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Kommentar Der Flächentarif gehört abgespeckt

Der Flächentarif in der Metall- und Elektroindustrie ist mit so vielen teuren Extras gespickt, dass er Arbeitgeber abschreckt. Das sollte sich ändern.
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Unter den in einem Metallarbeitgeberverband organisierten Unternehmen stellen mittlerweile jene ohne Tarifbindung die Mehrheit. Quelle: imago/photothek
Metallgießerei

Unter den in einem Metallarbeitgeberverband organisierten Unternehmen stellen mittlerweile jene ohne Tarifbindung die Mehrheit.

(Foto: imago/photothek)

Stellen Sie sich vor, Sie wollen ein Auto kaufen, weil es als besonders bequem und sicher gilt. „Schön“, sagt der Händler, „aber Sie bekommen den Wagen nur, wenn Sie auch noch die Klimaanlage, das Soundsystem und den Wohnwagen dazunehmen.“ All das treibt den Preis – und am Ende bleibt das schöne Auto womöglich im Schaufenster stehen.

Wie dem Autokäufer geht es den Arbeitgebern der deutschen Metall- und Elektroindustrie. Der Wagen, das ist der Flächentarif, den die Unternehmen schätzen. Denn er bringt ihnen über die Laufzeit Schutz vor Streiks und Planungssicherheit. Doch ist der Metalltarif mittlerweile so mit kostspieligen und komplizierten Extras gespickt, dass er viele Arbeitgeber abschreckt.

Wenn die IG Metall immer noch mehr draufpacken wolle, warnt Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger ganz unverhohlen, dann werde der Flächentarif zum Ladenhüter. In Wahrheit ist er das längst. Unter den in einem Metallarbeitgeberverband organisierten Unternehmen stellen mittlerweile jene ohne Tarifbindung die Mehrheit. In der Gesamtwirtschaft ist nur noch jeder vierte Betrieb einem Flächen- oder Branchentarif unterworfen, von den Beschäftigten nicht mal jeder zweite.

Die Gründe für die Unbeliebtheit des Flächentarifs

Für die Erosion gibt es viele Gründe. Gesamtmetall macht es den Unternehmen mit der sogenannten OT-Mitgliedschaft leicht, Service- und Beratungsleistungen eines Arbeitgeberverbands zu genießen, ohne sich an den Tarif binden zu müssen. In anderen Branchen wie der Systemgastronomie gibt es diesen Luxus nicht.

Auch die zunehmende Arbeitsteilung und Auslagerungen haben den Flächentarif geschwächt: Die Logistik in Autowerken fiel aus dem Metalltarif, die Luftsicherheit an den Flughäfen mit der Privatisierung aus dem des öffentlichen Dienstes. Hinzu kommen hausgemachte Probleme: Im Einzelhandelstarif spiegelt sich etwa die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten bis heute nicht wider. Weil die überfällige Modernisierung seit Jahren nicht gelingt, haben namhafte Einzelhändler den Branchentarif verlassen. In der Pflege gibt es noch immer keinen flächendeckenden Tarifvertrag, weil private, gemeinnützige und kirchliche Träger ihren eigenen Weg gehen und nur ein Bruchteil der Pflegekräfte Mitglied einer Gewerkschaft ist.

Doch gibt es auch Gegenbeispiele: In der chemischen Industrie, wo Arbeitgeber und Gewerkschaft eine auf Ausgleich bedachte Sozialpartnerschaft pflegen, in der Bauwirtschaft oder im öffentlichen Dienst ist die Akzeptanz des Flächentarifs weiter überdurchschnittlich hoch. Denn er bietet unbestreitbare Vorteile für beide Seiten: Die Beschäftigten profitieren in der Regel von höheren Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen als in nicht tarifgebundenen Unternehmen.

Den Betrieben bringt der Flächentarif Zeit- und Kostenersparnis, weil der Arbeitgeber nicht mit jedem einzelnen Beschäftigten die Arbeitsbedingungen aushandeln muss. Und Ruhe, weil während der Laufzeit Streiks verboten sind. Je mehr Unternehmen dem Flächentarif unterworfen sind, desto sicherer kann die hoch arbeitsteilige Wirtschaft produzieren. Denn wenn zwar der Autokonzern dem Flächentarif unterliegt, seine Zulieferer aber nicht, können Streiks dort zu teuren Unterbrechungen der eng getakteten Lieferkette führen.

Was also ist zu tun, um den Flächentarif vor dem Aussterben zu bewahren und ihn wieder zu stärken?

Der von der Politik eingeschlagene Weg, die Hürden für die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen weiter zu senken, ist sicher nicht der richtige. Das Grundgesetz schützt die Koalitionsfreiheit im doppelten Sinne: als Recht, sich in Gewerkschaften und Verbänden zusammenzuschließen – aber eben auch, ihnen fernzubleiben. Die staatlich verordnete Flächendeckung eines Tarifvertrags stärkt nicht die Tarifautonomie, sondern höhlt sie aus.

Tarifbaukasten hat ausgedient

Auch das von den Arbeitgebern jetzt propagierte System des Tarifbaukastens, aus dem sich die Unternehmen die für sie passenden Teile heraussuchen, ist nicht Erfolg versprechend für die Stärkung des Flächentarifs. Denn das Gros der nicht tarifgebundenen Unternehmen orientiert sich ja schon heute am Branchentarif und übernimmt einzelne Bestandteile. Keine Gewerkschaft wird dabei mitmachen, solche „Rosinenpicker“ künftig als tarifgebundene Unternehmen zu zählen, wie es Dulger vorschlägt. Denn von einem Flächentarif kann kaum noch die Rede sein, wenn die Regeln von Betrieb zu Betrieb ganz anders ausfallen – beim Entgelt, bei der Wochenarbeitszeit oder bei Zuschlägen. Die Gewerkschaft müsste dieser Zersplitterung der Tariflandschaft sogar tatenlos zusehen, weil ihr während der Laufzeit des Tarifvertrags die Hände gebunden wären.

Die beste Überlebensgarantie für den Flächentarif ist, ihn abzuspecken und auf Mindestarbeitsbedingungen zu reduzieren. Die Extras sind dann Sache der Betriebsparteien. Dazu gehören Arbeitgeberverbände, die Tarifflucht nicht begünstigen, und Gewerkschaften, die den Bogen nicht überspannen. Das Produkt muss überzeugen, damit es Abnehmer findet. Das gilt beim Autokauf wie am Tariftisch.

Mehr: Arbeitgeber und IG Metall verhandeln zum letzten Mal über die Ost-West-Angleichung der Arbeitszeit. Ob ein Durchbruch gelingt, ist allerdings offen.

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