Streaming für unterwegs

Dienste wie Netflix und Amazon Prime Video setzen ihren Siegeszug fort.

(Foto: dpa)

Kommentar Den TV-Sendern bleibt wenig Zeit, um Netflix und Amazon einzuholen

Netflix und Amazon Prime Video erobern den Unterhaltungsmarkt. Darauf haben die klassischen TV-Sender keine Erfolg versprechende Antwort.
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Ultra deutet auf einen harten Kern hin, auf eine exorbitante Steigerung oder auch auf eine schon fast blinde Gefolgschaft. Ultra heißt, jetzt wird es extrem, und das hat wohl auch der amerikanische Streamingdienst Netflix vor: Mit einer neuen Preisstufe namens Ultra will das Unternehmen die Preiselastizität seines Erfolgsdienstes testen. Einigen Nutzern wird neben den bisherigen drei eingeführten Preiskategorien eine vierte angezeigt, die 17 Euro beträgt. Bislang liegt der höchste monatliche Abopreis bei 14 Euro.

Netflix wagt das Preisexperiment, das Beobachter im Übrigen schon lange erwartet hatten. Netflix wird sicherlich keine böse Überraschung erleben. Denn die weltweit rund 125 Millionen Nutzer sind längst ihrer Serien- und Filmsucht erlegen, die das Unternehmen ihnen orts- und zeitunabhängig liefert.

Gerade jüngere Menschen sehen wenig Grund, das lineare Fernsehen zu schauen, das ihnen enge Grenzen im Konsum setzt. Und wenn ein Mehr an Abopreis auch ein Mehr an Angebot verspricht, sind Ultras sicherlich bereit, das auch zu zahlen.

Streamingdienste wie Netflix und Amazon Prime Video setzen ihren Siegeszug fort – und enteilen in ihrem Expansionswillen immer weiter den europäischen Unternehmen. Das Nachsehen haben in Deutschland im Fall der Unterhaltungsbranche die privaten TV-Sender, ausgerechnet jene Unternehmen, die mit ihrer Gründung vor einigen Jahrzehnten das System der öffentlich-rechtlichen Anstalten ins Wanken brachten.

Werbefinanzierte Modelle unter Druck

Nun geraten RTL, Pro Sieben und Co. mit ihren werbefinanzierten Programmen selbst unter Druck – und finden nur schwer eine Antwort auf die wachsende Konkurrenz aus den USA.

In einer Art letztem Aufbäumen wollen die zur Bertelsmann-Gruppe gehörende RTL Group sowie der Medienkonzern Pro Sieben Sat 1 jeweils eine eigene Lösung für den Streamingboom finden. Beide Unternehmen haben jüngst ihre Pläne für den Ausbau ihrer Video-on-Demand-Dienste vorgestellt.

Der eine, die in Luxemburg ansässige RTL Group, will das Angebot unter seinem Label TV Now deutlich ausbauen, dort exklusive Filme und Serien zeigen, die außerhalb des Free-TVs laufen, und dafür einen Abopreis von unter zehn Euro kassieren. RTL will auf lokale Inhalte setzen und meint, dafür genug Zahlungswillige zu finden.

Der andere, der Münchener Konzern Pro Sieben Sat 1, hat sich mit Discovery und dessen Eurosport-Sender einen gewichtigen Partner gesucht: Gemeinsam wollen sie ihre Streamingdienste wie Maxdome und Eurosport Player in einem neuen Angebot bündeln und durch zusätzliche Inhalte erweitern. Der ehrgeizige Plan: zehn Millionen Nutzer innerhalb von zwei Jahren.

Es könnte ein letzter Versuch der europäischen Privatsender sein. Denn im Moment gibt es kaum Anzeichen dafür, dass die TV-Sender Netflix und Amazon Prime noch einholen könnten.

Da geht es zum einen um die pure Finanzkraft. Netflix beispielsweise steckt rund acht Milliarden Dollar pro Jahr in die Produktion von eigenen Serien und Filmen. Die Kategorie „Netflix Originals“ hat nicht den Ruch einer billigen Handelsmarke, sondern steht für erstklassige Unterhaltung. Wer zehn Euro oder mehr monatlich fürs Bezahlfernsehen ausgibt, ob linear oder auf Abruf, der will auch Qualität sehen. Ein Rennen, bei dem die klassischen TV-Sender offensichtlich schlecht mithalten können.

Das Bild des Lagerfeuers, das das lineare Fernsehen seinen Nutzern mit massentauglichen Sendungen bietet, nutzt sich ebenfalls ab. Die Zeiten, in denen eine Familie samstags gemeinsam „Wetten, dass...“ guckt, sind sicher längst vorbei. Heute schaut jeder auf eigenen Geräten.

Aber das Bild des Lagerfeuers hat deshalb nicht ausgedient, es flackert nur anders. Wer nach der Hochzeit von Prinz Harry und seiner Meghan etwa nicht Kenner der Netflix-Serie „Suits“ war, in der die Braut einst mitspielte, der war aus einigen Gesprächskreisen schlicht ausgeschlossen.

Relevante und exklusive Inhalte gefragt

Es geht stets um relevanten und exklusiven Inhalt – nicht um mehr, aber auch nicht um weniger. Es ist sicherlich nicht so, dass dies den Verantwortlichen der klassischen TV-Sender verborgen geblieben wäre. Deshalb machen sie sich gegenseitig Avancen und laden den Konkurrenten ein, bei der eigenen Plattform mitzumachen. Denn sowohl RTL als auch Pro Sieben wissen: Es geht nur zusammen.

Einen solchen Vorstoß hatte es bereits 2011 gegeben, damals untersagte das Bundeskartellamt allerdings die Gründung einer gemeinsamen Online-Video-Plattform. Die Wettbewerbshüter beanstandeten ein mögliches „marktbeherrschende Duopol“. Das Aus für eine zukunftsträchtige Idee. In der Zwischenzeit konnten Netflix und Amazon Prime Video prächtig gedeihen.

Es ist an der Zeit, dass sich die deutsche, die europäische Gesetzesperspektive den Marktverhältnissen anpasst. Egal in welcher Branche. Die Digitalisierung wälzt eine nach der anderen um. Viel Zeit bleibt nicht mehr. Und die Ultra-Fans von Netflix und Amazon Prime sind nur schwer zurückzugewinnen.

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