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Kommentar Der Erfolg von Varta zeigt: Die deutsche Großindustrie braucht mehr Selbstvertrauen

Die deutsche Großindustrie hat sich lange nicht an die Batterietechnologie herangetraut. Mittelständler wie Varta zeigen, dass mehr möglich ist.
17.01.2020 - 08:31 Uhr 1 Kommentar
Inzwischen ist der Konzern auch in die Unterhaltungselektronik eingedrungen. Quelle: dpa
Varta

Inzwischen ist der Konzern auch in die Unterhaltungselektronik eingedrungen.

(Foto: dpa)

Es besteht heute weitgehend Einigkeit darüber: Vor über 20 Jahren war es keine besonders glückliche strategische Entscheidung der deutschen Industrie, sich aus der Batterietechnologie weitgehend zurückzuziehen. Auch die Unternehmerfamilie Quandt hatte ihrem einstigen Herzstück Varta damals keine große Zukunft mehr gegeben.

Die Entwicklung der Überreste dieses Unternehmens zeigt uns heute, was in der deutschen und europäischen Batterietechnik aber doch noch möglich ist. Varta war einst der Inbegriff deutscher Akku-Technik.

Die Aggregate des 1887 im westfälischen Hagen gegründeten Unternehmens waren bei der Eroberung des Nordpols dabei, trieben im Zweiten Weltkrieg deutsche U-Boote an und – vielleicht etwas weniger verfänglich – halfen nach dem Krieg den Apollo-Missionen auf den Mond.

Aber das Geschäft wurde 2002 zerschlagen. Die Varta-Autobatterien gingen an den US-Konzern Johnson Controls und die Haushaltsbatterien an Spectrum Brands. Die moderne Batterietechnik und der spätere Trend zu Lithium-Ionen-Batterien wurden den außereuropäischen Wettbewerbern überlassen.

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    2007 übernahm der österreichische Industrielle Michael Tojner den letzten Teil mit dem Ellwanger Werk für Kleinstbatterien von den Quandts und der Deutschen Bank. In mittelständischer Obhut entwickelte sich der kleinste Teil der ehemaligen Varta, die Microbatterien, erstaunlich.

    Mit ausgefeilter Fertigungstechnologie und am Ende überlegenen Zellen gelang es, die Weltmarktführung bei Batterien für Hörgeräte zu erobern. Zumindest für dieses Segment bewies das schwäbische Unternehmen, dass es möglich ist, die Vorherrschaft asiatischer Hersteller zu durchbrechen. Der Clou: Varta beherrscht nicht nur die Zellchemie und die Prozesstechnik, sondern baut auch die Maschinen für die Produktion selbst.

    Zweistellige Wachstumsraten

    Inzwischen ist Varta auch in die asiatische Domäne Unterhaltungselektronik eingedrungen. Denn die Batterien erweisen sich bei den boomenden schnurlosen Headsets als überlegen. Dieses Jahr will Varta eine Lithium-Ionen-Zelle mit einer 15 Prozent höheren Energiedichte auf den Markt bringen.

    Bei jährlich zweistelligen Wachstumsraten liegt der Umsatz des hochprofitablen Unternehmens inzwischen jenseits der 300 Millionen Euro. Sicher, das sind Dimensionen, bei denen deutsche Großkonzerne nicht einmal zucken.

    Aber Varta-Chef Herbert Schein behauptet felsenfest, dass sein Fertigungs-Know-how auch auf große Aggregate für Elektroautos übertragbar sei. Nun weiß der Varta-Chef sicher, dass eine Fabrik für Antriebsbatterien mit einem Investment von einer Milliarde Euro dann doch ein paar Hausnummern zu groß ist. Aber beim europäischen Konsortium für eine große Zellfabrik ist zumindest Vartas Fertigungs-Know-how gefragt.

    Was lehrt uns das Beispiel Varta? Hätte vor zehn Jahren einer der großen, kapitalkräftigen Konzerne auch nur halb so fest an die Lithium-Ionen-Technologie geglaubt wie die kleine Varta, hätten wir heute nicht das Problem, dass der deutschen Autoindustrie beim E-Auto der Zugriff auf die größte Komponente Batterie fehlt.

    Bosch wollte diesen kollektiven Strategiefehler der deutschen Industrie ausgleichen, zuckte nach gründlicher Prüfung aber im Februar 2018 zurück. Auch weil der innere Anspruch, mittelfristig auf Weltmarktposition drei zu kommen, ein Investment von 20 Milliarden Euro erfordert hätte. Risiken lassen sich nicht wegsubventionieren, bleibt die feste Überzeugung der Bosch-Spitze.

    Mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten

    Es bedurfte dann doch einer Milliardensubvention der Politik, um da Bewegung hineinzubringen. Klar ist: Beim heiklen Thema Autoantriebsbatterie darf die deutsche Industrie den asiatischen Herstellern nicht völlig ausgeliefert sein. Dieses Minimalziel ist erreichbar. Denn die Nachfrage wird so groß sein, dass die Batterien sicher auch Abnehmer finden.

    Dazu aber ist mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten nötig. Allen muss klar sein, dass sich mit heimischer Prozesstechnologie einiges machen lässt. Bei der Vielfalt der Batterie-Auslegungen kann dieses Know-how noch sehr wichtig werden.

    Und da gibt es nicht nur Varta. Der Laserspezialist Trumpf hat ein einzigartiges Verfahren zum Kupferschweißen entwickelt. Der Anlagenbauer Manz ist zwar an der Börse ungeliebt, weil er immer wieder seine Prognosen verfehlt. Aber die Firma stürzt sich mutig mit chinesischen Partnern in den Bau von Batteriefabriken.

    Man darf sicher nicht erwarten, dass sich mit europäischer Förderung ein Milliardenkonzern aus dem Boden stampfen lässt, der binnen weniger Jahre in die Topliga der Batteriegiganten wie Panasonic, CATL, BYD oder LG aufsteigt.

    Aber mit dem europäischen Batterieprojekt können die deutschen Mittelständler jetzt ihr Know-how auch in ein heimisches Projekt einfließen lassen. Dank ihrer besteht die Chance, in Deutschland und Europa zumindest ein Stück weit die verpasste Entwicklung in der Batterietechnik wieder aufzuholen.

    Mehr: Die Nachfrage nach Lithium-Ionen-Batterien boomt: Der Batteriehersteller aus Ellwangen will seine Produktionskapazitäten schon wieder aufstocken. Die Anleger greifen zu.

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    1 Kommentar zu "Kommentar: Der Erfolg von Varta zeigt: Die deutsche Großindustrie braucht mehr Selbstvertrauen"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Europa hat in den letzten zehn Jahren so einige Trends und Entwicklungen verpennt...
      Nun will man sich mühseelig noch ein Stück vom Kuchen ab haben. Das wird aber nichts an der Tatsache ändern, dass der Löwenanteil in China bleiben wird.
      Wenn Europa sich in seinem Investitionsverhalten nicht fundamental wandelt, wird man wirtschaftlich hinter Amerika und China in der Bedeutungslosigkeit versinken.

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