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Kommentar – Der Chefökonom Klimaplan der EU: Es geht nur mit der Industrie!

Der ökologische Umbau und die Alterung der Gesellschaft gefährden Deutschlands Industrie. Wir müssen jetzt umsteuern, meinen Bert Rürup und Axel Schrinner.
15.07.2021 - 16:21 Uhr Kommentieren
Alle Firmen müssten laut Cohen die Auswirkungen ihrer Aktivitäten auf das Klima messen. Quelle: imago/imagebroker
Chemiestandort Leuna

Alle Firmen müssten laut Cohen die Auswirkungen ihrer Aktivitäten auf das Klima messen.

(Foto: imago/imagebroker)

Stets war es der Welthandel, der die deutsche Volkswirtschaft in der Vergangenheit aus wirtschaftlichen Schwächephasen befreite. Deutschland, mit seiner exportorientierten Industrie, profitierte regelmäßig von einer wieder anziehenden globalen Nachfrage nach Autos, Maschinen und Chemieprodukten. Zugleich regte die wieder angesprungene Industriekonjunktur die Binnennachfrage an.

Auch im Frühjahr 2021 führte der Aufschwung im Verarbeitenden Gewerbe Deutschland aus der Corona-Rezession, während Teile des Handels und der Dienstleister noch im Lockdown feststeckten.

Nach jüngsten Daten für den Mai sind die deutschen Exporte von ihrem Vorjahrestief um fast 50 Prozent gestiegen und lagen damit nur noch geringfügig unter dem Allzeithoch vom Februar 2020. Im ersten Quartal 2021 betrug der Anteil der Exporte am deutschen Bruttoinlandsprodukt 47 Prozent, so viel wie in kaum einer anderen großen Volkswirtschaft. Letztlich basiert der Wohlstand in Deutschland auf der Leistungsfähigkeit des großen industriellen Sektors.

Der hohe Industrieanteil und die damit verbundene Exportorientierung Deutschlands sind nicht das Ergebnis bewusster Planung, sondern haben sich in den vergangenen 150 Jahren evolutionär entwickelt – stets unterstützt von der Politik, den gesellschaftlichen Eliten und nicht zuletzt den großen Gewerkschaften.

Auch die „Agenda 2010“ war eine Reaktion darauf, dass das Verarbeitende Gewerbe vor 20 Jahren wegen hoher Lohnstückkosten unter Druck geraten war und die Arbeitslosenzahlen rasant stiegen.

Gesamtwirtschaftlich goldenes Jahrzehnt

Selbst die schwere Rezession im Winter 2008/09 konnte diesem Geschäftsmodell nichts anhaben. Dank der schnellen und kräftigen Erholung war der Produktionseinbruch bereits Ende 2010 aufgeholt. Die Dynamik der deutschen Volkswirtschaft entfachte einen Sog, in dessen Folge viele qualifizierte Zuwanderer aus wirtschaftlich schwächeren EU-Staaten nach Deutschland kamen.

So stieg von 2011 bis 2020 die Bevölkerung in Deutschland um fast drei Millionen an – was einen maßgeblichen Anteil daran hatte, dass die vergangene Dekade zu einem gesamtwirtschaftlich goldenen Jahrzehnt wurde.

Der beschäftigungsintensive Aufschwung ließ die Gewinne vieler Unternehmen förmlich explodieren, zugleich stiegen die Steuer- und Beitragseinnahmen des Staates stark an. Vielen Sozialpolitikern schien kein Projekt mehr zu teuer zu sein, und so mancher Topmanager sah sich und seine Branche als unverwundbar an – ganz so, als würde dieser Aufschwung ewig währen.

Doch weit gefehlt. Heute verdunkeln gleich zwei große Schatten die Strahlkraft der deutschen Industrie: der irreversible Alterungsschub der Gesellschaft und der unumgängliche ökologische Umbau der Wirtschaft, wie er sich in den ehrgeizigen Klimazielen der EU manifestiert.

Autor Prof. Bert Rürup ist Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI) und Chefökonom des Handelsblatts. Er war viele Jahre Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats und Berater mehrerer Bundesregierungen sowie ausländischer Regierungen. Mehr zur Arbeit von Professor Rürup und seinem Team finden Sie unter research.handelsblatt.com.
Der Chefökonom

Autor Prof. Bert Rürup ist Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI) und Chefökonom des Handelsblatts. Er war viele Jahre Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats und Berater mehrerer Bundesregierungen sowie ausländischer Regierungen. Mehr zur Arbeit von Professor Rürup und seinem Team finden Sie unter research.handelsblatt.com.

Die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft wird das teuerste Projekt der Menschheitsgeschichte – und die dazu erforderlichen Mittel, ganz gleich ob privat oder staatlich, müssen erwirtschaftet werden. Dazu braucht Deutschland eine leistungsfähige Industrie, welche zugleich vom ökologischen Umbau ganz besonders betroffen sein wird.

Allein die chemische Industrie wird für eine klimaneutrale Produktion so viel Grünstrom zu wettbewerbsfähigen Preisen benötigen, wie heute insgesamt in Deutschland produziert wird.

Zudem wirken die Pläne der EU-Kommission für einen Klimazoll noch wenig ausgereift. Aus Drittländern importierte energieintensive Güter wie etwa Stahl sollen mit einem Zoll belastet werden, der dem Preis für Emissionszertifikate entspricht, die EU-Unternehmen in der Gemeinschaft zahlen müssen.

Sofern dieses System wirklich funktioniert, wird so zwar innerhalb der EU Wettbewerbsgleichheit sichergestellt. Doch für Exporteure wird es schwer, auf Drittmärkten konkurrenzfähig zu bleiben.

