Kommentar Der Jubel über die Opel-Sanierung ist verfrüht

Ein Jahr nach der Übernahme durch PSA schreibt der deutsche Autobauer Gewinne. Doch gibt es zu viele Baustellen, um in Lob zu verfallen.
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Vor einem Jahr kaufte PSA von GM für 1,3 Milliarden Euro den größten Sanierungsfall in der europäischen Automobilindustrie. Quelle: dpa
Opel-Chef Michael Lohscheller (rechts) mit PSA-Chef Carlos Tavares

Vor einem Jahr kaufte PSA von GM für 1,3 Milliarden Euro den größten Sanierungsfall in der europäischen Automobilindustrie.

(Foto: dpa)

Die Analysten sind sich einig. Opel sei „aus der Asche wiederauferstanden“. Die erzielten Resultate wären „bombastisch“. Der französische Mutterkonzern PSA (Peugeot Citroën) habe die strukturell defizitäre Rüsselsheimer Traditionsfirma binnen eines Jahres „in Ordnung gebracht“. Unter dem Dach von PSA, so die einhellige Meinung, gelang bei Opel das, was General Motors (GM) beinahe zwei Jahrzehnte hindurch misslang: Gewinne schreiben.

Am 1. August 2017, also genau vor einem Jahr, kaufte PSA von GM für 1,3 Milliarden Euro den größten Sanierungsfall in der europäischen Automobilindustrie. Zwölf Monate später hat Opel zwar noch einige Schrammen und Kratzer im Lack, aber der Motor brummt wieder. Im ersten Halbjahr 2018 erwirtschafteten die Hessen ein beachtliches Betriebsergebnis von 502 Millionen Euro. Das ist eine klare Trendwende.

Für Lobhudelei besteht aber kein Anlass. Noch hat Opel zu viele offene Baustellen. Das beginnt schon beim Gewinn. Dem guten operativen Ergebnis nach sechs Monaten stehen Restrukturierungskosten in Höhe von 406 Millionen Euro gegenüber. Die Rüsselsheimer wollen rund ein Fünftel der 18.000 Mitarbeiter abbauen.

Das angestammte Personal wird dabei sukzessive über Altersteilzeit, Vorruhestand und Abfindungen hinauskomplimentiert. Im Schnitt 150.000 Euro zahlt der Autobauer seinen Angestellten, um sie loszuwerden. Aber offenbar gibt es noch immer einen Personalüberhang.

Der Kern von Opel, das Entwicklungszentrum mit mehr als 7000 Ingenieuren, lässt sich nicht ansatzweise auslasten. Schlimmer noch: Bestehende Entwicklungsaufträge für GM brechen bald weg. Die Volumina der Arbeiten sind schon jetzt stark rückläufig. Hier muss Opel zügig eine Lösung finden, sonst steigt der Kostenblock durch die Entwickler derart an, dass Gewinne wieder in weite Ferne rücken dürften.

Opel wird künftig Stück für Stück seine Modelle von neun Plattformen unter GM auf zwei Plattformen von PSA umstellen. Das spart viel Geld. Ähnlich wie der Volkswagenkonzern versucht PSA bei seinen Marken mit möglichst viel Gleichteilen zu operieren. Während sich Skoda-Fahrer über die Technik von VW besserstellen, besteht bei Opel aber die Gefahr, dass es umgekehrt läuft: Durch PSA-Technik könnte die vormals hohe Qualität bei Opel-Modellen leiden.

Der Marktanteil von Opel liegt derzeit auf einem Allzeittief. Die Marke mit dem Blitz zierten zuletzt nur noch 5,6 Prozent aller neu zugelassenen Autos in Europa. Ob der Turnaround in Rüsselsheim tatsächlich gelingt, hängt davon ab, ob es Opel unter dem Dach von PSA schafft, auch wieder bei den Kunden zu punkten. Noch sind Zweifel angebracht.

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