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Kommentar Deflation ist das Problem – nicht Inflation

Nach Corona werden sich trotz hoher Schulden und Anleihekäufen wieder langfristige Faktoren durchsetzen, die die Preise tendenziell drücken. Deflation kann die Wirtschaft lähmen.
08.01.2021 - 07:37 Uhr Kommentieren
Es wird nicht viel teurer. Quelle: dpa
Preisschild im Supermarkt

Es wird nicht viel teurer.

(Foto: dpa)

Die Welt scheint aus den Fugen zu geraten: Die Regierungen machen Rekordschulden, die Notenbanken blähen ihre Bilanzen auf, indem sie diese Schulden aufkaufen. Das erzeugt Angst. Wo soll es hinführen, wenn sich eine Geldflut über die Welt ergießt? Muss sich das nicht, wenn Corona und Lockdowns Vergangenheit sind, in einer gewaltigen Inflation entladen?

Muss es nicht. Im Gegenteil spricht viel dafür, dass Deflation, also ein Abrutschen der Preise, das größere Problem bleibt. Denn es gibt langfristige Faktoren, die Druck auf die Preise ausüben, wie sich besonders am Beispiel von Japan zeigt. Und Deflation kann die Wirtschaft lähmen, allein schon, weil sie Lohnverhandlungen erschwert und damit den Arbeitsmarkt starrer macht.

Zwar ist die Vorstellung sehr anschaulich und war lange Zeit anerkannte Theorie, dass ein Zuwachs an Geld die Preise steigen lässt. Schon der Astronom Nikolaus Kopernikus hat diesen Zusammenhang erkannt, und die von Martin Luther beklagte „Teuerung“ im 16. Jahrhundert war auch auf den Zufluss von Edelmetall aus Amerika nach Europa zurückzuführen.

Aber der Zusammenhang zwischen Geldmenge und Preisen ist heute an zwei Stellen gebrochen. Einmal kommt das Geld, das die Notenbanken durch Anleihekäufe schaffen, zu einem großen Teil nicht in der Wirtschaft an, sondern bleibt als Liquiditätsreserve im Finanzsystem stecken. Technisch gesprochen: Der Zusammenhang zwischen Zentralbankgeld und der Geldmenge, die die Geschäftsbanken den Kunden zur Verfügung stellen, ist kollabiert.

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    Die Käufe der Notenbanken dienen auch gar nicht dazu, „Geld zu drucken“, sondern sollen die Zinsen drücken. Ein zweiter Punkt: Mehr Geld führt nur zu Inflation, wenn es ausgegeben wird. Zurzeit ersetzen die Staaten lediglich Nachfrage, die durch Corona verschwunden ist. Deswegen bleibt die Inflation bisher mausetot.

    Wenn Corona vorbei ist, kann es natürlich zu einem Nachholeffekt kommen. Wer für ein Jahr oder länger immer wieder im Lockdown gesessen hat, wird nachher mit Lust verreisen, essen gehen und durch Einkaufsstraßen bummeln, zumal wenn sich in der Zwischenzeit Ersparnisse angesammelt haben. Aber dieser Effekt ist begrenzt. Er mag dazu führen, dass die Inflation in einigen Ländern etwas ansteigt. Richtig ist auch, dass die Geldpolitiker ein Überschreiten ihrer Inflationsziele von meist zwei Prozent zeitweise dulden werden. Aber mehr passiert wohl nicht.

    Notenbanken verfehlen ihr Ziel

    Auf der anderen Seite ist seit der Finanzkrise vor über zehn Jahren zu beobachten, dass die Geldpolitiker es kaum schaffen, die Inflation überhaupt am Leben zu erhalten. Tatsächlich werden sie von der Sorge getrieben, in Deflation abzurutschen. Deswegen streben sie ja zwei Prozent Inflation an: um eine Sicherheitsmarge zu haben. Immer wieder haben die Experten der Notenbanken einen Anstieg der Inflation auf ihr Wunschziel prognostiziert – und es immer wieder verfehlt. Sie geben zum Teil sogar zu, dass sie nicht genau verstehen, warum die Preissteigerungen so niedrig bleiben.

    Quelle: Kostas Koufogiorgos
    Karikatur
    (Foto: Kostas Koufogiorgos)

    Oft genannt werden als Faktoren für niedrige Preise die Globalisierung, die hohe Preistransparenz durch das Internet, der technische Fortschritt und die Überalterung der Bevölkerung, die zu mehr finanzieller Vorsorge und weniger Konsum führe. Wie diese Faktoren genau zusammenwirken, ist schwer einzuschätzen. Einige davon können sich auch abschwächen oder sogar bis zu einem gewissen Grad umdrehen, etwa die Auslagerung von Produktion in Niedriglohnländer.

    Aber der Vergleich von Japan, Europa und den USA zeigt: In Japan fing es an mit Deflation, niedrigen Zinsen, hohen Staatsschulden und dem Aufblähen der Notenbankbilanz. Europa folgt in den meisten dieser Punkte, und die USA liegen auf Platz drei. Das entspricht der Bevölkerungsentwicklung: Japan ist besonders „alt“, die USA sind noch „jünger“ als Europa.

    Schulden schaffen Ungleichheit

    Das Beispiel Japan zeigt auch, dass unter bestimmten Umständen Staatsschulden und Notenbankbilanzen sehr weit aufgebläht werden können, ohne dass die Inflation zuckt oder die Zinsen deutlich steigen. Zunächst lässt sich das, um für einen Moment die Perspektive der sogenannten Modern Monetary Theory (MMT) einzunehmen, leicht erklären: Sieht man die Notenbank als Teil der Regierung an, dann verschwinden die Schulden, soweit sie von der Notenbank gekauft wurden, als interner Saldo aus dem Blickfeld.

    MMT ist aber in vollem Umfang, wie auch ihre Befürworter einräumen, nur für Länder anwendbar, die souverän über ihre Währung verfügen können, nicht zu sehr auf ausländisches Kapitel angewiesen sind und das Vertrauen der Investoren genießen. Hinzu kommt: Anders als Steuern schaffen Schulden spiegelbildlich Vermögen und können so die Ungleichheit verstärken.

    Das alles spricht dafür, die Schulden nicht endlos nach oben zu treiben. Daher kann es gut sein, dass irgendwann die Frage auftaucht: Können wir, müssen wir uns vielleicht sogar an etwas Deflation gewöhnen, statt uns mit allen Mitteln dagegen zu wehren?

    Mehr: Wir verstehen unser eigenes Geldsystem nicht

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