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Kommentar Der Fall Boeing zeigt: US-Konzernchefs besitzen zu viel Macht

Chef und Chefaufseher zugleich, für Boeing wird diese Allmacht von CEO Dennis Muilenburg zum Problem. Es ist Symptom der US-Unternehmenskultur.
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Er kann nicht weiter in Personalunion als Boeing-CEO und -Chairman herrschen. Quelle: AP
Dennis Muilenburg

Er kann nicht weiter in Personalunion als Boeing-CEO und -Chairman herrschen.

(Foto: AP)

Boeing ist „too big to fail“. Soll heißen: Neben Airbus wird ein anderer großer Flugzeugbauer gebraucht, damit kein Monopol am Markt entsteht. Dennoch muss das aktuelle Desaster bei dem US-Luftfahrtkonzern Konsequenzen haben.

Es hat sich mittlerweile herausgestellt, dass Boeing nicht nur ein Softwareproblem hat, sondern die Fehler tief in der Kultur verankert sind. Diese Kultur muss sich ändern – und das fängt ganz oben an. Dennis Muilenburg kann nicht weiter in Personalunion als CEO und Chairman herrschen.

Es ist eine amerikanische Besonderheit in der Corporate Governance: In vielen Unternehmen sind die Vorstandsvorsitzenden gleichzeitig auch Chairman of the Board – sie kontrollieren sich im Verwaltungsrat also im Prinzip selbst.

Dadurch können die CEOs ohne große Diskussionen straff durchregieren – vor allem dann, wenn der Rest des Boards auch noch mit Leuten besetzt ist, die dem Chef gewogen sind. Dazu darf der CEO im Board auch noch über sein eigenes Gehalt bestimmen. Es ist ein institutionell verankerter Interessenkonflikt.

Die US-typische Regelung bringt regelmäßig Chefs hervor, die in ihrer Allmacht die Probleme nicht mehr wahrnehmen. Wenn die Personen an der Spitze kaum noch Widerspruch, geschweige denn echte Kontrolle erfahren, heben sie ab und machen Fehler.

Das hat zuletzt das Beispiel von Tesla gezeigt. Elon Musk hatte sein Board zum Teil mit Verwandten besetzt, sodass von Kontrolle gar nicht mehr gesprochen werden konnte. Erst nach einer Klage der Börsenaufsicht SEC musste Musk seinen Chairman-Posten aufgeben und sich verpflichten, den Board mit mehr unabhängigen Personen zu besetzen.

Auch bei den letzten zwei Allmachtskrisen bei dem Mischkonzern General Electric, die erst Jack Welch und dann Jeffrey Immelt den Posten kosteten, saßen die Chefs stets auf beiden Stühlen. Fehlende Kontrolle an der Spitze führten zu Fehlentscheidungen und Missmanagement und brachten den Konzern beide Male in eine schwere Krise. Konsequenzen hat der Siemens-Rivale daraus leider bisher nicht gezogen. Auch der amtierende GE-CEO Larry Culp darf allein regieren.

Bei Boeing haben einige Aktionäre diese Woche versucht, CEO Muilenburg zumindest seinen Chairman-Posten zu entziehen. Allerdings ohne Erfolg. Dabei hätten Boeing und sein Chef den Weckruf dringend gebraucht. So wie die Führung des Unternehmens mit der Krise umgeht, werden die Zweifel an der Kultur der Firma und an der Sicherheit der Maschinen nur noch stärker.

Zunächst hüllte sich das Management in Schweigen. Dann wartete es mit vorgefertigten Videobotschaften auf. Und schließlich, als Muilenburg auf der Hauptversammlung am Montag die direkte Konfrontation nicht vermeiden konnte, hielt er die Pressekonferenz so kurz wie möglich und ging kaum auf die gestellten Fragen ein.

Gleichzeitig berichten immer mehr Whistleblower über eine Kultur bei Boeing, in der Warnungen ignoriert wurden, um die Ziele von oben zu erfüllen. Mitarbeiter, die Missstände in der Produktion meldeten, wurden offenbar zum Schweigen gebracht, indem sie versetzt wurden oder mehr oder weniger freiwillig in Rente gingen.

Dabei gibt es auch hier einen Fehler im System: Whistleblower können sich zwar an einen Auditausschuss wenden, der mit externen Boardmitgliedern besetzt werden muss. Aber der Ausschuss ist dem Board unterstellt und damit direkt dem CEO.

Es ist stets dem Verhalten eines CEOs geschuldet, wenn sich in Unternehmen eine Kultur von Jasagern ausbreitet. Mit der Besetzung des Chairman-Postens in Personalunion hat Muilenburg schon ganz oben einen ersten potenziellen Neinsager ausgeschaltet.

In seinem Board sitzen viele Vertreter mit Erfahrung in der Finanzbranche und der Politik – seit dieser Woche auch die ehemalige US-Botschafterin in der Uno, Nikki Haley. Aber bis auf den Ex-Continental-Chef gibt es erstaunlich wenige Mitglieder mit Erfahrung in der Luftfahrt. Da ist nicht viel fachlicher Widerstand zu erwarten.

Boeing ist für die USA mehr als nur ein Unternehmen. Boeing steht wie kaum ein anderes Unternehmen für „made in America“. Der Konzern sichert hochqualifizierte Arbeitsplätze vor Ort. Sein Erfolg ist auch eine Frage des Nationalstolzes.

Aber Boeing stellt keine Spielzeuge und auch keine Apps her, bei denen man sich allein um die Privatsphäre sorgt. Hier geht es um Flugzeuge, die Millionen Menschen jeden Tag besteigen, und damit um Menschenleben. Da gibt es keinen Platz für Schlampereien oder persönliche Eitelkeiten.

Muilenburg kann auf die Krise nicht antworten, indem er wegen der vielen Klagen die Rechtsabteilung stärkt und sich weiter einigelt. Wenn er Boeing und nicht nur seine Posten retten will, muss er die Kultur im Unternehmen verändern und seine Posten zur Disposition stellen. Über allem muss stehen, dass Boeing sichere Produkte baut. Ein weiterer Unfall wäre nicht nur eine weitere menschliche Tragödie. Es wäre auch ein enormer Schaden für Boeing.

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