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Kommentar Der Frühindikator Börse funktioniert – bis jetzt

Welche Risiken mit Brexit, Trump oder Rezession auch immer drohen: Anleger spekulieren darauf, dass die großen Krisen ausfallen und liegen damit bisher richtig.
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Börse: Der Frühindikator funktioniert Quelle: dpa
Börse Frankfurt

Seit Januar steigt der Dax, bis heute um 25 Prozent.

(Foto: dpa)

Als der Dax 2018 fast ein Fünftel verloren hatte, schien sich Börsengeschichte zu wiederholen. Anleger stellten sich die bange Frage: Droht 2019 ein neues 2008?

Vor gut einem Jahrzehnt fiel die Weltwirtschaft nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Großbank Lehman in eine Art Schockstarre. Firmen stornierten kurzerhand Aufträge in der Erwartung, dass sie keine Abnehmer mehr finden würden.

Prognostizierte Firmengewinne drehten in tiefrote Zahlen. Deutschlands Wirtschaft rutschte 2009 mit einem negativen Wachstum von 5,6 Prozent in die schwerste Rezession seiner Nachkriegsgeschichte. Die Folge: Der Leitindex Dax verlor damals in den 15 Monaten bis zum Frühjahr 2009 über 50 Prozent. Aktien von Unternehmen wie BASF waren für 20 Euro zu haben, was einen Kurssturz von 60 Prozent bedeutete.

Dies schien sich 2019 zu wiederholen. Nicht weil Banken pleitegehen, sondern weil der zehnjährige Aufschwung überreif war, ein möglicherweise ungeordneter Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union die heimische Wirtschaft in den Abgrund zu ziehen drohte und weil Amerikas Präsident beinahe täglich mit neuen Attacken den freien Welthandel und den Siegeszug der Globalisierung mit Protektionismus und Zöllen infrage stellte. Von alldem am stärksten bedroht schienen Deutschlands exportstarke Unternehmen im Dax, die im Schnitt drei Viertel ihrer Umsätze im Ausland erzielen.

Es kam anders. Anfangs nur an der Börse. Seit Januar steigt der Dax, bis heute um 25 Prozent. Allen Brexit- und Trump-Sorgen zum Trotz setzt die Börse unbeirrt darauf, dass alles nicht so schlimm kommt wie befürchtet.

Ebenso wie die Finanzmärkte schon damals, kurz nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten, auf steigende anstatt fallende Kurse gesetzt hatten, spekulierte die Mehrheit der Investoren auch in diesem Jahr frühzeitig auf ein Ausbleiben der großen Krisen. Und sie behielt recht – bis jetzt.

Frühzeitig setzte sich an der Börse die Meinung durch, dass Trump seine Wiederwahl 2020 wichtiger ist als seine Worte von gestern. Deshalb forderte er von der Notenbank entgegen seinen Forderungen im Wahlkampf nicht höhere, sondern niedrigere Zinsen. Das beflügelt die Kurse, weil es mangels Zinsen keine wirkliche Alternative zu Aktien gibt.

Und deshalb geht Trump jetzt auf die lange Zeit von ihm gescholtenen Europäer und Chinesen zu, indem er angekündigte Zölle verschiebt und aussetzt und bei all diesen Rochaden auf sein Verhandlungsgeschick hofft. Die Öffentlichkeit mag es Populismus nennen, doch die Börse dankt Trumps Einsicht mit steigenden Kursen, weil so die einst befürchtete Weltrezession ausbleibt.

Wahr ist aber auch: Der bereits 2018 in der Automobilindustrie begonnene Abschwung verschärft sich zwar nicht. Aber er mündet auch nicht in einen neuen Boom, wie es die immer weiter steigenden Kurse in Deutschland und die Allzeithochs der Börsen an der Wall Street vielleicht vermitteln.

BASF spürt wie Seismograf, ob die Wirtschaft wächst

Das zeigt sich an Unternehmen wie BASF. Der weltgrößte Chemieproduzent beliefert mit seinen Grundprodukten fast alle Industriebranchen und spürt deshalb wie ein Seismograf, ob die Wirtschaft künftig wächst oder nicht. Daran gemessen sind allzu große Hoffnungen nicht angebracht. 

An seiner im Juli für einen Dax-Konzern ungewöhnlich drastisch gekappten Prognose, wonach der operative Gewinn in diesem Jahr um bis zu 30 Prozent niedriger ausfallen werde als 2018, hält BASF-Chef Martin Brudermüller fest. Hoffnungen auf bessere Zeiten verbreitet er ebenso wenig wie die zwei Schlüsselbranchen Chemie und Maschinenbau. Beide haben in diesem Jahr mehrfach ihre Erwartungen gesenkt, beide rechnen mit Produktionsrückgängen im Gesamtjahr, und beide sehen keine Signale für eine Trendwende.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass es für einen Crash wie 2008 als Vorahnung schlechter Zeiten diesmal keine Gründe gibt. Deshalb blieb 2019 der Crash aus. Anstelle einer Mega-Rezession schlittern Deutschland und seine Unternehmen eher in einen Miniabschwung – aber auch ohne sofortigen neuen Boom.

Dafür fehlt es an der Nachfrage. Zudem schlägt die Strukturkrise in der Automobilindustrie mit dem abrupten Wandel zur Elektromobilität, worunter vor allem die vielen Zulieferer leiden, voll durch und wird lange wirken.

Diese Lage rechtfertigt keine neuen Höchstkurse, von denen der Dax angesichts seiner rasanten Rally in diesem Jahr nur noch knapp fünf Prozent entfernt ist. Wer heute Aktien kauft, spekuliert bereits auf übermorgen und einen neuen Aufschwung.

Dieser wird nach den üblichen Gesetzmäßigkeiten des Auf und Ab der Wirtschaft zwar irgendwann kommen, ist aber vorerst nicht in Sicht. Gut möglich, dass die Börse diesmal die Zukunft ein wenig zu früh vorweggenommen hat und 2020 ähnlich gegensteuern wird wie 2019.

Dann aber mit sinkenden Kursen, weil Anleger diesmal etwas zu optimistisch und damit so voreilig waren wie 2018, als sie allzu schnell auf Rezession gesetzt hatten.

Mehr: Krise? Von wegen. Die meisten Unternehmen überraschen im dritten Quartal positiv.

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