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Kommentar Der amerikanische Shareholder-Value-Ansatz ist nicht tot – im Gegenteil

Was gut für das Unternehmen ist, ist gut für die Aktionäre: Dieses Mantra das Kapitalismus schien in den USA zuletzt entkräftet. Ein Trugschluss.
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Nach der ersten Jubelwelle über die Wohltaten des reinen Shareholder Value vor zwei Jahrzehnten hatten sich Deutschland und Europa eigentlich auf einen Stakeholder-Ansatz verständigt. Quelle: Reuters
Stakeholder-Ansatz

Nach der ersten Jubelwelle über die Wohltaten des reinen Shareholder Value vor zwei Jahrzehnten hatten sich Deutschland und Europa eigentlich auf einen Stakeholder-Ansatz verständigt.

(Foto: Reuters)

Seltsames begibt sich derzeit in den Vereinigten Staaten. Bis hinauf zum Präsidenten hegen Manager und Politiker Zweifel daran, dass Corporate America noch die Wiege des Kapitals ist. Die einflussreiche Senatorin Elizabeth Warren legt ein Papier zur Unternehmens-Governance vor, das mehr an die deutschen Mitbestimmungsgesetze aus den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts erinnert als an die Macht des Geldes an der Wall Street.

Warren schlägt zum Beispiel 40 Prozent Arbeitnehmervertreter in Boards vor, um auch die Interessen der Beschäftigten im Management zu repräsentieren. Elon Musk, Enfant terrible unter den US-Unternehmern, narrt die Finanzmärkte mit Gedankenspielen über einen Rückzug von der Börse, um seine automobilen Ambitionen endlich ohne das Störfeuer von Aktionären realisieren zu können.

Das alles toppt dann auch noch der Präsident des Landes, der Quartalsberichte infrage stellt. Donald Trump wies die Börsenaufsicht SEC an zu prüfen, ob halbjährliche Berichte ausreichend seien. Der Präsident folgt einem Trend, den ausgerechnet Investorenlegende Warren Buffett und Starbanker Jamie Dimon angestoßen haben. Sie machen sich für eine Abschaffung der Quartalsberichte stark.

Die vierteljährliche Berichterstattung börsennotierter Gesellschaften ist seit jeher Streitpunkt. Die einen sehen darin ein Übel, das Manager davon abhält, langfristig und nachhaltig zu denken. Anderen ist es Grundvoraussetzung für den Schutz der Investoren.

Sollte sich Amerika tatsächlich von der Vorstellung verabschieden, dass auch gut für die Unternehmen sei, was gut für die Geldgeber ist, dann kommt ein Glaubensbekenntnis amerikanisch geprägter Unternehmensführung ins Schleudern. Verabschieden wir uns vom Shareholder-Value? Ist unter der Regie eines Donald Trump möglich, was bis jetzt als schier undenkbar galt?

Die Antwort darauf ist ein klares Nein. Amerika wird sich nicht von diesem Mantra des Kapitalismus verabschieden. Das Geld wird weiterhin bestimmen, welche Musik gespielt wird. Die angelsächsisch geprägte Unternehmens-Governance wird allen Debatten in den Vereinigten Staaten zum Trotz weiter die Interessen der Anteilseigner, sprich der Shareholder, in den Vordergrund stellen.

Diese Kultur ist zu tief in Amerika verankert, als dass sie von einzelnen Personen ausgehebelt werden könnte. Die Investoren, ob Hedgefonds oder aktive Anteilseigner, werden mächtig bleiben, weil die Unternehmensführung weiterhin in erster Linie den Renditeerwartungen folgt.

Der amerikanische Shareholder-Value-Ansatz ist nicht tot – im Gegenteil: Er greift längst auf Europa über. Investoren und Hedgefonds treiben Manager reihenweise aus ihren Ämtern, weil ihnen die Performance der Unternehmen nicht reicht oder die Strategie nicht stimmig ist. Lehrbuchbeispiele dafür sind Thyssen-Krupp und Deutsche Börse, wo Aktionäre für einen abrupten Chefwechsel sorgten.

Dabei haben diese Geldgeber teilweise noch nicht einmal große Aktienpakete geschweige denn Mehrheiten an den Firmen. Es reichen schon ein paar Prozentpunkte am Aktienkapital und damit der Stimmrechte, um Vorstände oder Aufsichtsräte davonzujagen.

Trotzdem ist die aufgeflammte Debatte um Sinn und Zweck einer Börsennotierung, um Transparenz und Investoreneinfluss eine gute Diskussion. Gerade weil wir hierzulande den wachsenden Druck des Geldes auf die Unternehmensführung verspüren und Gefahr laufen, einen mühsam erarbeiteten Konsens in der Corporate Governance zu verlieren.

Nach der ersten Jubelwelle über die Wohltaten des reinen Shareholder-Values vor zwei Jahrzehnten hatten sich Deutschland und Europa eigentlich auf einen Stakeholder-Ansatz verständigt. Was nichts anderes bedeutet, als das Handeln der Manager sowohl an den Interessen des Kapitals als auch an dem Nutzen für Mitarbeiter und Gesellschaft zu messen. Im deutschen Aktienrecht ist Nachhaltigkeit inzwischen sogar als Grundsatz verankert.

Die reine Lehre des Shareholder-Values sollten wir daher längst überwunden haben. Die Praxis zeigt aber, dass es nötig ist, die Prinzipien einer langfristigen Unternehmensführung zu verteidigen. Weil die Kräfte ungleich verteilt sind. Eigentümer, ob anonyme Aktionäre oder Familiengesellschafter, haben nun einmal den stärksten Hebel in der Hand. Sie finanzieren die Unternehmung. Das ist in Ordnung.

Aber es ist zugleich eine permanente Herausforderung, die Interessen aller Stakeholder auszubalancieren. Selbst in Zeiten akuten Fachkräftemangels scheint es keineswegs selbstverständlich, den Wert der Arbeit(er) angemessen zu berücksichtigen. Sonst gäbe es keine Billiglöhner in der Paketlogistik oder scheinselbstständige Piloten im Luftverkehr.

Und gerade weil sich Amerika nicht vom Shareholder-Value verabschieden wird, sollten wir uns in Deutschland und Europa umso mehr um den Ausgleich der Interessen bemühen. Ob Unternehmen da viertel- oder halbjährlich berichten müssen, das ist zweitrangig.

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