Kommentar Denn eins ist nicht sicher – die Rente

Die neue Rentenkommission will die gesetzliche Rente stärken. Doch das wird angesichts des demografischen Wandels nicht reichen.
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Die Rentenkommission sollte die Grundlagen dafür schaffen, dass sich die kapitalgedeckte Zusatzvorsorge in Deutschland stärker verbreitet. Quelle: dpa
Rente

Die Rentenkommission sollte die Grundlagen dafür schaffen, dass sich die kapitalgedeckte Zusatzvorsorge in Deutschland stärker verbreitet.

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Es ist ein Bild aus dem politischen Archiv der alten Bundesrepublik: ein gut gelaunter Sozialminister Norbert Blüm im Wahlkampf 1986, der ein Plakat mit einem großen Versprechen an eine Litfaßsäule klebt. „Denn eins ist sicher: Die Rente.“

Mehr als drei Jahrzehnte später dürfte Politikern eine derart vollmundige Zusage schwerer fallen. Je näher die konkreten Auswirkungen des demografischen Wandels rücken, desto mehr wird die umlagefinanzierte Rente zum Unsicherheitsfaktor. Die neue Rentenkommission sollte daher nicht nur an den Stellschrauben der gesetzlichen Rentenversicherung drehen, sondern die Grundlagen dafür schaffen, dass sich die kapitalgedeckte Zusatzvorsorge in Deutschland stärker verbreitet.

Die Verschiebung der Altersstruktur ist ein schleichender Prozess. Die Geburtenrate ist in Deutschland seit den 1970er-Jahren niedrig, die Lebenserwartung nimmt dagegen beständig zu. Ab Mitte des kommenden Jahrzehnts, wenn die vor dem Pillenknick geborenen geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen, wird dieser Trend seine volle Wucht entfalten: Während heute vier Beitragszahler zwei Rentner finanzieren, werden es im Jahr 2030 nur noch drei Beitragszahler sein. Tendenz sinkend.

Zuwanderung kann diese Entwicklung allenfalls dämpfen. Auch Meldungen, dass die Geburtenrate zuletzt auf den höchsten Stand seit 1973 geklettert ist, sind keineswegs Grund zur Erleichterung: Mit 1,59 Kindern je Frau liegt die Ziffer weiter deutlich unter dem bestandserhaltenden Niveau. Die demografischen Fakten lassen wenig Raum für Interpretation. Deutschland altert rapide – das ist die zentrale Erkenntnis, unter der die Rentenpolitik der Zukunft gestaltet werden muss.

Ökonomen wie der Rentenforscher Axel Börsch-Supan oder der Finanzwissenschaftler Martin Werding haben durchgerechnet, welche Kosten auf die sozialen Sicherungssysteme zukommen, wenn sich die Alterspyramide auf den Kopf stellt. Kritiker werfen ihnen schnell vor, Horrorszenarien zu entwickeln.

Die Altersstruktur der Bevölkerung lässt sich aber zumindest für die nächsten zwei Jahrzehnte ziemlich gut abschätzen, und daraus können Schlüsse für die Entwicklung der öffentlichen Finanzen gezogen werden. Mittelfristig werden jedenfalls Milliardenbeträge für die Rente fehlen.

Das Argument, Deutschland sei bei der Rente aktuell besser aufgestellt, als es pessimistische Prognosen in der Vergangenheit vermuten ließen, lässt sich nicht halten. Die gute Wirtschaftsentwicklung und die Zuwanderungseffekte der vergangenen Jahre haben zwar zu Abweichungen an den Vorhersagen geführt. Sie ändern aber nichts an der Grundströmung des demografischen Wandels – dessen akute Phase erst noch bevorsteht.

Die Diskussion über eine zukunftsfeste Altersvorsorge dreht sich in Deutschland vor allem um die gesetzliche Rente. Union und SPD haben der Rentenkommission den Auftrag mitgegeben, Beitragssatz und Rentenniveau mit einer „doppelten Haltelinie“ langfristig abzusichern.

Da sich eine weitere Erhöhung des Renteneintrittsalters politisch wohl nur schwer durchsetzen ließe, bedeutet dies, dass der Steuerzahler über den Bundeszuschuss an die Rentenversicherung gefordert ist. Mehr qualifizierte Zuwanderung oder eine Anhebung der Erwerbstätigenquoten bei älteren Arbeitskräften und Frauen werden die Probleme etwas lindern, das unter Demografiedruck stehende Umlageverfahren aber nicht stabilisieren können.

Wenn nicht irgendwann ein Großteil des Bundeshaushalts in die gesetzliche Rente fließen soll, müssen ergänzende betriebliche und private Vorsorgestrukturen gestärkt werden. Kapitalgedeckte Formen der Alterssicherung haben wegen der Riester-Rente einen nicht sonderlich guten Ruf, was nicht zuletzt mit der derzeitigen Niedrigzinsphase zusammenhängt. Die Renditeerwartungen müssen aber über ein gesamtes Erwerbsleben hinweg betrachtet werden.

Kapitalanlagen sind natürlich mit Finanzmarktrisiken behaftet. Allerdings kann ein breit aufgestelltes Altersvorsorgesystem die demografischen Risiken des Umlageprinzips auffangen. Staaten mit starkem kapitalgedecktem Anteil an der Alterssicherung wie die Niederlande oder Dänemark gelten international als Vorbild für ein nachhaltiges Rentensystem – und bescheren ihren Ruheständlern zugleich auch noch deutlich höhere Leistungen als in Deutschland.

Der Auftrag der Rentenkommission umfasst ausdrücklich, bei den Reformvorschlägen neben der gesetzlichen auch die betriebliche und private Säule der Alterssicherung in den Blick zu nehmen. Die zehn Experten sollten von ihrem Mandat Gebrauch machen und sich nicht nur auf die gesetzliche Rente konzentrieren.

Immer weniger Beitragszahler und eine steigende Zahl von immer länger lebenden Rentenempfängern werden für das Umlageverfahren einen Schock bedeuten, der sich nur mit sehr hohen Kosten für künftige Generationen abfedern ließe.

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1 Kommentar zu "Kommentar: Denn eins ist nicht sicher – die Rente"

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  • .... jetzt kommt die WM - die beste Zeit das Renteneintrittsalter auf 69 zu setzen .... und keiner merkt es.
    Der Scheuer macht Wahlkampf indem er auf die Automobilindustrie drauf haut - eine Nebelkerze - und auch der Glückwunsch der Mutti für unseren tollen Astronauten möchte wohl von unliebsamen Entscheidungen ablenken!

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