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Kommentar – Der Chefökonom Die deutsche Politik tut gut dran, die Leistungsfähigkeit des industriellen Sektors zu sichern

Die mit dem neuerlichen Lockdown verbundenen Belastungen für die Industrie sind nicht mit denen aus dem Frühjahr zu vergleichen. Nun gilt es, mit dem Sektor in eine bessere Zukunft zu starten.
11.12.2020 - 11:18 Uhr Kommentieren
Diesmal ist die Industrie kaum vom Lockdown betroffen. Quelle: dpa
BMW-Werk Dingolfing

Diesmal ist die Industrie kaum vom Lockdown betroffen.

(Foto: dpa)

Bereits geraume Zeit vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie befand sich die deutsche Industrie im Abschwung. Die Produktion war seit dem Frühjahr 2018 rückläufig, und nur der damals boomende Dienstleistungssektor sorgte dafür, dass die wirtschaftliche Gesamtleistung in Deutschland 2019 noch anstieg. Zweifel an der Nachhaltigkeit des exportorientierten Geschäftsmodells wurden lauter.

Eine sich abzeichnende moderate Erholung wurde im Frühjahr mit dem Lockdown als Antwort auf die rasante Ausbreitung des Coronavirus zunichtegemacht. Viele Fertigungsstraßen standen über Wochen still, und zeitweilig war in der Industrie jeder dritte Beschäftigte in Kurzarbeit, in der Metallindustrie und im Fahrzeugbau sogar nahezu jeder zweite.

Doch nun, zum Ende dieses turbulenten Jahres, ist die deutsche Industrie plötzlich wieder die Wachstumslokomotive: Auftragseingang und Produktion machten im Oktober einen Sprung nach oben und liegen nun annähernd auf Vorkrisenniveau. Die vom Ifo-Institut erhobenen Produktionserwartungen waren im November weiterhin positiv, wenn auch nicht mehr so optimistisch wie im Vormonat.

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Fakt ist: Die vor Kurzem wegen ihrer strukturellen Schwächen von vielen fast abgeschriebene deutsche Industrie dürfte Deutschland vor einem neuerlichen Konjunktureinbruch in diesem Winter bewahren. Zugleich dürfte dieser Sektor im kommenden Jahr wieder einmal zur wichtigsten Wachstumsstütze werden.
Für dieses Comeback gibt es im Wesentlichen zwei Gründe: Zum einen zieht der Welthandel an, wovon exportstarke Industrien wie die deutsche besonders profitieren. Das von der Welthandelsorganisation WTO ermittelte Barometer für den Weltwarenhandel stieg von 84,5 Punkten im August auf 100,7 Punkte im November.

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    Bei einem Wert von über 100 Punkten signalisiert dieser Indikator ein Wachstum des globalen Warenaustauschs, das über dem Trend liegt. Für 2021 rechnet die WTO mit 7,2 Prozent Zuwachs des Welthandels, der damit deutlich stärker als die Weltwirtschaft zulegen würde.

    Der Containerumschlag, ein valider Indikator, signalisiert ebenfalls eine spürbare Erholung des internationalen Warenaustauschs. „Der Zuwachs steht auf breiter Basis. Sowohl die chinesischen Häfen als auch die außerhalb Chinas verzeichneten ein deutliches Plus“, teilte das Essener Forschungsinstitut RWI mit, das monatlich einen entsprechenden Index ermittelt.

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    Ebenso habe sich der Umschlag im nördlichen Euro-Raum erheblich verbessert und liege nur noch knapp unter dem vor der Coronakrise erreichten Höchstwert. Anziehende Exporte könnten also wie oft in der Vergangenheit einen neuen Aufschwung der deutschen Volkswirtschaft einleiten.

    Lockdown im Frühjahr belastete Industrie

    Hinzu kommt, dass die mit dem neuerlichen Lockdown verbundenen Belastungen nicht mit denen aus dem Frühjahr zu vergleichen sind. Damals waren viele Grenzen geschlossen, wodurch die internationalen Lieferketten unterbrochen wurden, und viele Produktions- und Vertriebsstätten im In- und Ausland stillgelegt werden mussten.

    Heute bemüht sich die Politik, den industriellen Sektor, so gut es geht, zu schonen und die Beschränkungen auf die besonders kontaktintensiven Dienstleister zu fokussieren. Um die zweite Infektionswelle zu brechen, wurden zwar ganze Wirtschaftszweige faktisch stillgelegt. Allerdings beträgt deren Anteil an der gesamtwirtschaftlichen Leistung nur etwa zwei Prozent.

    Das etablierte exportorientierte Geschäftsmodell der deutschen Volkswirtschaft ist kein am Reißbrett entworfenes Konzept. Vielmehr haben sich der außerordentlich hohe Industrieanteil und die damit verbundene Exportorientierung in den vergangenen 150 Jahren urwüchsig entwickelt – stets mit der Unterstützung von Politik, den gesellschaftlichen Eliten und den großen Gewerkschaften.

