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Kommentar Der Bitcoin-Boom zeigt die Risiken unseres Finanzsystems – tatsächliche und vermeintliche

Die Ängste der Anleger sind ein entscheidender Grund für die Rally der Kryptowährung.
04.01.2021 - 16:46 Uhr 1 Kommentar
Im Zahlungsverkehr spielen Kryptowährungen nur eine untergeordnete Rolle. Quelle: Reuters
Bitcoin-Geldausgabe-Automat in Mexiko-City

Im Zahlungsverkehr spielen Kryptowährungen nur eine untergeordnete Rolle.

(Foto: Reuters)

Bitcoins haben ihren Wert im vergangenen Jahr mehr als vervierfacht. Inzwischen ziehen sie auch andere Kryptowährungen mit. Unaufhaltsam scheint ihr Aufstieg zu sein, wenn auch immer wieder, wie gerade geschehen, durch Rücksetzer unterbrochen.

Und das geschieht mit einer „Währung“, wenn man sie so bezeichnen will, mit der man weltweit nur etwa sieben Zahlungen pro Sekunde leisten kann, während zum Beispiel Visa allein auf rund 50.000 kommt. Dieser schwachen Leistung als Zahlungsmittel steht ein Energieverbrauch gegenüber, der etwa dem eines kleineren Industrielandes entspricht.

Es ist nicht übertrieben, in dem Zusammenhang von einem ökologischen Desaster zu sprechen, das sich aufgrund der dezentralen Struktur des Systems aber nicht stoppen lässt.

Woher rührt also die Preissteigerung? Eine Antwort lautet, dass mehr und mehr große Investoren Bitcoins als Anlage entdecken. Aber daraus ergibt sich sogleich die Frage: Warum tun sie das? Eine zweite Antwort lautet: Trotz einer Marktkapitalisierung von mehr als einer halben Billion Dollar trifft hier die steigende Nachfrage auf ein sehr kleines Angebot, deswegen fällt der Kursanstieg so dramatisch aus.

Es gibt sogar einzelne Unternehmen wie Apple und Amazon, die allein ein Vielfaches so viel wert sind wie alle Bitcoins zusammen. Und die Kryptowährung wird ja zunehmend nicht mehr als einzelnes Anlageinstrument, sondern als eigene Anlageklasse wahrgenommen: Gemessen daran ist sie noch sehr niedrig bewertet. Das kann immer wieder zu hohen Preisschwankungen führen, ausgelöst mitunter auch durch einzelne Ereignisse oder Eingriffe.

So kam eine viel diskutierte Studie von zwei amerikanischen Professoren, John M. Griffins und Amin Shams, schon 2018 zu dem Schluss, dass der kurzlebige Bitcoin-Boom des Vorjahres zu einem großen Teil auf Marktmanipulationen mithilfe von Tether, einer anderen Kryptowährung, zurückzuführen war. Daher gilt es immer, aufmerksam zu sein, wenn neue, größere Kryptowährungen geschaffen werden.

Alternative zu Gold

Aber woher rührt der Krypto-Wahn überhaupt? Ein entscheidender Punkt: Der Boom spiegelt tatsächliche oder auch nur vermeintliche Schwächen und Risiken unseres Finanzsystems wider. Dazu zählen Minuszinsen, die beliebige Vermehrbarkeit von Geld und die in der großen Finanzkrise vor über zehn Jahre deutlich gewordene Gefahr, dass hohe Verschuldung zu einer Vertrauenskrise führen und damit das System an den Rand des Zusammenbruchs führen kann.

Das alles weckt bei vielen Investoren den Wunsch, wenigstens einen Teil des Vermögens quasi unabhängig vom Finanzsystem anzulegen. Die klassische Vermögensklasse dafür ist Gold. Bitcoins entwickeln sich zu einem ernst zu nehmenden Konkurrenten in diesem Bereich. Und man muss fairerweise hinzufügen: Auch die Goldförderung, der Transport und die Lagerung verschlingen eine Menge Energie.

Im Grunde ist es keineswegs effizient, allein für Anlagezwecke einen Rohstoff mühsam auszugraben und zu verarbeiten – um ihn anschließend wieder unter der Erde zu bunkern, wie es zum Beispiel die Bundesbank in Frankfurt tut, obwohl das Metall geldpolitisch gar keine Bedeutung mehr hat.

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Interessant ist ein Vergleich von klassischen Währungen wie Dollar und Euro in ihrer modernen Form, also ohne Gold-Deckung, mit Gold als Rohstoff und Bitcoins. Für Dollar & Co. spricht, dass sie gesetzliches Zahlungsmittel sind, also zur Begleichung von Schulden oder Entrichtung von Steuern im jeweiligen Währungsgebiet akzeptiert werden müssen.

Dagegen spricht, dass die risikolose Anlage von großen Summen nur über Staatsanleihen und damit in vielen Ländern nur zu Minuszinsen möglich ist, vor allem nach Inflation gerechnet. Gegenüber Minuszinsen sind die Nullzinsen, wie sie Gold und Bitcoins bieten, sogar noch ein Vorteil – allein das ist schon der wesentliche Grund für den Höhenflug dieser Anlagen wie auch für die Schwerelosigkeit von Risikopapieren wie Aktien.

Strikt begrenzte Menge

Ein weiterer Grund für Misstrauen gegenüber klassischen Währungen ist, dass ihre Menge durch die Notenbanken beliebig vermehrbar ist. Das hat zwar, entgegen allen Warnungen der Crash-Propheten, bisher noch keine großen Probleme verursacht, sondern erleichtert zurzeit die großzügigen Corona-Hilfen vieler Regierungen. Aber ganz grundsätzlich stellt Vermehrbarkeit die Werthaltigkeit infrage; allein das Vertrauen in die Notenbanken, das nicht jeder teilt, steht dagegen.

Gold ist dagegen rein physisch nur begrenzt vermehrbar. Außerdem kann es anders als Bitcoins und Geld auch noch in der realen Wirtschaft für Schmuck oder industrielle Zwecke verwendet werden. Und wenn Gold auch kein Zahlungsmittel im engeren Sinne ist, besitzt es weltweit aus einer jahrtausendealten Tradition heraus eine hohe, von jedem technischen System unabhängige Akzeptanz.

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Bitcoins dagegen haben nur ein Merkmal, das für sie spricht: dass ihre Menge laut Programmierung auf 21 Millionen begrenzt ist. In einem Umfeld des Misstrauens, wo durch Null- und Minuszinsen Bewertungen von Vermögen keine rechte Grundlage mehr haben, scheint das einstweilen genug Vertrauen für einen Krypto-Boom zu erzeugen.

Mehr: Was wurde 2020 aus verschiedenen Anlageklassen?

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1 Kommentar zu "Kommentar: Der Bitcoin-Boom zeigt die Risiken unseres Finanzsystems – tatsächliche und vermeintliche"

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  • Vielen Dank Hr. Wiebe für den sehr neutralen Kommentar und dem nüchternen Vergleich zu Gold...

    In vielen Foren (u.a. SPON) diskutiert man das Thema meist nur unter negativen Gesichtspunkten ohne jegliche Differenzierung ...

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