrlich gesagt geht mir Ihre political correctness und erhobener Zeigefinger unheimlich auf den Geist. 1968 wurde für die wichtigen Themen wie Emanzipation, Meinungsfreiheit und
    Entnazifizierung gekämpft. sie sind in diese schönen Errungenschaften hineingeboren worden und mussten nichts dafür tun. wenn sie was tun wollen, dann setzen sie sich für
    Snowden ein, oder positionieren sich gegen die Vorratsdatenspeicherung oder die Dummheit der
    Leute im Umgang mit Ihren Daten und mit Facebook, aber nerven Sie nicht mit dieser faschistoider Sprachpolizei, neudeutsch political correctness.