    Auch die „Agenda 2010“ war eine Reaktion darauf, dass die deutsche Industrie wegen hoher Lohnstückkosten nicht zuletzt als Folge des überhöhten Euro-Umrechnungskurses unter Druck geraten war und die Arbeitslosenzahlen rasant stiegen. Selbst die schwere Rezession im Winter 2008/09 konnte diesem Geschäftsmodell nichts anhaben. Dank der schnellen und kräftigen Erholung war der markante Produktionseinbruch nach zwei Jahren aufgeholt, und die vergangene Dekade wurde zum zweiten goldenen Jahrzehnt der deutschen Ökonomie – was freilich manch erfolgsverwöhntes Unternehmen träge und nicht wenige Manager überheblich werden ließ.

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    Und so kam es, dass nicht nur die Autoindustrie viele strategische und kommunikative Fehler machte und damit viel Kredit bei Politik und Öffentlichkeit verspielte. Der Schluss daraus sollte allerdings nicht sein, das Verarbeitende Gewerbe zu verteufeln. Ein Großteil des heutigen Wohlstands basiert auf der leistungsfähigen Industrie des Landes.

    Ohne die Wirtschaftsleistung der florierenden Industrieregionen fehlten in ganz Deutschland immense Steuer- und Beitragseinnahmen. Und diese produktiven Kerne der deutschen Volkswirtschaft sind zu groß und zu zahlreich, um sie ohne signifikante Wohlfahrtsverluste deutlich zu reduzieren, wie seit einiger Zeit empfohlen. Nicht im Rückbau, sondern in kluger Anpassung des verarbeitenden Gewerbes liegt die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland.

    Dies ändert nichts daran, dass der im internationalen Vergleich ungemein große industrielle Sektor vor gewaltigen Aufgaben steht. Die Pandemie hat zwar keine Produktionsanlagen zerstört, doch gleichwohl sind die Tage vieler Fabriken gezählt.

    Die Naturwissenschaft ist sich einig, dass der menschgemachte Klimawandel zur existenziellen Bedrohung werden wird, wenn die Kohlendioxidemissionen nicht schnell und deutlich zurückgefahren werden. Wollen Industriestaaten und Schwellenländer tatsächlich bis Mitte des Jahrhunderts weitgehend auf CO2-Emissionen verzichten, sind gigantische Investitionen erforderlich.

    Verspieltes Vertrauen

    Die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft wird das teuerste Projekt der Menschheitsgeschichte – und die Mittel für diese Investitionen, gleich ob privat oder staatlich, müssen erwirtschaftet werden. Das wird in Deutschland am ehesten mit einer leistungsfähigen Industrie möglich sein.

    In einer Demokratie kann der industrielle Bereich jedoch nicht ohne Rückhalt in Politik und Bevölkerung florieren – und dieser Rückhalt wurde von einigen Konzernleitungen in den vergangenen Jahren leichtfertig ein Stück weit verspielt. Wenn dieses verspielte Vertrauen zurückzugewonnen werden soll, müssen die Unternehmensleitungen ehrlicher, grüner, weiblicher und auch ein Stück weit menschlicher werden.

    Handelsblatt: Prof. Bert Rürup
    Der Autor

    Prof. Bert Rürup ist Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI) und Chefökonom des Handelsblatts. Er war viele Jahre Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats sowie Berater mehrerer Bundesregierungen und ausländischer Regierungen. Mehr zur Arbeit von Professor Rürup und seinem Team finden Sie unter research.handelsblatt.com.

    Die geringe Anzahl von Frauen in Führungsetagen ist ein gesellschaftliches Armutszeugnis und sorgt nicht nur bei der weiblichen Hälfte der Bevölkerung für Unverständnis. Die Beschäftigung von Zwangsarbeitern bei Tochterwerken in entlegenen Regionen der Welt muss für jedes deutsche Unternehmen ein No-Go sein.

    Denn die Verantwortung deutscher Hersteller kann sich nicht in der technischen Performance von Produktion und Produkt erschöpfen, sondern sollte auch die ökologische und soziale Verantwortung für alle Stufen der Wertschöpfungskette umfassen.

    Dies verlangt von der deutschen Politik gleichermaßen Mut und Augenmaß. Da Appelle und Selbstverpflichtungen erwiesenermaßen wenig Wirkung entfalten, muss diese Umorientierung mit Vorschriften und Gesetzen vorangetrieben werden, ohne dabei den Schutz der heimischen Industrie vor Angriffen aus China, den USA und gelegentlich auch aus Brüssel zu vergessen

    Mehr: Wenn schon Steuern steigen müssen, ist die Einkommensteuer die klügste Variante, meint Bert Rürup.

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