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Kommentar Der Kampf um den Vorsitz zeigt der CDU den Weg zurück zur Volkspartei

Der Wettlauf um den Parteivorsitz zeigt: Wer auf Merkel folgt, muss in der CDU Wirtschaft und Soziales versöhnen.
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Die Nachfolge von Angela Merkel hat eine wichtige Aufgabe: Den sozialen und wirtschaftlichen Kern der Partei zu vereinen. Quelle: dpa
Wer wird es?

Die Nachfolge von Angela Merkel hat eine wichtige Aufgabe: Den sozialen und wirtschaftlichen Kern der Partei zu vereinen.

(Foto: dpa)

Mit dem Ende der Ära Merkel beginnt an diesem Freitag für die CDU die Aufarbeitung dessen, was unter der Vorsitzenden in den vergangenen 18 Jahren liegen geblieben ist. Es ist gewissermaßen die Anleitung dafür, wie die CDU ihren Anspruch, Volkspartei zu sein, wieder einlösen kann.

Wie dies genau gelingt, konnten die Kandidaten in den vergangenen drei Wochen hautnah auf Regionalkonferenzen, Treffen mit den Parteivereinigungen oder auf Landesparteitagen anhand von Wortmeldungen und Applaus messen.

Zunächst: Schon länger grassiert im Land das ungute Gefühl, dass Deutschland es nicht mehr kann. Flüchtlinge überrennen die Grenze, Einbrecher räumen Häuser aus, Großprojekte wie der BER offenbaren den Untergang deutscher Ingenieurskunst, Gerichte überziehen das Land mit Fahrverboten, Mieten schießen in die Höhe, trotz Wachstum und Rekordbeschäftigung treibt viele die Angst vorm Abstieg um – den sogar die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft im Sommer hinnehmen musste. Und obendrein muss auch noch das Kanzlerflugzeug notlanden, während die Regierenden vom fliegenden Taxi träumen.

Auf den Regionalkonferenzen hat all das eine Rolle gespielt. Der Applaus verriet, wonach es den Mitgliedern dürstet – etwa in Bezug auf die eigene Partei: Sie wollen nicht nur Glieder sein, sondern mit(!)machen. Allein das Format von Reden, Fragen und Antworten und die Vielfalt der präsentierten Positionen erfreuten das Parteivolk, das Volkspartei in der gesamten Breite sein will.

Es gehört schließlich zum Wesen, ja zum gesetzlichen Auftrag der Parteien, Meinungen zu sammeln und daraus mehrheitsfähige Positionen zu entwickeln, für die eine Volkspartei am Wahltag für sich in Anspruch nimmt, mindestens 30 Prozent der Wähler anzusprechen, besser noch viel mehr.

Der Applaus zeigte auch, welche Inhalte die Mitglieder wünschen: Sie sehnen sich nach Haltung und Heimat. Nahezu euphorisch reagieren sie etwa auf Friedrich Merz, wenn er das Wort „Mittelstand“ in den Mund nimmt, diesen von Bürokratie befreien will oder laut über eine Unternehmensteuerreform nachdenkt und davon überzeugt ist, dass es nach 30 Jahren deutscher Einheit auch mal gut sein muss mit dem Solidaritätszuschlag.

Die CDU hat sich immer als Wirtschaftspartei verstanden, für die auch Ordnungspolitik zum Leitbild zählt. Es auch zu hören scheint für viele Balsam auf die geschundene Seele zu sein. In Jubel brechen die Mitglieder auch aus, als Annegret Kramp-Karrenbauer das C und das D und das U der Partei buchstabiert: als christliche Debattenpartei vereint als Union, und sich den Hinweis erlaubt, Familie definiere sich nicht als Wohngemeinschaft, in der man sich das WLAN teilt. So etwas kommt ebenso gut an wie die Forderung nach einer allgemeinen Dienstpflicht, um das Gemeinschaftsgefühl im Land zu stärken.

Investoren wollen keinen Masterplan, sondern Leitplanken

Und auch beim Blick von Jens Spahn ins Jahr 2040 lauschen die Mitglieder in der Hoffnung, dass dann noch das Wohlfahrtsversprechen gilt, wonach es jeder Generation ein bisschen besser gehen soll als der vorherigen, und dass zuerst erarbeitet werden muss, was später verteilt wird.

Die Welt soll sich ruhig ändern, aber die Heimat Heimat bleiben, in der nicht Roboter genmanipulierte Menschen beherrschen, selbstfahrende Autos das Steuer übernehmen oder Digitalkonzerne und Geheimdienste mit Big Data unsere Bedürfnisse erkennen, bevor wir sie selbst sehen. Die Angst vorm Unterliegen und Fremden ist groß.

Die Kandidatentour hat all das gespiegelt. Ganz gleich, ob Kramp-Karrenbauer, Merz oder Spahn: Jeder von ihnen wird das Gleichgewicht zwischen Wirtschaft und Sozialem wiederherstellen müssen. Die einen Interessen sind global, die anderen lokal. In Zeiten, in denen die Automobilbosse zum Stelldichein nach Washington reisen, zeigt sich, wie wenig national Unternehmenslenker denken.

Ebenso gilt dies, wenn der Pharma- und Chemieriese Bayer weltweit 12.000 Stellen abbaut, die meisten davon in der Heimat Deutschland. Zugleich offenbart der demografische Wandel, dass wir ohne Fachkräfte von außen nicht in der Lage sein werden, der Hochtechnologiestandort der Welt par excellence zu bleiben und zugleich unsere sozialen Sicherungssysteme in der heutigen Form zu erhalten.

Investoren wie Bürger wollen keinen Masterplan, aber Leitplanken, die ihnen den Weg weisen. Wissen und Gewissheit vertreiben bekanntlich Angst und nehmen Rattenfängern ihre Lockmittel. Leitet dann noch eine Vision und nicht nur die Verwaltung des Status quo, erwächst daraus sogar Zuversicht.

Den Wunsch danach zeigten die Mitglieder, als sie die Forderung bejubelten, nicht länger SPD-Politik in Berlin zu beschließen, sondern eigene Positionen durchzusetzen. Nur so gelingt der Aufbruch in eine neue Zeit. Es ist die Aufgabe der neuen Führung, die Breite der Partei wieder aufzuspannen und ihr Gehör zu verschaffen. Ansonsten wird sie zerreißen.

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