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Kommentar Der Handel braucht dringend einen Plan B

Die Coronakrise zeigt die Nachteile der schlanken Beschaffungswege auf. Produkte können nicht mehr zu billig angeboten werden – das müssen Kunden verstehen.
14.04.2020 - 15:41 Uhr Kommentieren
Auf die kurzfristig überhöhte Nachfrage konnte die Logistik der Händler nicht flexibel genug reagieren. Quelle: Imago
Lücken im Regal

Auf die kurzfristig überhöhte Nachfrage konnte die Logistik der Händler nicht flexibel genug reagieren.

(Foto: Imago)

Über Jahre hat der Handel überaus erfolgreich daran gearbeitet, seine Lieferketten bis ins kleinste Detail zu optimieren und zu perfektionieren. Im Onlinehandel ist dieses Prinzip geradezu auf die Spitze getrieben worden.

Viele Händler haben nie eine eigene Logistik aufgebaut. Sie haben nur ein Sortiment kuratiert und vermarktet, das andere produziert, gelagert, sortiert und zum Kunden gebracht haben. Die Händler verlassen sich völlig darauf, dass alle Glieder in dieser Kette funktionieren. Fällt aber auch nur ein Partner aus oder ist einer der Lieferwege versperrt, bricht alles zusammen.

In der Coronakrise hat die perfekte Logistikkette eine paradoxe Wirkung: Weil die stationären Geschäfte schließen mussten, galt der Onlinehandel als der große Gewinner. Weit gefehlt! Etliche Onlinehändler meldeten einen Umsatzeinbruch. Sie konnten nicht mehr liefern. Manche von ihnen bezogen ihre Waren ausschließlich aus China und hatten praktisch keine Zwischenlager auf dem Weg nach Europa. Schlagartig fehlte der Nachschub. Andere Onlinehändler verkauften nur über Amazon und hatten sich voll und ganz auf die Logistik des US-Riesen verlassen.

Amazon nahm aber vorübergehend in seinen Umschlaglagern nur noch bestimmte Waren an, die in der Krise besonders gefragt sind, wie Lebensmittel, Hygieneprodukte oder Bastelartikel. Kurios ist die Situation auch im Lebensmittelhandel. Die Geschäfte dürfen geöffnet bleiben, die Nachfrage ist riesig, die Produkte sind vorhanden. Doch die Händler schaffen es nicht, die Ware rechtzeitig an den richtigen Ort zu bringen.

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    Die Logistikprozesse sind abgestimmt und eingespielt, die Steuerung des Nachschubs ist über einen weiten Teil des Sortiments automatisiert, bis hin zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz – aber alles ist eben auf den Normalfall ausgerichtet. Ziel war es schließlich, die Preise im knallharten Konkurrenzkampf niedrig zu halten. Da half jeder Euro, der in der Logistik eingespart werden konnte.

    Corona hat alles durcheinandergebracht. Plötzlich wurden Waren wie Schutzhandschuhe in Mengen weit über dem Normalgeschäft nachgefragt. Darauf konnte die Logistik der Händler nicht flexibel genug reagieren. So entstanden Lücken im Regal, selbst bei so simplen Produkten wie Toilettenpapier.

    Das Lager ist in die Filialen verlagert worden

    Ganz arg trifft es die sogenannten Fast-Fashion-Unternehmen. Alle paar Wochen wechselt die Kollektion, der Kunde ist dazu erzogen worden, dass er ständig neue Artikel erwartet und dass er die Kleidung nicht mehr lange trägt, sondern immer wieder durch preiswerten Nachschub ersetzt. Der Vorteil für die Händler: Das Lager ist weitgehend in die Filialen verlagert worden. Der permanente Strom von neuen Artikeln kommt direkt aus den Produktionsländern.

    Doch wenn die Geschäfte für einige Wochen geschlossen sind, führt dieses Geschäftsmodell zu Massen an praktisch unverkäuflicher Ware – und dann zu schlagartiger Arbeitslosigkeit unter den Näherinnen in Produktionsländern wie Bangladesch.

    Was diese Fälle eint: Den Händlern fehlt der Plan B; Krisen wie der Ausbruch einer weltweiten Pandemie waren im System nicht vorgesehen. Die Verbreitung des Coronavirus ist für viele Händler ein Weckruf der ganz dramatischen Art. Klar ist auch, dass es gar nicht mal Krisen in diesem gigantischen Ausmaß braucht, um die auf Schönwetter eingestellte Warenlogistik ins Wanken zu bringen. Dazu kommt: Es gibt viele Entwicklungen, die Störungen in den Handelsketten in Zukunft eher wahrscheinlich machen.

    So werden Naturkatastrophen häufiger, und globale Handelskonflikte belasten zunehmend die Geschäftsbeziehungen mit den Lieferanten im Ausland. Doch wenn Händler ihre Lieferketten widerstandsfähiger machen wollen, kommen sie in ein Dilemma: Redundanz und zusätzliche Flexibilität kosten Geld und erhöhen damit insgesamt die Kosten.

    Zwei Strategien sind in Zukunft möglich. Händler, die auf Nummer sicher gehen wollen, werden nicht mehr jeden Kampfpreis mitgehen und auf das eine oder andere Geschäft verzichten. Vorteil: Das Geschäftsmodell wird langfristiger und nachhaltiger.

    Unternehmer, die dagegen weiterhin auf Risiko spielen, wissen spätestens jetzt, dass sie die Vorzüge ihres Geschäftsmodells in Krisenzeiten im besten Fall mit unzufriedenen Kunden, im schlimmsten Fall mit der Insolvenz bezahlen.

    Wie auch immer sich die einzelnen Händler entscheiden – die Kunden werden akzeptieren müssen, dass viele Produkte nicht mehr zu den heute üblichen Niedrigstpreisen angeboten werden können, wenn die Versorgungssicherheit jederzeit gewährleistet sein soll.

    Das wird auch eine große Herausforderung für die Kommunikation der Händler mit ihren Kunden werden, damit die Erfahrungen aus der aktuellen Krise nicht zu schnell verblassen. Und auch die Politik sollte sich genau überlegen, ob sie künftig noch Unternehmen im Krisenfall unterstützt, die des schnellen Geschäfts wegen den Plan B vernachlässigt haben.

    Mehr: Wirtschaftsweise Grimm: „Wir werden internationalen Lieferketten weniger vertrauen“

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