Überdies ist davon auszugehen, dass große Drittstaaten wie etwa China und die USA mit Gegenmaßnahmen auf die EU-Zölle reagieren werden. Für die Exportnation Deutschland steht also viel auf dem Spiel.

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Überdies ist die wichtigste deutsche Industrie mit dem weitreichendsten Umbruch ihrer Geschichte konfrontiert: dem Ende des Verbrennungsmotors. All das, was deutsche Autos heute auszeichnet und diese Branche zur Schlüsselindustrie Deutschlands werden ließ, steht zur Disposition – und zwar schon sehr bald.

Da Autos bis zu 20 Jahre von der Erstzulassung bis zur Verschrottung gefahren werden, dürfte auf dem Weg zur angestrebten Klimaneutralität schon bald kein Verbrennungsmotor mehr neu zugelassen werden.

Um das zu erreichen, müssen Angebot und Nachfrage stimmen: ausreichender Ökostrom aus einer flächendeckend verfügbaren Ladeinfrastruktur einerseits und die Akzeptanz durch Kunden, für die das Auto immer weniger zum Prestigeobjekt wird, andererseits.

Gewiss ist, dass viele industrielle Arbeitsplätze wegfallen werden, bei den Autobauern selbst und noch mehr bei ihren Zulieferern. Allein bei Continental stehen in Deutschland in den kommenden zehn Jahren 13.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Noch härter trifft es kleinere Zulieferer, etwa Gießereien und Maschinenbauer. Alternative Mobilitätskonzepte werden zwar auch neue Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen. Höchst fraglich ist aber, ob sich die neuen Produkte auch so gut wie Autos exportieren lassen.

Größte Umwälzungen in der Geschichte der Automobilindustrie. Quelle: dpa
VW-Produktion in Dresden

Größte Umwälzungen in der Geschichte der Automobilindustrie.

(Foto: dpa)

Zudem werden in vielen Büros und Betrieben die schon bald in Rente gehenden Babyboomer durch Angehörige einer zahlenmäßig deutlich schwächeren Generation ersetzt werden. Trotz der Corona-Pandemie wies die Bundesagentur für Arbeit (BA) in ihrer Fachkräfte-Engpassanalyse für 2020 immerhin für 30 Prozent der Berufsgattungen Fachkräfteengpässe aus.

Bei den Spezialisten betrug der Anteil 26 und bei den Experten 21 Prozent. Die BA mahnte, die Entspannung im Vergleich zu den Vorjahren dürfte im Wesentlichen Corona geschuldet sein. „Sobald die Pandemie unter Kontrolle gebracht ist, könnte bei anziehender Konjunktur der Trend knapper werdender Fachkräfte wieder sichtbar werden.“

Verschärft wird diese Entwicklung, da Deutschland bei Zuwanderern an Anziehungskraft eingebüßt hat – und zwar nicht in erster Linie wegen der Pandemie. Bereits das fünfte Jahr in Folge war die Nettozuwanderung rückläufig. Im vergangenen Jahr sind nur noch 220.000 Personen mehr nach Deutschland zugezogen als die Bundesrepublik verlassen haben – im Vergleich zu fast 330.000 im Jahr 2019.

Einerseits dürfte also eine große Anzahl von Automobil-Fachkräften in den Vorruhestand geschickt werden. Andererseits werden in anderen Branchen, etwa in der Umwelttechnik, der Energiewirtschaft und der Pflege, Fachkräfte immer knapper und damit teurer werden.

Neben steigenden Löhnen dürften perspektivisch steigende Sozialabgaben die Arbeitskosten zusätzlich verteuern. Hohe Strompreise, wachsende Lohnkosten und Fachkräftemangel könnten daher für viele Unternehmen zu triftigen Gründen werden, um über Produktionsverlagerungen nachzudenken.

Das Risiko einer schleichenden Deindustrialisierung ist also real. „Die Gefahr, dass wir Wachstum und unseren Wohlstand gefährden, ist groß“, stellt die Wirtschaftsweise Veronika Grimm fest. „Aber eben nur, wenn wir die Chance verpassen, die für unsere Wirtschaft im Klimaschutz liegt.“

Deutschland müsse bei den Technologien schnell sein. Dazu gehöre auch, „pragmatische Transformationspfade“ zu wählen. „Wenn wir alles gleich 100-prozentig grün machen wollen, sind wir vermutlich nicht schnell genug.“

Die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft wird das teuerste Projekt der Menschheitsgeschichte.

Einen Königsweg für einen klugen Dreiklang aus Ökonomie, Ökologie und einem gleichermaßen leistungsfähigen und finanzierbaren Sozialsystem gibt es freilich nicht. Die nächste Regierung muss ihr Augenmerk auf die für den Zusammenhalt der Gesellschaft und den Wohlstand in Deutschland wirklich entscheidenden Aufgaben lenken.

Gesucht ist ein Mix aus moderaten sozialstaatlichen Leistungsanpassungen, einem ergiebigen und stärker wachstumsorientierten Steuersystem, einem Abbau von Subventionen, einem Lockern von Beschäftigungsbremsen, einer Anregung qualifizierter Zuwanderung sowie realistischen und technologieoffenen Klimaschutzvorgaben.

70 Jahre wachsender Wohlstand in Deutschland wären ohne kluge und mutige Unternehmer und eine wettbewerbsfähige Industrie undenkbar gewesen. Daher sollte jedem Politiker unabhängig von der Farbe des Parteibuchs klar sein, dass die großen politischen und gesellschaftlichen Aufgaben der kommenden Dekaden nur mit und keinesfalls ohne einen starken industriellen Sektor lösbar sind. Das sollten alle Parteien anerkennen, die bereit sind, politische Verantwortung für das Land zu übernehmen.

Mehr: Die nächste Regierung erwartet ein Neustart in Fesseln

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